Strategisches Lernen So wurde ich vom schlechten Schüler zum Einser-Abiturienten

Bis zur elften Klasse war Tobias Brandt fast immer versetzungsgefährdet, doch das Abi schaffte er mit einer Eins vor dem Komma. Das kann jeder, sagt er - man muss sich nur an die 80/20-Regel halten.

Tobias Brandt, Jahrgang 1997
Studioline Photography Berlin

Tobias Brandt, Jahrgang 1997

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Brandt, Sie sagen von sich selbst, es gleiche einem Wunder, dass Sie das Abi gepackt haben. Warum?

Brandt: Bis zur 7. Klasse hatte ich wirklich gute Noten, doch ab dann interessierte ich mich nur noch für Sport, Mädchen und Feiern. Vor allem in Mathe, Biologie und Chemie bekam ich nur noch Vieren. Jedes Jahr musste ich bangen, ob ich versetzt werde. Zum Glück haben mich meine guten Noten in Sport rausgerissen, sonst wäre ich sitzengeblieben.

Zur Person
    Tobias Brandt, geboren 1997, wäre fast nicht zum Abitur am Marie-Curie-Gymnasium in Dallgow, Brandenburg, zugelassen worden - und schaffte es dann 2016 mit einem Notendurchschnitt von 1,7. In seinem Buch "Der entspannte Weg zum 1er-Durchschnitt" gibt er nun anderen Schülern Tipps.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie schließlich ein Einser-Abi gemacht. Wie kam es dazu?

Brandt: Nach der 10. Klasse wäre ich fast nicht zum Abitur zugelassen worden. Das war der Moment, als ich beschloss, etwas zu ändern. Ich war bis dahin in einer ziemlichen Chaos-Klasse, viele meiner Freunde haben die Schule verlassen. Wir wurden nun in Kurse aufgeteilt, und da merkte ich, dass es auch anders geht - ich wurde zielstrebiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es Ihnen damals?

Brandt: Ich war gestresst, hatte keine Freizeit mehr, habe nur noch gelernt. Das war frustrierend. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass einige meiner Mitschüler total entspannt waren, super Noten hatten und nicht viel dafür tun mussten. Da habe ich mir gedacht: Das will ich auch. Ich habe sie dann eine Weile beobachtet und mir gewisse Tricks abgeguckt.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre wichtigste Erkenntnis?

Brandt: Der Großteil dessen, was ich für die Schule gemacht habe, hatte gar keine Auswirkungen auf meine Noten. Man nennt das Phänomen die 80/20 Regel. Sie besagt, dass man mit nur 20 Prozent seiner Zeit 80 Prozent seines Erfolgs sichern kann. Man muss nur wissen, wie man es anstellt.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Brandt: Ein Beispiel sind Hausaufgaben. Da gibt es wichtige und weniger wichtige. Hausaufgaben, die vom Lehrer benotet werden könnten, haben absolute Priorität. Die würde ich immer als Erstes machen. Wenn der Lehrer dagegen sagt, lest euch zur Vorbereitung das Kapitel über die Weimarer Republik durch, kann man sich das getrost sparen. Der Stoff wird in der Stunde ohnehin drankommen, und benotet werden kann das auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber geht es in der Schule nicht ums Lernen? Ein Kapitel über die Weimarer Republik kann doch nicht schaden, oder?

Brandt: Klar, wenn man sich dafür interessiert. Sonst ist es eine ziemliche Quälerei, die auch noch Zeit frisst. Statt mich durch ellenlange und langweilige Buchkapitel zu kämpfen, habe ich mir Zusammenfassungen auf YouTube angeschaut. Der einzige Haken: Man muss schon darauf achten, dass die Informationen aus vernünftigen Quellen stammen. Bei YouTube kann schließlich jeder Videos hochladen - da ist dann auch viel Mist dabei. Ein Kanal, den ich empfehlen kann, ist beispielsweise "The Simple Club". Dort werden komplizierte Prozesse anschaulich erklärt.

