Sekte "Zwölf Stämme" widersetzen sich erneut der Schulpflicht

Sektenmitglieder der "Zwölf Stämme" verletzen erneut die Schulpflicht und werben öffentlich für diesen Schritt. Das Schulsystem sei nicht in der Lage, ihre Kinder auf "das Königreich Gottes" vorzubereiten.

"Zwölf Stämme" (Archivbild von 2004): Öffentliche Schulen bereiten nicht "auf das Königreich Gottes" vor
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"Zwölf Stämme" (Archivbild von 2004): Öffentliche Schulen bereiten nicht "auf das Königreich Gottes" vor

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Anhänger der Sekte "Zwölf Stämme" kämpfen um das Sorgerecht ihrer Kinder, die Verfahren vor den Gerichten laufen noch. Trotzdem verstoßen nun einige Mitglieder erneut und absichtlich gegen das Gesetz: Am Mittwoch hätten sie sich wieder der Schulpflicht widersetzt, teilte die Glaubensgemeinschaft in einer "Pressemitteilung wegen Schulverweigerung" mit, die sie in ihrem Blog veröffentlicht.

Darin heißt es, die Eltern hätten ihre Kinder bewusst nicht in öffentliche Schulen geschickt, weil es dort "keine Disziplin mehr gibt". In der Schule herrsche "Rebellion gegen Eltern und Lehrer, gegen die Menschenwürde und die Religionsfreiheit vor", außerdem würden "gottesfeindliche Philosophien" überhand nehmen.

Die Eltern seien außerstande, "die gravierenden seelischen Schäden und Eindrücke, die die Seelen unserer Kinder dort beständig erfahren", wiedergutzumachen. Es gehe ihnen weniger um die Lehrinhalte, "sondern vor allem um die sozialen Zwänge und Einflüsse, denen die Kinder tagtäglich bis zu acht Stunden ausgesetzt sind". Kurzum: "Das öffentliche Schulsystem ist nicht fähig, unsere Kinder auf das Königreich Gottes vorzubereiten."

Die Haltung der "Zwölf Stämme" ist nicht neu: Seit Jahren wehren sich Sekten-Familien dagegen, ihre Kinder in öffentliche Schulen zu schicken, 2004 versuchten die Behörden in Bayern sogar, die Schulpflicht mit Erzwingungshaft durchzusetzen. Vor knapp acht Jahren erlaubten sie der Sekte schließlich eine eigene Schule, zogen die Genehmigung aber im vergangenen Jahr zurück.

"Wir müssen Gottes Wort gehorchen"

Dass die "Zwölf Stämme" auch körperliche Züchtigung als legitimes Erziehungsmittel ansehen, ist ebenfalls seit längerem bekannt - allerdings fehlten die Beweise. Im vergangenen Jahr hatte ein RTL-Reporter dann mit versteckter Kamera gefilmt, wie Sektenmitglieder Kinder mit der Rute schlagen. Das Landratsamt Donau-Ries erklärte damals, man habe "neuerliche Hinweise auf erhebliche und dauerhafte Kindesmisshandlung" in der Sekte erhalten.

Nachdem Gerichte den Eltern das Sorgerecht vorläufig entzogen hatten, holte die Polizei in einem Großeinsatz 40 Kinder aus der Sekte. Die meisten leben seitdem in Heimen und Pflegefamilien und besuchen regulär die Schule. Einige Kinder durften allerdings bis zur endgültigen Entscheidung der Gerichte zur Sekte zurückkehren - und diese Kinder hätten jetzt die öffentlichen Schulen nicht besucht, teilten die "Zwölf Stämme" mit. Insgesamt handele es sich um fünf Kinder; sie hätten sich in diesem Schuljahr zum ersten Mal der Schulpflicht verweigert.

Eine Pressesprecherin des zuständigen Landratsamts Donau-Ries teilte auf Anfrage mit, zunächst nicht auf die erneute Schulverweigerung reagieren zu wollen. Man werde erst über das weitere Vorgehen entscheiden, wenn die Gerichtsverfahren in Ansbach und Nördlingen abgeschlossen sind. Darin entscheiden die Richter, ob den Eltern endgültig das Sorgerecht entzogen wird. In Ansbach laufen im Zusammenhang mit den "Zwölf Stämmen" derzeit noch drei Hauptsacheverfahren, die fünf Kinder betreffen. Die Eltern von zwei Kindern haben sich laut Gericht inzwischen "nachdrücklich von den Erziehungsmethoden" distanziert. Sie hätten mit dem Jugendamt eine Vereinbarung geschlossen, dass das Aufenthaltsbestimmungsrecht trotzdem vorerst beim Jugendamt verbleibt. Wie viele Verfahren in Nördlingen noch offen sind, war bis Donnerstag nicht zu erfahren.

