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14. Juli 2009, 08:31 Uhr

Schulfernsehen

Mit Web-TV zum Abitur

Von Rüdiger Sinn

Interviews führen, Filmen, schneiden: Im badischen Sasbach lernen Gymnasiasten, wie Fernsehen funktioniert. Engagierte Ehemalige, ein Medienpädagoge und begeisterte Lehrer haben das Schul-TV zum Schulfach gemacht, in dem sogar die Abiturprüfung möglich ist.

Aus einer alten Fabrikhalle tönen HipHop-Beats, das Eingangstor ist mit Graffiti übersäht, junge Skateboarder tragen lässig ihr Rollbrett unter dem Arm. Die perfekte Kulisse für Jana, 18, die sich vor der Halle mit einem jungen Mann im Achselshirt postiert hat.

Nervös streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht, wechselt das Mikrofon von der einen in die andere Hand. Ihre Mitschülerin Stephanie trägt eine professionelle Videokamera auf der Schulter, sie gibt ein Zeichen, Jana legt los. "Ich stehe hier vor der Skaterhalle. Auf dem Jugendfestival wird nachher auch ein Skater-Contest ausgetragen. Ich habe von Skateboarden ja überhaupt keine Ahnung und deshalb habe ich mir den Fudo aus der Jury hergeholt."

Szenen eines Drehtages des Seminarkurses "LenderTV" am Gymnasium Heimschule Lender im badischen Sasbach, einer katholischen Privatschule. 23 Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse haben sich entschlossen, anstatt ihrer mündlichen Abiturprüfung ein Jahr lang für das Schulfernsehen eine monatliche Sendung zu produzieren, das im Internet gezeigt wird. Seit Beginn des Schuljahres sammeln sie Vorschläge, filmen Beiträge und produzieren seit Anfang März Monat für Monat eine halbstündige WebTV-Sendung.

"Fast jedes Wochenende arbeiten, das ist anstrengend"

Die Idee für das hausgemachte Fernsehen hatte ein ehemaliger Schüler der Heimschule Lender: Oliver Häußler, Journalist und Medienpädagoge beim Campus-TV an der Universität Tübingen. Er drehte 2006 einen Dokumentarfilm über sein altes Gymnasium, eine Schule mit langer Tradition und vielen ehemaligen Schülern, die sich für das Gymnasium engagieren.

Einige Lehrer unterstützten Häußler bei seiner Arbeit: Der Musiklehrer Joachim Rohrer etwa komponierte die Filmmusik, er hatte dann mit Häußler die Idee, das Schulfernsehen als Teil des Unterrichts in der Oberstufe zu etablieren. Heute ist Rohrer einer der treibenden Kräfte aus dem Kollegium, die das "LenderTV" unterstützen und betreuen.

Jeden Donnerstagnachmittag ist Redaktionskonferenz. In sechs Gruppen arbeiten die Schüler weitgehend selbständig mit Unterstützung von Journalist Häußler und zwei Lehrern.

Jede der Gymnasiasten muss bis zum Schuljahresende einen Beitrag selbst redaktionell betreut haben. Dazu kommen Kameraarbeit, Storyboard schreiben, Ton und Schnitt. In den ersten Monaten gab es zusätzliche Einführungsworkshops am Wochenende.

"Für LenderTV geht ganz schön viel Zeit drauf. Fast jedes Wochenende, das ist anstrengend", sagt Jana, die sich aber sicher ist, dass sich die Arbeit lohnt. "Mich interessiert es, Filme zu machen und nun weiß ich auch, wie ein Beitrag entsteht." Ihre Mitschülerin Vanessa pflichtet ihr bei, "es macht Spaß und wir lernen viel".