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SPIEGEL ONLINE: Aber gehört es nicht zum Schülerleben dazu, sich auch mal durch komplizierte Texte zu quälen?

Brandt: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Mit den Videos kann man sich erst mal eine Basis schaffen. Mir hat Visualisierung beim Lernen immer geholfen. Ich habe mir beispielsweise oft Skizzen gemacht. Um mir Details über die Konferenz von Casablanca nach dem Zweiten Weltkrieg einzuprägen, habe ich die Länderumrisse gezeichnet. Ich weiß auch nicht, warum, aber ich verbinde Casablanca mit Cannabis, also habe ich die Länder mit Joints versehen, Jahreszahlen in die Skizze geschrieben und mir dann noch vorgestellt, dass Roosevelt und Churchill ein Pfeifchen rauchten und Stalin lieber russischen Wodka trank - und schon war alles klar. (Anmerkung der Redaktion: Die Konferenz fand 1943 während des Kriegs statt. Wer teilnahm und was besprochen wurde, lesen Sie hier.)

SPIEGEL ONLINE: Und das hat funktioniert?

Brandt: Dank des Krickelkrakels habe ich eine Eins in dem Test zu der Konferenz bekommen und eine Zwei plus in der Klausur.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie denen, die kurz vor den Abi-Prüfungen das Ruder noch rumreißen wollen?

Brandt: Es hat überhaupt keinen Sinn, stoisch allen Stoff ab der 8. Klasse zu wiederholen. Gerade in Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Musik. Das kommt ohnehin nie wieder dran. Wichtiger ist es, die Methoden zu verstehen. Wie man zum Beispiel eine Gedichtinterpretation schreibt. Bei Mathe und Chemie sieht das schon anders aus. Wenn da die Grundlagen fehlen, kommt man schnell ins Schwimmen. Ums Wiederholen kommt man da nicht herum. Aber es bringt nichts, Stochastik zu wiederholen, wenn im Unterricht Kurvendiskussion dran ist. Man sollte immer die Grundlagen zu dem Thema wiederholen, das auch gerade behandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch empfehlen Sie Schülern, bei Hausaufgaben schon mal nur die ersten zwei Aufgaben zu lösen und den Rest wegzulassen, um sich dann im Unterricht gleich am Anfang zu melden und mit der korrekten Antwort zu glänzen. Ist das nicht Betrug?

Brandt: Klar ist das Schummelei, aber eine, die sich lohnt. Ich finde das deshalb okay, besonders wenn sich Aufgaben wiederholen. Der Schüler spart Zeit und hinterlässt ohne großen Aufwand einen guten Eindruck beim Lehrer. Da wären wir wieder bei der 80/20-Regel.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen machen Sie ein Duales Studium. Helfen Ihnen die Tricks da weiter?

Brandt: In der Schule ist das Verhalten im Unterricht enorm wichtig für die Noten, beim Studium ist das egal, außer man benimmt sich richtig daneben. Der Prof hat viel zu viele Studenten, einzelne kann er sich da ohnehin nicht merken. Außerdem reicht es nicht mehr, die Hausaufgaben einen Tag vorher zu erledigen. Allerdings gilt die 80/20-Regel auch hier. Mit Aufgaben, die viel Zeit fressen, aber nichts bringen, sollte man sich nicht lange aufhalten. Was bringt es beispielsweise, sich für jede Klausur aufzureiben, wenn es eh nur ums Bestehen geht? Allerdings ist einfach nur Bestehen im Studium nicht mehr so einfach wie noch in der Schule.

insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 14.05.2018
1. Wenn der Lehrer sagt...
"Lest euch mal das Kapitel zur WEimarer Republik in dem Buch durch", dann brauche man das nicht zu machen? Ja, bei manchen Lehrern funktioniert das, das war zu meinen Schulzeiten auch so. Mündliche Hausaufgaben brauchte man als gute Schülerin eigentlich nie zu machen, wenn man nicht auf den Kopf gefallen war. Aber es gab auch Lehrer, z.B. meinen Französisch-Leistungskurs-Lehrer, der das mit den mündlichen Hausaufgaben sehr genau genommen hat. Wer da den Text nicht durchgearbeitet hatte - einfach nur lesen reichte definitiv nicht aus - und vom Lehrer am nächsten Tag drangenommen wurde, der ging gnadenlos unter. Bei diesem Lehrer machten wir alle immer sehr gründlich unsere mündlichen Hausaufgaben. Ansonsten ist das mit der 80-20-Regel schon sinnvoll, auch im späteren Arbeitsleben. Und es ist auch absolut richtig, dass an der Uni das "Einfach nur Bestehen" viel, viel schwerer ist als an der Schule. Wer an der Schule mit vertretbarem Aufwand durchgekommen ist und an der Uni seine Lernanstrengungen nicht deutlich intensiviert, der wird meist auf die Schnauze fliegen.
Kesha 14.05.2018
2. "...die Konferenz von Casablanca nach dem Zweiten Weltkrieg"
Die besagte Konferenz in Casablanca fand nicht nach dem 2. Weltkrieg statt, sondern im Januar 1943, also zweieinhalb Jahre vor Kriegsende. Stalin trank dort auch keinen Wodka, weil er wegen der Lage in Stalingrad gar nicht an der Konferenz teilnahm. Eine beeindruckende Methode, Geschichte zu lernen, in der Tat...
spon_4666721 14.05.2018
3. Schaumschläger
Ein paar Allgemeinplätzchen als Buch zusammengefasst sind nicht das Papier wert auf dem es gedruckt wurde.
spon_3607221 14.05.2018
4. erwischt...
Den Kniff mit "nur die ersten beiden Aufgaben machen und sich sofort melden" habe ich angewendet. Sich auf die wichtigsten Dinge zu beschränken kann nicht schaden und führte bei mir zu einem Abi mit Durchschnittsnote 1,6 und einer 1 im Diplom. Und ja, das Verstehen ist bedeutend wichtiger als Auswendiglernen. Sich Fakten merken kann auch ein Blatt Papier. Verstanden hat es das Thema dann jedoch noch lange nicht.
Kanalysiert 14.05.2018
5.
Das Problem im Lehrstoff ist, dass dauernd Neues dazukommt, alter Krempel aber nicht konsequent raussortiert wird. Drum wird es immer mehr und die Schüler können, bis auf wenige Ausnahmen, nur noch Bulimielernen und sind im Dauerstress. Dasselbe Im Studium, mein erstes Studium damals war noch wirkliches studieren, das zweite zehn Jahre später nur noch hektisches zeitdruckgestresstes Auswendiggepauke. Grauenvoll. Viel gelernt habe ich nur im ersten Studium, weil ich Zeit hatte, mich wirklich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, sie zu verinnerlichen und gedanklich auch weiterzuentwickeln. Aktualisieren sie mal die Lehrpläne und schmeissen sie zu überholten theoretischen Krempel raus, die Gesamtqualität würde erheblich steigen und vermutlich auch besser ausgebildete Bachelor/Master Absolventen produzieren, die sich mehr an der Realität orientieren, statt Wochen zu damit verschwenden, wie man wissenschaftlich zitiert und schreibt, um am Ende nicht vom "formal-/zitierparagraphenreitenden" Zweitkorrektor genervt zu werden. Wer in die Lehre und Forschung möchte, kann sich immer noch danach mit diesen Formkorinthen und geschichtlichen Thematiken befassen, für alle anderen ist es einfach nur ein zeitraubendes Ärgernis auf dem Weg in die Wirtschaft, den die Mehrheit der Absolventen beschreiten werden.
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