Guter Schulunterricht "Möglichst viel Wissen anzusammeln ist nicht mehr zeitgemäß"

Die Meinungen darüber, was guten Unterricht ausmacht, gehen auseinander. Im Interview erklärt Politikdidaktiker Volker Reinhardt, wann Schulstunden wirksam sind - und wann nicht.

Schulunterricht im niedersächsischen Hatten (Archivbild)
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Schulunterricht im niedersächsischen Hatten (Archivbild)

Ein Interview von


Was guten Deutsch-, Kunst- oder Chemieunterricht ausmacht - darüber wissen Schulforscher eigentlich viel zu wenig, findet der Freiburger Politikwissenschaftler Volker Reinhardt. Immer wieder würden ihn seine Lehramtsstudenten nach wirksamen Rezepten für guten Unterricht fragen, sagt er. Und das, obwohl die Bildungsforschung in den vergangenen Jahren boomt und es eigentlich jede Menge Untersuchungen zu dem Thema gibt.

Zur Person
  • Volker Reinhardt ist Professor für Politikwissenschaft und Politikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Zusammen mit seinen Kollegen Markus Rehm und Markus Wilhelm hat er erforscht, wie wirksamer Fachunterricht in der Schule gestaltet sein sollte. Die Ergebnisse erscheinen, aufbereitet in einer Buchreihe für elf verschiedene Fächer, Anfang März.

SPIEGEL ONLINE: Große Studien zur Qualität von Schulunterricht gab es in den vergangenen Jahren viele. Am bekanntesten dürfte die Untersuchung des neuseeländischen Pädagogen John Hattie sein, der Tausende Studien weltweit zusammengefasst hat. Warum glauben Sie, dass wir trotzdem immer noch nicht genug über guten Unterricht wissen?

Reinhardt: Sie haben recht, es gibt schon sehr viele Untersuchungen. Aber die allermeisten schauen allgemein und nicht fachspezifisch auf die Schule. Genau das aber ist doch für viele Lehrer die Frage: Was bedeuten die Ergebnisse für meinen Unterricht in Mathematik, Politik oder Erdkunde? Was muss ich konkret tun, um wirksamen Unterricht in meinem Fach anzubieten?

SPIEGEL ONLINE: Und diese Antworten können Sie jetzt liefern?

Reinhardt: Zumindest teilweise. Dafür haben wir Experten aus Schulen und Hochschulen befragt, und zwar zu insgesamt elf Unterrichtsfächern. Es ist klar, dass ungeachtet der allgemeinen didaktischen Grundlagen der Unterricht beispielweise in Kunst und Mathematik ganz unterschiedlich aufgebaut sein muss, um wirksam zu sein. Uns interessierte, wie viel fachwissenschaftliches und wie viel fachdidaktisches Wissen die Lehrkräfte jeweils brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Und? Gibt es eine klare Antwort?

Reinhardt: Das hängt, wie erwartet, vom Fach und von den befragten Experten ab. In meinem Fach, der Politikwissenschaft, gibt es da zwei Sichtweisen: eine, die ganz stark auf echtes Fachwissen über politische Zusammenhänge und Verfahren setzt. Und eine, die erst einmal auf die Vorerfahrungen der Schüler schaut. Der erste Blickwinkel geht eher davon aus, dass es bei Schülern fehlendes oder falsches Wissen gibt, das richtig gestellt werden muss. Der zweite besagt, dass es bereits bestehende Konzepte und ein Vorwissen gibt, auf das man aufbauen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Reinhardt: Wenn Grundschüler sagen: "Angela Merkel ist die Königin von Deutschland", dann kann ich das entweder als Fehler werten, der ausgebügelt werden muss. Oder ich erkenne an, dass es da ein Konzept gibt, das auch Richtiges enthält: Merkel hat etwas zu sagen, sie hat Macht und ist wichtig in Deutschland. Daraus ergeben sich dann ganz unterschiedliche Unterrichtsstile.