In dem Fernsehkurs können die Schüler die mündliche Abiturprüfung machen, die in Baden-Württemberg in mindestens einem Schulfach abgelegt werden muss: In einem 20-minütigen Kolloquium müssen sie am Schuljahresende die eigene Sendung reflektieren. "Für eine gute Note zählt zum einen die Mitarbeit im Team und es ist uns wichtig, dass die Kursteilnehmer die Sendung kritisch begutachten und reflektieren", sagt Musiklehrer Rohrer.

Der Ehemaligenverein spendete 10.000 Euro

Als das Interview mit dem Skateboarder im Kasten ist, berät Jana mit ihren Mitschülern die Struktur der Sendung, bevor am Abend noch eine Band auf dem Jugendfestival gefilmt werden soll. Jana ist mit ihrer Gruppe in diesem Monat für die Produktion verantwortlich. "Wir müssen die Kamerateams koordinieren, schauen, dass alle ihre Beiträge zum bestimmten Abgabeschluss geschnitten haben und sind verantwortlich für den Gesamtablauf", sagt sie.

In der Schule wurde für LenderTV ein Büro mit Schnittplätzen eingerichtet. Hier laufen die Beiträge zusammen, hier können die Schülerinnen und Schüler zu jeder Zeit - auch am Wochenende oder spät abends - ihre Filme einspielen und schneiden. "Bei der letzten Sendung Anfang Juni sind wir bis spät in der Nacht hier gesessen", sagt Oliver Häußler.

Ein Ziel des Projektes ist das selbständige Arbeiten, auch deshalb wird es von der Schulleitung gefördert und vom Ehemaligenverein mit 10.000 Euro im Jahr finanziell unterstützt. "Schlüsselqualifikationen erlernen" heißt das im Pädagogendeutsch. "Die Fähigkeit, Projekte abzuwickeln ist mindestens genauso wichtig, wie zu wissen, wie man einen Kamera bedient oder einen Film schneidet", sagt Häußler.

Demnächst soll das Projekt noch erweitert werden: Nach der einjährigen Ausbildung des ersten Kurses sollen die Schüler als Mentoren für den neuen Kurs fungieren.

"Die Zugriffszahlen sprechen für uns"

Die Julisendung ist mit sechs Beiträgen gefüllt. Neben den Kurznachrichten, einem Hintergrundbericht und Filmen über das Schulleben steht immer auch ein Portrait eines ehemaligen Schülers an. Die Zielgruppe sind Schüler, Lehrer und Ehemalige. "Die Beiträge sollen für alle interessant sein und alle ansprechen", sagt Musiklehrer Joachim Rohrer.

So kam zum Beispiel auch das Thema Teenie-Schwangerschaft in der Juni-Sendung gut an. Dabei bewiesen die Schüler Biss - und Unabhängigkeit: Die 20-jährige Sina erzählte in dem Beitrag, wie sie mit 15 in der neunten Klasse schwanger wurde - und wie manche Lehrer unfreundlich wurden, tuschelten, "schlimmer als die Schüler" seien sie gewesen.

In der Produktionswoche wird bis spät in die Nacht gearbeitet. Im LenderTV-Büro stehen halbleere Flaschen in der Ecke, die Kaffeemaschine schnaubt, die vier Rechner brummen. Alle Beiträge der Juli-Sendung liegen geschnitten vor. Vanessa, Judith und Jana feilen noch an der Moderation für die Sendung, während Oliver Häußler mit Mesut die Technik für die Aufzeichnung aufbaut: Vanessa wird moderieren. Die Sendung ist zwar nicht live, trotzdem ist die 18-Jährige angespannt, möchte keine Fehler machen.

Auch diese Sendung wird später über die LenderTV-eigene Seite ins Internet gestellt. "Die Zugriffszahlen sprechen für uns, das Projekt wird angenommen", sagt Musiklehrer Joachim Rohrer.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, dass LenderTV einzigartig in Deutschland sei. Es gibt jedoch an weiteren Schulen Fernsehkurse, die zum Teil auch als Abiturfach belegt werden können. Wir bitten um Entschuldigung.

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