Schul-Debatte Je kleiner die Klasse, desto besser - oder?

Lehrer beklagen gern, ihre Klassen seien zu groß. Und viele Eltern stimmen zu. Aber nützen kleinere Lerngruppen wirklich dem Unterricht? Schulpädagogikprofessor Klaus Zierer bezweifelt das.

Fünftklässler im Unterricht (Archivbild)
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Fünftklässler im Unterricht (Archivbild)


Zur Person
  • Klaus Zierer
    Klaus Zierer (Jahrgang 1976) war Grundschullehrer und ist seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Er hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt erschien "Kenne deinen Einfluss! 'Visible Learning' für die Unterrichtspraxis" zusammen mit John Hattie.

Brauchen wir kleinere Klassen? Diese Frage wird nach den Ergebnissen der Pisa-Studie von Eltern und Lehrern wieder heftig diskutiert.

Auf den ersten Blick erscheint es nahe liegend, dass eine Reduzierung der Klassengröße zu besseren Dialogen und damit auch zu einem besseren Unterricht führt. Aber ganz so einfach ist es nicht, das haben zahlreiche Studien gezeigt. Schauen wir uns die häufigsten Argumente doch mal an:

"In kleineren Klassen können Lehrer mehr Feedback geben."

Das ist richtig und lässt sich auch empirisch belegen. Aber erfolgreiches Feedback ist nicht eine Frage der Quantität, sondern der Qualität. Mehr Feedback bedeutet in der Regel: mehr von dem, was Lernende sowieso schon erfahren. Überspitzt formuliert: Was bringt es einem Schüler, wenn er nach der Reduzierung der Klassengröße nicht nur fünfmal erfährt, dass er die Aufgabe falsch gelöst hat, sondern zehnmal? Feedback, und das ist entscheidend, muss nicht mehr werden, um wirken zu können. Es muss ein anderes werden.

"In kleineren Klassen wird mehr gesprochen."

Auch das ist richtig und lässt sich empirisch belegen. Aber: Wer spricht mehr? Die Schüler oder die Lehrer? Häufig sind es die Lehrer. Sie füllen den freiwerdenden Raum mit Monologen.

"In kleineren Klassen haben Lehrer mehr Zeit und sind weniger gestresst."

So naheliegend diese Aussage ist, sie lasst sich empirisch nicht eindeutig belegen: Viele Lehrer, die in größeren Klassen gestresst sind, sind es häufig auch in kleineren. Denn der Grund für den Stress ist nicht die Klassengröße. Es ist die ausbaufähige Professionalität. Gestresste Lehrer müssen ihre Kompetenzen erweitern, eine Haltung entwickeln.

Durchschnittliche Klassengröße in verschiedenen Schularten
SPIEGEL ONLINE

Durchschnittliche Klassengröße in verschiedenen Schularten

Die Frage nach der idealen Klassengröße ist deshalb nicht allgemein beantwortbar: Für die einen mögen es höchstens 30 Schüler sein, für die anderen mindestens 15. Die perfekte Anzahl variiert stark zwischen den Extremen "zu groß" und "zu klein". Und sie variiert noch stärker, wenn man Unterrichtsfach und Unterrichtsziel in Betracht zieht.

Der Schluss aus diesen Überlegungen darf aber nicht sein, dass eine Reduzierung der Klassengröße nichts bringt. Sie kann schon etwas bringen - wenn die Lehrer sie nutzen. Für intensivere Gespräche, herausfordernde Auseinandersetzungen und anregende Dialoge. Kompetenz und Haltung ist hierfür unabdingbar.

Es lohnt immer, über kleinere Klassen zu streiten und dafür zu kämpfen. Aber das kann nur der erste Schritt sein - nicht mehr, nicht weniger. Der zweite Schritt muss sein, die Menschen zu stärken, die in diesen Strukturen wirken, damit sie sie zum Leben erwecken können. Denn eines ist und bleibt Bildung im Kern: eine Interaktion zwischen Menschen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
bkrak 09.01.2017
1. Und wieder einmal...
...zeigen SPIEGEL und "Schulpädagogen"(die kaum Praxiserfahrung haben und sich aus Schulangst in die Theorie flüchten) wie erdrückend wenig Ahnung sie von meinem Beruf haben.
weto1 09.01.2017
2. Selten etwas Gehaltloseres gelesen.
Mein Morgen beginnt mit dieser Aussage: Die Klassengröße "kann schon etwas bringen - wenn die Lehrer sie nutzen. Für intensivere Gespräche, herausfordernde Auseinandersetzungen und anregende Dialoge." Super. Das hilft weiter... /irony off. Der Text ist eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen und geht weder auf einzelne Fächer noch auf verschiedene Altersstufen ein. Ein motivierter, aber leicht überforderter Erstklässler braucht andersartige Unterstützung als ein pubertärer Achtklässler oder ein Schüler im 12er Englisch-Leistungskurs. Ein Lehrer muss aus Sicherheitsgründen auf Chemie-Experimente und Sportübungen einen anderen Blick haben als auf das Schreiben eines Aufsatzes. Der Artikel ist quasi nutzlos. Klaus Zierer studierte laut Wikipedia "von 1996 bis 2001 das Lehramt an Grundschulen und war von 2004 bis 2009 als Grundschullehrer tätig." Meines Erachtens ist das kein ausreichendes Fundament für solch generelle Aussagen.
farbkasten 09.01.2017
3. Warum auch?
Wieso auch sollte man sich von der Ökonomisierung des Unterrichts abwenden, wo es doch vor allem mehr Geld kosten würde (mehr Räume, mehr Lehrer)?! Chefs und Angestellte sind idR doch auch ganz begeistert von den Arbeitsbedingungen in Großraumbüros - am besten noch mit einer morgendlichen "Reise nach Jerusalem" vor Arbeitsbeginn :) Man wächst mit seinen Aufgaben.
schratz_mich 09.01.2017
4. Pseudowissenschaftliches Geschwafel
Wer ernsthaft glaubt, dass man in Klassen mit 30 Schülern gleich gut lernen kann wie in kleinen Klassen mit z.B. 12, der sollte sich mal selbst in den Unterricht setzen und hospitieren. Anschließend beginnt dann hoffentlich eine Diskussion, wie man unsere Schulklassen verkleinern kann!
Eiseob 09.01.2017
5. Veraltetes System
Viel wichtiger, als die Klassengröße, ist die Frage warum wir immer noch so viel Frontalunterricht haben. Die technologische Entwicklung ist soweit vorangeschritten, dass wir eine solche Massenabfertigung mit all ihren negativen Auswirkungen nicht mehr brauchen. Eine individualisierte Inhaltsvermittlung kombiniert mit der praktischen Umsetzung des gelernten in Gruppenprojekten sollte im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Blendid Learning und Mastery Learning sind hier die Stichworte. Zudem sollte die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler genauso große Aufmerksamkeit erfahren, wie die Allgemeinbildung. Gerade wo Tugenden nicht mehr durch die Eltern vermittelt werden ist dies bitter nötig. Profitieren würden aber alle davon.
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