Schulpreis Alle lieben die Gesamtschule - für einen Tag

Zum zweiten Mal gewinnt eine niedersächsische Gesamtschule den renommierten Deutschen Schulpreis. Der 100.000-Euro-Sieg stellt die Bildungspolitik der Landesregierung bloß - und Bundespräsident Christian Wulff, der die integrativen Schulen lange bekämpft hat.

Von , Göttingen

Wulff bei der Bundespräsidentenwahl: Als Landes-Chef ein Gesamtschul-Gegner
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Wulff bei der Bundespräsidentenwahl: Als Landes-Chef ein Gesamtschul-Gegner


Man darf auf das Mienenspiel des Bundespräsidenten gespannt sein, wenn er Freitagmittag den Deutschen Schulpreis überreicht. Christian Wulff ist in Schloss Bellevue eine rechter Bildungsbürger geworden, er lobt den Wert der Bildung und verteilt alle Tage schöne Preise. Nun aber steht er vor einer interessanten Aufgabe.

Denn den bisher fünften Deutschen Schulpreis gewinnt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Integrierte Gesamtschule Göttingen-Geismar. Das bedeutet, dass Bundespräsident Wulff eine Schulform auszeichnen muss, die er als Ministerpräsident am liebsten abgeschafft hätte. 100.000 Euro gibt es als Preisgeld mit dazu.

Christian Wulff erließ, kaum hatte er 2003 in Niedersachsen die Macht errungen, sofort ein Verbot: Neue Gesamtschulen durften unter seiner CDU-FDP-Regierung nicht mehr gegründet werden. Wulff setzte trotz vieler Einladungen keinen Fuß in die heutige Siegerschule. Und den bestehenden Gesamtschulen warf sein Bildungsminister permanent Knüppel zwischen die Beine. Neuester Angriff gegen die Gesamtschulen: Sie müssen zwangsweise das Abitur nach 12 Jahren anbieten.

Die Landesregierung in Hannover lässt keine Chance ungenutzt, die Gesamtschulen zu deckeln - obwohl die Bevölkerung vor Ort immer wieder deren Gründungen durchsetzt: Seit dem Ende der Wulff'schen "Lex Anti-Gesamtschule" im Jahr 2008 sind allein 34 neue Integrierte Gesamtschulen (IGS) in Niedersachsen entstanden.

Wie es gelingt, dass schnelle und langsame Schüler gemeinsam lernen

An diesem kleinen Gesamtschul-Boom hat die Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Göttingen ihren Anteil. Sie ist der Leuchtturm der niedersächsischen Gesamtschulen. Die Lichtenberg-Schule ist zwar mit 1500 Schülern auch eine der typischen Riesengesamtschulen, aber die Geismarer haben von Anfang an dem Fluch der Schulfabrik getrotzt: Sie teilt sich in viele kleine Schulen, gelbe, blaue, grüne und so weiter. Jeder Jahrgang bleibt darin von der fünften bis zur zehnten Klasse zusammen - das schafft Zusammenhalt in dem Gebäude am Göttinger Schulweg.

Die kleinste und wichtigste Organisationseinheit der IGS ist die sogenannte Tischgruppe. Sie besteht aus sechs Schülern mit verschiedenen Talenten, die sich ein Jahr lang einen Tisch teilen. Schon beim Aufnahmegespräche weisen die Lehrer ihre neuen Schüler und deren Eltern auf die Tischgruppe hin. Denn sie wirkt sich bis ins Leben der Eltern aus. Bei Tischgruppen-Abenden laden sich die Väter und Mütter gegenseitig zum Essen ein.

Mit den Eltern wird auch besprochen, wenn etwas schief geht. "Manchmal heißt die Devise schlicht und ergreifend: Arbeiten!", hat eine wütende Lehrerin einem 12-Jährigen in den Lernentwicklungsbericht geschrieben. Für den Jungen ist das ein Signal dafür, dass es demnächst unbequem wird. "Jungs mögen es überhaupt nicht gerne, wenn ihre Eltern hier aufkreuzen", sagt ein Lehrer. Aber: In dem Bericht steht auch viel Lob über den Trommel-Solisten. In anderen Schulen würde der Frechdachs sicher aussortiert - nicht so in Göttingen-Geismar. Er wird gehalten und akzeptiert.

"Dem Selektionsbazillus trotzen"

"Wir sind stolz darauf, dem Selektionsbazillus zu trotzen", sagt Wolfgang Vogelsaenger. Er ist der Leiter der bundesweit bekannten IGS Göttingen-Geismar. Der 59-Jährige wusste schon als Junge, dass das sein Lebensinhalt werden würde: nicht sortieren! Das hatte ihm sein alter Latein-Lehrer beigebracht. Als Vogelsaenger 13 Jahre alt war, ging sein Lehrer durch die Reihen und tippte den Schülern auf den Kopf: "Du schaffst kein Abitur", "Du bleibst sitzen", "Du kommst durch".

"Und ich werde Lehrer", schwor sich Vogelsaenger im Gegenzug, "um es besser zu machen." Also werden an seiner Schule die Kinder unter keinen Umständen nach Leistung sortiert.