SPIEGEL ONLINE: Und welcher davon ist wirksamer?

Reinhardt: Unsere bisherigen Befunde deuten darauf hin, dass die Idee von möglichst vielem Wissen, das Schüler sammeln müssen, nicht mehr zeitgemäß ist. Das entspricht eher der alten Vorstellung vom Gymnasialunterricht. Heute ist es wichtiger, Kompetenzen zu erlernen. Da geht es nur sekundär um die richtige Amtsbezeichnung der Bundeskanzlerin, sondern vielmehr darum, dass die Schüler Demokratie lernen und leben. Mit anderen Worten: dass sie die grundlegenden Ideen verstehen und auf verschiedene Situationen übertragen können.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das für alle Schulfächer?

Reinhardt: Grundsätzlich schon. Allerdings hat sich gezeigt: In den Naturwissenschaften steht die Kompetenzorientierung heute viel stärker im Mittelpunkt als bei den Sozial- und Geisteswissenschaften. Ich bin selbst Sozialwissenschaftler, aber das muss man neidlos anerkennen: Die Naturwissenschaften sind da deutlich weiter. Um das zu ändern, bräuchten wir eine Stärkung der fachdidaktischen Forschung - und zwar in allen Schulfächern. Also nicht nur in Mathematik oder Biologie, sondern auch in Musik und Kunst, Geschichte und Geografie.

