Schulen für alle Die Zukunft beginnt in Ascheberg

Dass alle Schüler ab Klasse fünf gemeinsam an der gleichen Schule lernen, galt Konservativen in Nordrhein-Westfalen stets als Teufelszeug. In Ascheberg entsteht jetzt die erste Gemeinschaftsschule des Landes. Der CDU-Bürgermeister steht voll dahinter - und seine Partei beginnt umzudenken.

Von Lars Geiges

Lars Geiges

Es gongt, eine Tür fliegt auf, die Schüler verlassen den Klassenraum. Einer singt. Ein anderer nimmt seinen Freund aus Spaß in den Schwitzkasten. Für heute ist die Schule aus. Alles wie immer und doch kein normaler Tag.

Heute war Methodentag an der Hauptschule, sagt Rektorin Sylvia Reimann-Perez und schiebt dabei einen kleinen schwarzen Wagen mit Laptop und Projektor Richtung Lehrerzimmer. Sie hat ihren Schülern gerade gezeigt, wie man Powerpoint-Präsentationen gestaltet und Vorträge hält. Es ging auch um Interviewtechniken. "Ich konnte also aus der Praxis erzählen", sagt die Schulleiterin und lächelt. Zurzeit muss sie selbst viele Fragen beantworten, über sich, über ihre Schule, die Stadt und das große Ascheberger Projekt: die erste Gemeinschaftsschule Nordrhein-Westfalens.

Ascheberg im Münsterland ist ein beschaulicher Ort: 15.000 Einwohner, viele hübsche rote Backsteinhäuser, ein Bahnhof mit zwei Gleisen und guter Verbindung nach Dortmund und Münster. Mit der Ruhe ist es jedoch vorbei, seit NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) die erste Gemeinschaftsschule feierlich genehmigt hat.

Das war vergangene Woche. Seither ist Ascheberg ein Stück bekannter geworden. Denn die kleine Stadt markiert nun etwas Besonderes: einen Wandel in der Schulpolitik Nordrhein-Westfalens.

"Damals habe ich sofort gedacht: Wow, was für ein tolles Konzept!"

Bildung war das entscheidende Sachthema der Landtagswahl im Mai. CDU und FDP setzten voll auf den Erhalt des traditionellen dreigliedrigen Schulsystems. Sie sprachen von "Einheitsschulen", "Schul-Chaos" und einem drohenden "Schulkrieg". Die CDU wiegelte auf, plakatierte vor Gymnasien unter anderem: "Die SPD will diese Schule schließen!"

Sozialdemokraten und Grüne verteidigten hingegen das Konzept der Gemeinschaftsschule. Es steht für längeres gemeinsames Lernen, für das Zusammenführen verschiedener Schulformen unter einem Dach. Dann kam die Wahl. Die CDU scheiterte, Rot-Grün gewann knapp und regiert, mit Tolerierung durch die Linkspartei. Gemeinschaftsschulen können nun als Versuch genehmigt werden.

Ein heißes Thema. In der Landeshauptstadt ist die Tonlage nach wie vor schrill. Nur in Ascheberg kommt davon nicht viel an.

"Ich habe das alles nur über die Zeitung verfolgt", sagt Schulleiterin Reimann-Perez gelassen. Düsseldorf ist weit entfernt. Und das Konzept für die neue Gemeinschaftsschule habe ja schon ausformuliert auf ihrem Schreibtisch gelegen, als sie die Rektorenstelle im Sommer 2009: "Damals habe ich sofort gedacht: Wow, was für ein tolles Konzept!"

Die CDU überdenkt ihre Bildungspolitik

Offene Unterrichtsformen, kleine Klassen und mehr Sozialarbeiter - von der fünften bis zur zehnten Klasse soll in Ascheberg künftig gemeinsam gelernt werden. Dann geht jeder seinen Weg, besucht eines der umliegenden Gymnasien, das Berufskolleg oder die Gesamtschule oder startet in eine Berufsausbildung. Reimann-Perez ist begeistert von der Durchlässigkeit: "Endlich hört das frühe Aussortieren auf."

Sie schwärmt von Lernbüros für Schüler, erwähnt Montessori und sieht den Lehrer als "Lernbegleiter". Schon jetzt riefen Eltern aus weiter Entfernung bei ihr an und fragten, ob sie ihr Kind im nächsten Jahr auf ihre Schule schicken könnten. Pädagogen aus ganz Deutschland hätten sich gemeldet und nach Stellen erkundigt. Reimann-Perez hat keine Zweifel: Real- und Hauptschulen waren einmal - Gemeinschaftsschulen sind die Zukunft.

Doch Ascheberg ist nicht nur Teil einer Systemfrage, an der sich Bildungspolitiker, Lehrer, Eltern gerade in NRW über Jahrzehnte immer wieder aufgerieben haben, seit dem hysterischen Kulturkampf um Gesamtschulen in den siebziger Jahren. Die neue Schule scheint auch einen ganzen Landesverband in Bewegung zu bringen. Die CDU an Rhein und Ruhr überdenkt ihre Bildungspolitik. Auch weil einer der größten Förderer des Ascheberger Projektes ausgerechnet einer von ihnen ist - der Bürgermeister.

