Ungleiche Geschwister in der Schule Wenn der Schwester alles gelingt - und dem Bruder nichts

Charlotte ist eine typische Einserschülerin, intelligent, ehrgeizig, zielstrebig. Ihr Bruder ist das komplette Gegenteil, nimmt Drogen, gibt sich keine Mühe. Ein Hamburger Lehrer unterrichtet beide und fragt sich: Wie kann das sein?

Bruder und Schwester (Archivbild)
Getty Images/Blend Images

Bruder und Schwester (Archivbild)


Paul kommt auf die Bühne, das Publikum klatscht erleichtert. Viele kennen seine Geschichte. Der Schulleiter gibt ihm erst die Hand und dann das Zeugnis. Er hat es geschafft, das Abitur, zwar kein gutes - aber immerhin. Die meisten hätten ihm das nicht mehr zugetraut.

Paul ist bleich, hat Ringe unter den Augen. Sein Blick wirkt unbeteiligt, als wäre er nicht richtig dabei. Er steht ein wenig deplatziert da, bewegt seinen Kopf leicht vor und zurück, wie ein eingesperrtes Tier. Dann wandelt er unter Applaus zurück zu seinem Platz. Paul ist noch nicht raus aus der Sache. Mit seinen 18 Jahren hat er schon einiges hinter sich: Drogen, Depressionen, Psychiatrie. Bei seinem Anblick wird mir klar, wie unwichtig das Abitur eigentlich ist.

So schlau, dass ich fast Angst vor ihr habe

1+, die Note gibt es nicht, aber ich schreibe sie trotzdem fast immer unter die Klassenarbeiten von Charlotte. In vier gestochen scharfen Sätzen fasst sie zusammen, wofür ihre Klassenkameraden eine Seite brauchen. Egal ob in Deutsch, Englisch oder Mathe, Charlotte ist eine Einserschülerin - und so schlau, dass ich fast Angst vor ihr habe. Wenn ich mal nicht aufpasse und einen Fehler mache, entdeckt sie ihn sofort. Bei der Unterrichtsvorbereitung denke ich immer daran, ihr standhalten zu müssen.

Und Charlotte hat einen Bruder: Paul!

Solch ungleichen Geschwistern begegne ich immer wieder. Ich weiß nicht, ob es dazu verlässliche Studien gibt, aber nach meiner Erfahrung sind Charlotte und Paul kein Einzelfall. Klar gibt es auch intelligente, perfekt harmonierende Geschwister wie die Math42-Gründer, die längst Millionäre sind. Aber ich habe häufig beobachtet, dass ein außergewöhnlich begabtes, ehrgeiziges Kind oft eine schwierige Schwester oder einen schwierigen Bruder hat.

Woran das liegen mag? Ist es wie in der Komödie "Twins" mit Arnold Schwarzenegger, als Danny DeVito am Ende erfährt, dass sein Bruder alle guten Gene bekommen und er nur den "genetischen Müll" abgekriegt hat? So etwas gibt es nur im Film.

Oder hängt das Phänomen mit dem Geschlecht zusammen? Tatsächlich verhalten sich Jungs weniger konform, aber ich habe es auch schon andersrum erlebt. Mädchen leiden dann eher passiv, fehlen viel in der Schule oder rutschen in Magersucht.

Vielleicht sind sich scheinbar so unterschiedliche Geschwister auch gar nicht so unähnlich: Sie suchen beide nach Extremen. Besonders aggressive Affenjunge kämpfen schon an der Mutterbrust um den größten Milchanteil. Entweder die Mutter stößt sie weg, dann sterben sie. Oder sie werden besonders groß und später Alphamännchen.

Wenn es in der Erziehung nur Siegen oder Scheitern gibt

Das Leben als Einserschüler ist ein harter Kampf, Armeen von Schweinehunden bleiben da auf der Strecke. Statt nach draußen zum Fußball oder an die Konsole oder das Smartphone führt der Weg immer wieder an den Schreibtisch. Es ist ein Kampf, der belohnt wird. Aber was ist, wenn jemand ihn nicht annimmt? Wenn ihm das, was wir ihm beibringen wollen, nichts bedeutet? Wenn die Standards der Geschwister so meilenweit entfernt erscheinen, dass sie eh unerreichbar sind? Dann fühlt sich Schule an wie eingesperrt sein.

Vielleicht ist dies auch das Risiko einer Erziehungsstrategie, die auf maximalen Erfolg setzt: entweder Siegen oder Scheitern. Dazwischen gibt es nichts. Wer die Tortur aus Geigenunterricht, Frühenglisch und Programmierkursen übersteht, wird extrem erfolgreich. Aber einige überstehen sie nicht.

Hohe Ansprüche können motivieren oder immer wieder enttäuschen. In jedem Fall sind viele Einserschüler eher abhängig von einem Urteil von außen. Einen soliden Dreierschüler bringt auch eine schlechte Note nicht aus dem Konzept. Das Streben nach Erfolg macht angreifbar.

Als Julius, der auch so eine Einserschülerin als Schwester hat, mal wieder ohne Grund zu heulen anfängt, nehme ich ihn nach der Stunde zur Seite. Er kann mir einfach nicht erklären, was mit ihm los ist. Aber er wirkt, als laste ein tonnenschwerer Druck auf ihm.