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lobivia 11.05.2018
1. Homo politicus
Kompetenzen, die übrigens seit Bologna Realität sind, haben einen hohen Stellenwert, sind jedoch ohne Antizipation konkreter be-greifbarer Sachverhalte nicht zu erlangen. Diese entstehen aus fachdidaktischen Gegebenheiten und stellen im Lernprozess Alternativen zu vorhandenen Konstruktionen dar. Es grüßen die evolutionäre Epistemologie und das forschend-entdeckende Lernen. Das Interview zeigt nur einmal wieder einen zeitgeistigen Bias.
specialsymbol 11.05.2018
2. Kompetenzen sind Schmarrn
Man erwirbt Kompetenz nur durch Wissen. Man kann nur dann in etwas kompetent sein, wenn man weiß wovon man redet - und das bedingt, Dinge zu wissen, um sie in Kontext setzen zu können. Bestes Beispiel sind unsere Politiker: sie proklamieren sich als kompetent in allem, wissen aber nichts. Das sieht man bereits daran wie sie häufig die Ressorts wechseln und dann behaupten überall gleich kompetent zu sein, weil sie die Fähigkeit zur "Kompetenz" einfach so besitzen. Jedem muß klar sein, dass das Schmu ist. Man sieht auch zu was es führt: Deutschland steht immer schlechter da, die Infrastruktur bröckelt, es gibt keine Ziele, keine Lösungen für Probleme, keine Konzepte und niemand weiß wie man die wenigen Ideen, die aufkommen, umsetzt. Das einzige Konzept, das aktuell funktioniert, ist "weiter so" - aber dafür braucht man eigentlich keine Politiker. Kompetenzen sind das neue "von Gottes Gnaden". Man kann es nicht erwerben, man kann nur behaupten es zu besitzen. Wer "Kompetenz" in der Schule lernt, lernt nichts anderes, als Leuten, die behaupten "kompetent" zu sein, genau das zu glauben. Am Ende ist es Gehirnwäsche und nichts anderes, als was vor hundert Jahren von der Kanzel gepredigt wurde. Wahrhaft kompetente Menschen, die aufrund ihres Wissens kompetent im ursprünglichen Sinne sind, werden hingegen ignoriert und als Faktenfetischisten oder Zahlenmenschen aufgrund ihres Hintergrundwissens abgekanzelt (siehe jede Talkshow in welcher wahrhaft kompetente Menschen auftreten - nach ein paar abstrakten Zahlen und Fakten wird denen das Rederecht entzogen und "kompetente" Politiker dürfen ihren Dampf verbreiten).
klaus64 11.05.2018
3. Da gibt es einen Spruch
"Wissen ist Macht, nichts wissen macht nichts". Auf in die Zukunft !
freigeistiger 11.05.2018
4. Merkwürdige Aussagen von Ex-Perte
Guter Unterricht hängt hauptsächlich von der Persönlichkeit des Lehrers ab, d.h. u.a. gute Darstellung des Sachverhaltes und Einübung. Unabhängig von der Unterrichtsform. Es geht darum ob es Freude macht von Jemandem etwas zu lernen. Reinhard führt an, er hätte Experten befragt. Dass ist lediglich eine Meinungsumfrage unter Involvierten. Natürlich muss man auch Fakten lernen. Als Grundlagenwissen, um später auf diesen Fundus im konkreten Fall aufbauen zu können. Um Sachverhalte zu verstehen. Natürlich muss man dann auch Kompetenzen lernen, Neues mit dem Bekannten zu verstehen und sich eine kritische Meinung bilden. Es darf nicht darauf hinaus laufen, dass ich habe zwar keine Ahnung von Irgendwas, aber ich bin selbstbestimmt. Im Elternhaus und in der Schule sollte auf die richtige Benennung Wert gelegt werden. Sprechen ist ein Teil des Denkens. Gutes Sprechen macht gutes Denken. Flaches Sprechen macht flaches Denken. Ich möchte keine Gesellschaft haben, in der es nur „’Menschen mit besonderen Fähigkeiten“’ gibt.
keine-#-ahnung 11.05.2018
5. "Möglichst viel Wissen anzusammeln ist nicht mehr zeitgemäß"
Jetzt ist bei mir der Groschen gefallen - die Vielzahl der AZUBI-Bewerber bei mir sind gar nicht blöd wie Bolle, sie repräsentieren lediglich ihren zeitgemässen Bildungsstand. Da muss ich mich ja noch retrospektiv vielfach entschuldigen :-) ! "Der zweite besagt, dass es bereits bestehende Konzepte und ein Vorwissen gibt, auf das man aufbauen kann." Genau! Königin ist Königin ist Königin ... einfach Fehlwissen verfestigen, ist die neue Losung. Die konsequente Fortentwicklung des Schreibens nach Gehör ... "Unsere bisherigen Befunde deuten darauf hin, dass die Idee von möglichst vielem Wissen, das Schüler sammeln müssen, nicht mehr zeitgemäß ist. Das entspricht eher der alten Vorstellung vom Gymnasialunterricht. Heute ist es wichtiger, Kompetenzen zu erlernen." Ja um Gottes Willen ... der alte Gymnasialunterricht hat Bildungsbürger aka Abiturienten aus den Schulen entlassen, das wollen wir heute aber nicht mehr haben. Kompetenzen sind viel wichtiger ... also in bspw. in Butterstulle schmieren oder sich alleine die Haare schön machen können. Ein Hurra auf die allgemeine Hochschulberechtigung ... Hochschulreife ist ja sooo old school! "Und das, obwohl die Bildungsforschung in den vergangenen Jahren boomt und es eigentlich jede Menge Untersuchungen zu dem Thema gibt." Das beschreibt die Ursache der aktuellen Bildungsmisere eigentlich trefflich. Zuviele kompetente, aber unwissende Geisteswissenschaftler, die ihr Unwissen immer weiter in die Bildungspolitik zu drücken versuchen. Die Schülergeneration kann einem wirklich leid tun - gut geschützt vor einem effektiven Frontalunterricht. Dafür am Ende nix ausser Trullala in der Birne ... :-) Die letzte Maischberger-Sendung war diesbezüglich eine Offenbarung - wurde aber zumindest auf SPON nicht rezensiert. Ein Schelm, der Böses dabei denkt :-)
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