Wie auch immer die Verfahren ausgehen, es sieht nicht so aus, als ließen sich die "Zwölf Stämme" in ihrer Haltung zur Schulpflicht umstimmen. In ihrer Pressemitteilung schreibt die Sekte: "Es ist traurig mit anzusehen, wie Richter, Politiker und Schulen uns bisher davon überzeugen wollten, dass die Bibel impotent und nicht zu befolgen ist." Und: "Wir müssen Gottes Wort mehr gehorchen als dem von Menschen."

  • SPIEGEL ONLINE
    Sie wurde in eine Sekte geboren und dort von klein auf geschlagen, mehrmals am Tag. Mit 16 Jahren stieg Amitsa bei den "Zwölf Stämmen" aus. Begegnung mit einer jungen Frau, die ausbrach, um ins Leben zu finden. mehr...

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
elizar 16.05.2014
1.
Ich bin so froh, dass es die Schulpflicht in Deutschland gibt. Wenn man sich solche tollen Sachen wie "Königreich Gottes", "gottesfeindliche Philosophien" usw. anhören muss, dann kann man auch davon ausgehen, dass diese Leute (sollten sie genug Macht haben) genauso verhalten würden, wie andere religiös geprägte Extremisten ... Da schüttelt es mich bereits bei dem Gedanken ...
Rollerfahrer 16.05.2014
2. Oh weia, diese Verblendung...
Es ist in der Tat schwierig, gegen soviel Ignoranz zu Felde zu ziehen. Meinem Gefühl folgend sollte man folgenden Weg wählen: ein paar Leute zusammen getrommelt und dort mal aufräumen. Sollen diese gottlosen Idioten tun und lassen, was sie wollen, aber ohne! die wehrlosen Kinder! Nur, wenn man das macht, ist man dann selber um sovieles besser? Wie gesagt, ich würde gerne die Kinder dort heraus holen, und den Vorturnern mal deutlich Züchtigung angedeien lassen. Was die tun, kann Gott so nicht gewollt haben! In einem haben sie aber wohl doch recht, die Schule verkommt immer mehr! Gegenseitiger Respekt (nicht Kuscherei!) wird in unserer Gesellschaft immer kleiner geschrieben, ein falscher und ein dummer Weg! Das gilt allerdings auch für die zwölf Stämme, sie haben selber keinen angemessenen Respekt, weder gegenüber ihren Kindern, noch gegenüber unserer Gesellschaft etc. Folglich dürfen sie auch keinen Respekt erwarten!
jack_bouregard 16.05.2014
3. Verfassungstreu?
Der letzte Abschnitt schlägt dem Fass den Boden aus!Wenn diese Haltung/Meinung von einer Gruppe Moslems wäre oder aus den politischen Randgruppen wäre sofort der Verfassungsschutz am Start!!Aber hier?In meinen Augen ist es ein Aufruf gegen unsere Verfassung und der Demokratie und der Aufruf einem Gottesstaat zu gründen!
noeufmaison 16.05.2014
4. "Gott sei Dank" ....
.... heißt das Ding in der Tat Schul"pflicht" und steht damit nicht in dem Belieben durchgeknallter Fundamentalisten. Ich sehe oft, was Eltern ihren Kindern antun, und ich glaube nicht, dass derartig religionssüchtige Eltern ihren Kindern "Wurzeln und Flügel" geben könnten. Hoffentlich schreitet der Staat hier ebenso entschieden ein wie bei der Verfolgung von Verkehrsordnungswidrigkeiten. Für die Kinder kann es nur besser werden, wenn die Gesetze - auch mit Zwang - durchgesetzt werden.
wanniii 16.05.2014
5. Bibelauslegung
Wenn man als Christ die Bibel zitiert, sollte man das Gesamtwerk lesen und nicht nur das zitieren, was einem zum Zweck dient. Liebe, nicht Schläge: Matthaeus 5"38 Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: "Auge um Auge, Zahn um Zahn."39 Ich (Jesus) aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Matthaeus 5:43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." 44 Ich (Jesus) aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen", Verpflichtung zu weltlichen Standards: Matthaeus 22: 17 Darum sage uns, was dünkt dich: Ist's recht, daß man dem Kaiser den Zins gebe, oder nicht? 18 Da nun Jesus merkte ihre Schalkheit, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Weiset mir die Zinsmünze! Und sie reichten ihm einen Groschen dar. 20 Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Überschrift? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Roemer 13 "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. 3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut. 5 Darum ist's not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Derhalben müßt ihr auch Schoß geben; denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz handhaben. 7 So gebet nun jedermann, was ihr schuldig seid: Schoß, dem der Schoß gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt." Schade, daß durch ein paar falsch auslegende Menschen der Name Jesus in den Schmutz gezogen wird und andere davon abschrecken, an Gott zu glauben...
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