"Julius, fühlst du dich wie in einer Glaskugel gefangen?", frage ich ihn. "Als müsstest du nur einmal mit der Faust mit voller Kraft dagegen schlagen, um danach durch die Scherben in die richtige Welt zu gehen?"

Julius nickt mir traurig zu. Warum ich weiß, wie sich das anfühlt? Ich hatte auch so einen Bruder.

Und jetzt kommen Sie
    Sie sind Lehrer oder Lehrerin und möchten auch etwas gestehen, erzählen, loswerden? Dann schicken Sie uns gern Ihre kurze Geschichte (mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden) an:
  • Lehrer@spiegel.de

Der Autor unterrichtet an einem Hamburger Gymnasium.

insgesamt 69 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 31.05.2018
1. Ein häufiges Phänomen
Für die Eltern bedeutet das, es gibt kein perfektes Erziehungskonzept, sondern nur perfekte Kinder. Man muss nur ihre individuellen Stärken und Probleme erkennen. Wenn sich jedes Kind so angenommen fühlt, wie es ist, ohne ständig Bruder oder Schwester als Vorbild präsentiert zu bekommen, kann es sich so entwickeln, das es auf seine Art lebenstüchtig wird. Ein begabter Handwerker in der Akademiker Familie ist ein Gewinn und kein Versager. Das lässt sich auf vieles übertragen. Wer ein Kind nach individuellen Kriterien fördert, vermittelt ihm Sicherheit und Erfolge. Individuelles Glück ist nicht von der Abi Note abhängig und auch ein Einser Abiturient schafft nicht alles, wenn er im falschen Studium landet.
cedebe 31.05.2018
2. interessante Gedanken, aber
ich finde es ein wenig unreflektiert, Einserschüler pauschal mit Lerndrill der Eltern gleichzusetzen. das stimmt nicht. es gibt da mehr Facetten. zum eigentlichen Inhalt, ich kenne das auch. bei meinem Bruder und mir war es aber so, dass wir beide das Potenzial zum Einserschüler hatten. Ihn hat der Stoff selten interessiert, ich habe mich für nahezu alles begeistern können. so wurde er 3er-Abi und ich 1er-Abi. Gedrillt wurden wir nicht, Bildung war und ist einfach ein hoher Wert in der Familie. Mein Bruder sagt sich, meinen Intellekt muss ich keinem beweisen, und ich sage, Herausforderung angenommen. manchmal sind es einfach nur die Charakterzüge, die entscheiden.
freigeistiger 31.05.2018
3. Hobbypsychologie ist gefährlich
LehrerInnen, ErziehrInnen, SozialarbeiterInnen etc. sind keine PsychologInnen. Sie haben einige rudimentäre Kenntnisse. Überschätzen sich aber oft mit ihrem Teilwissen. Angewandtes Unwissen wird dann gefährlich weil etwas falsch verstanden und falsch angegangen wird. Deshalb finden Betroffene auch nicht die richtige Hilfe. Die geschilderten Fälle sind natürlich nur oberflächlich geschildert. Sie lassen aber schon auf eventuelle Gründe für die Schwierigkeiten schließen. Beispielsweise der vorletzte Absatz ist für Depressionen typisch. Die mögliche Ursache lässt sich aus dem Vorhergehenden ableiten. Wegen der geringen Information halte ich es hier mit Sokrates „Ich weiß dass ich (es) nicht weiß.“
neptun680 31.05.2018
4. Entweder oder
In einer extrem einseitig auf Leistung, Materialismus und Konformismus hin fixierten Gesellschaft, bleibt die Ausbildung solcher Polaritäten nicht aus. Die Natur wird gezwungen die bevorzugten Eigenschaften der Gruppe auszugleichen, da sie nur einen bestimmten Ausschnitt des gesamten lebendigen Bildes wiedergeben. Derartige Fixierungen, die nicht selten zur Besessenheit werden, beschwören das entsprechende Gegenteil gerade zu. Kurzes Beispiel - stark vereinfacht: Jemand, der die Irrationale Welt ablehnt, leidet etwa unter Albträumen; Jemand, der die rationale Welt ablehnt, leidet an Panik Attacken. Den beiden Geschwistern kann man nur raten, zu einer gewissen Normalität zurück zu finden (was mit einem guten Dreier beschrieben wurde). Unsere Gesellschaft, mit ihrer einseitigen Ausrichtung, wird sie darin wenig unterstützen können. Daher sollten alternative Möglichkeiten gesucht werden.
teaki 31.05.2018
5. Individuum oder „der Bruder von...“
Ich habe einen Bruder, der auch seine Erfüllung darin sah ein 1er Schüler zu sein. Mein Problem war, dass ich als jüngeres Geschwisterteil auf der gleichen Schule immer nur „der Bruder von...“ war. Ich wollte aber als Individuum gesehen werden und der einzige Ausweg war ganz anders zu werden. In der Folge flog ich von der Schule und machte einen langen Umweg über den dritten Bildungsweg. Heute bin ich der Erfolgreichere von uns beiden. Die Schuld dafür sehe ich noch heute bei schlechten Lehrern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.