Bert Risthaus ist seit Jahrzehnten CDU-Mitglied, er hat sich diebisch über die Genehmigung aus dem grünen Bildungsressort gefreut. Noch im Wahlkampf vor wenigen Monaten musste er mit ansehen, wie seine Landespartei die rot-grüne Schulpolitik scharf attackierte. "Ich habe mir damals gedacht: Das ist nicht die Position, die für Ascheberg die richtige ist", sagt er.

"Wir sind doch nicht im Naturschutz hier"

Risthaus ist gegen das Diktum der CDU, alle drei Schulformen müssten erhalten werden. "Wir sind doch nicht im Naturschutz hier", zürnt er. Die Schulen müssten in erster Linie gut sein. Er gehe jedenfalls davon aus, dass seine Partei diese "starre Linie" nicht aufrecht erhalten könne.

Tatsächlich hat auch der frisch gewählte CDU-Landeschef Norbert Röttgen bereits eine Neuausrichtung angekündigt. Er wolle die Schulpolitik zum zentralen Thema machen. Seiner Partei attestierte Röttgen zugleich einen "programmatischen Fortentwicklungsbedarf". Es ist die höfliche Umschreibung eines Politikers für ein deftiges So-geht-es-nicht-weiter. Seit Anfang November lässt Röttgen die Basis auf Regionalkonferenzen ausführlich über Schulen diskutieren, im kommenden Frühjahr soll dann eine neue CDU-Schulpolitik beschlossen werden.

Es tut sich was in der CDU - nicht nur in NRW. Jüngst brachte Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) eine Schulreform auf den Weg, mit der Haupt- und Realschulen mittelfristig zusammengelegt werden sollen. "Wir können nicht so weitermachen wie bisher", sagte er im Interview mit SPIEGEL ONLINE und wagte gar, sich in die Bildungspolitik der größten christdemokratischen Bollwerke gegen die Abschaffung der Hauptschulen einzumischen: Auch Bayern und Baden-Württemberg würden in den nächsten Jahren die Herausforderung des demografischen Wandels annehmen und in die Zweigliedrigkeit übergehen müssen, so Althusmann.

So viel Bewegung in der CDU freut Aschebergs Bürgermeister Bert Risthaus. Man dürfe schließlich die Augen nicht verschließen. Bei sinkenden Schülerzahlen, besonders auf dem Land, seien neue Überlegungen dringend notwendig. Vor allem Hauptschulen sind vom Schülerschwund betroffen, bei manchen reichten die Anmeldungen zu diesem Schuljahr nicht mal mehr für eine Klasse. "Wir in Ascheberg sind da bereits ein paar Jahre weiter", sagt Risthaus mit einem Lächeln.

Groll in der Nachbarstadt

Doch es gibt auch Ärger über seine Gemeinschaftsschule - in der Nachbarstadt Lüdinghausen. Bürgermeister Richard Borgmann behauptet, einen regionalen Konsens, wie von der Regierung gefordert, habe es mit seiner Gemeinde nicht gegeben. Er fürchte, dass die neue Gemeinschaftsschule seine Schüler abwerbe und die Lüdinghauser Schulen in Existenznot geraten könnten.

Alles Unsinn, heißt es aus Aschberg. Die Nachbargemeinden seien schon seit langem "mit umfangreichen Informationen" ausgestattet worden, keine Schule sei gefährdet, es hätten außerdem Anhörungen stattgefunden, man habe sich im ständigen Austausch befunden - ohne irgendwelche Einwände. "Es gibt nur einen, der den regionalen Konsens nicht fühlt, wir können das nicht nachvollziehen", sagt Risthaus.

Ein grundsätzliches Problem mit der Gemeinschaftsschule hat der Philologenverband. Just am Tag der Genehmigung der Ascheberger Gemeinschaftsschule legte der konservative Lehrerverband ein Gutachten vor, wonach die Landesregierung solch wichtige Entscheidungen wie die Schulstruktur nicht an die Kommunen abgeben dürfe. CDU und FDP prüfen derzeit Klagen. Die Liberalen denken auch über ein mögliches Volksbegehren nach. Doch all das dürfte schwierig werden - einen Modellversuch kann man schlecht abwählen.

Bürgermeister Risthaus ist da ganz gelassen. Er gehe davon aus, dass das Konzept trage. Und sowieso hat er jetzt erstmal andere Baustellen im Kopf. Die neue Schule braucht einen Physikraum. Und eine Mensa muss noch gebaut werden. Man habe sich da aber schon etwas ausgedacht, sagt er und lächelt. Auch das sei eine neue Idee.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Olaf 26.11.2010
1. Ne, wat is dat schön hier.
Zitat von sysopDass alle Schüler ab Klasse fünf gemeinsam an der gleichen Schule lernen, galt Konservativen in Nordrhein-Westfalen stets als Teufelszeug. In Ascheberg entsteht jetzt die erste Gemeinschaftsschule des Landes. Der CDU-Bürgermeister steht voll dahinter - und seine Partei beginnt umzudenken. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,731320,00.html
Dann ist alles gut!
paulchen76 26.11.2010
2. Alles eine Kostenfrage
Kleine Klassen, Lernbüros, der Lehrer als Lernbegleiter - alles schön und gut, wenn das Land die notwendigen Mittel für die Lehrerstellen und eventuell neue Räumlichkeiten für mehr Gruppenarbeit etc. bereitstellt. In Schleswig-Holstein wurde diese Schulform erst ebenfalls als das non plus ultra gelobt, jetzt wird im Zuge der Schulreform ein Rückzieher gemacht bzw. es fehlen ganz einfach die Mittel, um die notwendige Binnendifferenzierung durchzuführen. Das Resultat: Je nach Lehrkraft orientiert man sich mal mehr an der oberen Schülerschaft, mal eher an der unteren. Und die Unterschiede hier sind immens: Vom Förderschüler bis zum potenziellen Gymnasiasten hat man alle in einer Klasse. Dass man dann niemandem wirklich gerecht wird, ist wohl jedem klar.
Rubeanus 26.11.2010
3. Beobachtung
In meinem kleinen Städtchen (in Nordrhein-Westfalen) gibt es u. a. ein Gymnasium und ein Schulzentrum. In dem Schulzentrum sind Realschule und Hauptschule örtlich konzentriert, es sind aber nach wie vor unterschiedliche Institutionen. An dem Gymnasium habe ich vor langer, langer Zeit (Kohl war noch Bundeskanzler und es gab zwei deutsche Staaten) mein Abitur gemacht. Das Gymnasium ist baulich eine Ruine, es wurde nichts gemacht, alles ist schmuddelig. Es stehen dort noch dieselben Möbel wie zu meiner Zeit. Als in diesem Jahr dort die Abiturklausuren geschrieben wurden, ließen sich die Fenster in den Prüfungsräumen nicht schließen und die Heizungen waren zu schwach, die angehenden Abiturienten mussten sich Jacken anziehen. Da besagte Schulzentrum hingegen wirkt wie aus dem Ei gepellt: Alles ist in hellen Farben gehalten, die Klassenräume sind sauber und bestens ausgestattet, soweit ich das ausmachen kann. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Verantwortlichen nur darauf warten, bis das ungeliebte Gymnasium von selbst zusammenkracht und dann der Weg zur Gemeinschaftsschule offen steht.
Bokurano 26.11.2010
4. titel
@Paulchen76 (Post #3): Ich glaube sie haben nicht ganz verstanden wie das Konzept abläuft. Hier werden nur Hauptschule und Realschule zusammengelegt, das Gymnasium bleibt extra. Sprich es gibt kein Spektrum vom Förderschüler bis zum Gymnasiasten, weil Gymnasiasten eh extra sind, genauso wie Förderschüler. Sprich das spektrum geht nur von Hauptschüler zu Realschüler. Außerdem ist hier der Unterschied somit nicht größer als sonst. Denn die "Leistunsgunterschiede" gibt es auch sonst, da der übertritt eh vom willen des Grundschullehrers und den Eltern abhängt und weniger an dem echten Intelligenz des Kindes. Voraussetzung bei den gesamtschulen ist natürlich, das vorher alle einigermaßen gut erzogen und Nachteile ausgeglichen wurden, damit das gut funktioniert. Wobei das auf dem Land wahrscheinlich sogar noch wesentlich besser funktioniert als in der Stadt. Des weiteren muss natürlich eien entsprechende Finanzierung her, wobei das ehrlich gesagt kein Problem sein dürfte, denn wenn Banken nach Geld oder Rettungsschirmen schreien oder für irgendwelche Bahnhöfe, Thermen oder sonstwas ist auch sofort Geld da. Es ist alles nur eine Frage der Priorität und der Durchsetzungskraft/-Willen gegenüber der Wirtschaft.
Mathe-Freak 26.11.2010
5. ...
Ist in Sachsen nicht neues. Und ich hab das immer gehasst diese Hauptschüler in der Nähe zu haben. Den Schulhof konnte man kaum in Ruhe betreten, Schlägereien und Erpressungen waren an der Tagesordnung und bis zur 7. Klasse war das lernen auch kaum möglich (erst dann war Schluss mit gemeinsamen lernen). Kaum waren die Störenfriede auf der Hauptschule ging der Unterricht halbwegs. Als Fortschritt kann man das ganze wohl kaum bezeichnen, insbesondere unter den Aspekt das Sachsen nicht soooo viel weniger Hauptschüler hat als der Rest.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.