Wer mit dem Rektor durchs Schulhaus geht, merkt schnell, dass Vogelsaenger diese Geschichte nicht nur so dahin erzählt. Alle paar Meter stoppt ihn ein Schüler - um mit ihm etwas zu besprechen. Thomas etwa ist eines der behinderten Kinder an der Schule, er möchte vom Rektor den Generalschlüssel. "Oh", lacht Wolfgang Vogelsaenger da auf, "das werden die Hausmeister mir nicht erlauben, denn dieser Schlüssel ist sehr viel Geld wert."

"Kein Grund, ganz Deutschland auf Gesamtschulen umzustellen"

Für den Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) sind Vogelsaenger und eine Schulpreis-Schule ein Dorn im Auge. Althusmann will die Gesamtschulen anders als seine Vorgänger nicht mehr ausrotten - "ich bin da ganz pragmatisch und unideologisch", sagte der CDU-Mann SPIEGEL ONLINE. Auf der Trennung der Schüler nach Leistung beharrt Althusmann dennoch. Der derzeitige Präsident der Kultusministerkonferenz hat dafür sogar eine neue Schulform ersonnen, die sogenannte Oberschule. "Die Oberschule ist keine Gesamtschule, denn sie trennt nach den Bildungsgängen Haupt- und Realschule".

Schulforscher Hermann Veith von der Uni Göttingen sagt, die Gesamtschule sei gerade in Niedersachsen ein Erfolgsmodell, das eine Vielzahl herausragender Einzelschulen geschaffen habe. Die Gesamtschule werde aber durch die Maßnahmen der Landesregierung immer wieder infrage gestellt - etwa indem sie zur früheren Trennung ihrer Schüler gezwungen werde. "Es kommt einem vor, als befehle das Land einer erfolgreichen Fußballmannschaft, Eishockey zu spielen", sagt er.

Kultusminister Althusmann sieht das ganz anders. Er glaube fest daran, dass der Oberschule die Zukunft gehöre, sagte er Anfang der Woche. Und setzte trotzig hinzu: "Nur weil eine Gesamtschule möglicherweise den Preis einer privaten Stiftung gewinnt, ist das ja kein Grund, ganz Deutschland auf Gesamtschulen umzustellen."

Das stimmt. Aber der Preis - ausgelobt von der Bosch- und der Heidehof-Stiftung - ist dennoch eine öffentlich zelebrierte Blamage für Niedersachsen - und für die ganze Bundes-CDU. Die Union müht sich gerade in einem Papier damit ab, die Hauptschule aus ihrem Programm zu streichen. Weil man aber nicht direkt zur verhassten Gesamtschule wechseln möchte, hat sich auch die CDU auf die Oberschule versteift. Die Gesamtschule kommt in dem Papier gar nicht vor, an dem unter anderen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) schreibt.

Am Freitag gegen 12.30 Uhr wird das erfahrungsgemäß keine Rolle mehr spielen. Beim Gewinn des Deutschen Schulpreises hört die Feindschaft auf. Als 2007 die Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim den Deutschen Schulpreis gewann, sprangen sofort zwei niedersächsische CDU-Minister mit aufs Siegerfoto - beide bis dahin erbitterte Gesamtschul-Gegner.

Genauso wird es auch Bundespräsident Wulff machen. Denn kurz sind alle Gesamtschule. Für einen Tag.

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insgesamt 424 Beiträge
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cafe11 09.06.2011
1. Fragwürdiger Preis
Zitat von sysopZum zweiten Mal gewinnt eine niedersächsische Gesamtschule den renommierten Deutschen Schulpreis. Der 100.000-Euro-Sieg stellt die Bildungspolitik der Landesregierung bloß - und Bundespräsident Christian Wulff, der die integrativen Schulen lange bekämpft hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,767452,00.html
Wer vergibt diesen Preis? Welche Kriterien liegen an? Wer sind die Herren und Damen in den Entscheidungspositionen?
c++ 09.06.2011
2. .
Nicht zufällig ist Göttingen eine große Universitätsstadt. Warum wird die Gesamtschule in Duisburg-Marxloh nicht mal ausgezeichnet, die braucht das Geld viel nötiger. Aber dort traut sich der Stiftungsrat natürlich nicht hin. Es wäre mal interessant zu recherchieren, wie viele der Mitglieder des Stiftungsrates ihre eigenen Kinder zu einer Gesamtschule schicken, und zwar einer echten, wo auch Kinder von H4 Beziehern, Malochern, ungebildeten Migranten unterrichtet werden. Ich möchte fast wetten, nicht ein einziges Kind von einem Stiftungsratsmitglied besucht eine solche Gesamtschule. Gesamtschule ist gut, aber nur für die Kinder von Malochern, nicht für uns. Gesamtschulen für alle, Privatschulen für unsere Kinder. Und um es denen auch schmackhaft zu machen, werden die no-go-Schulen für die eigenen Kinder besonders gelobt.
Onkel Uwe, 09.06.2011
3. Hier könnte IHR Titel stehen!
Zitat von c++Nicht zufällig ist Göttingen eine große Universitätsstadt. Warum wird die Gesamtschule in Duisburg-Marxloh nicht mal ausgezeichnet, die braucht das Geld viel nötiger. Aber dort traut sich der Stiftungsrat natürlich nicht hin. Es wäre mal interessant zu recherchieren, wie viele der Mitglieder des Stiftungsrates ihre eigenen Kinder zu einer Gesamtschule schicken, und zwar einer echten, wo auch Kinder von H4 Beziehern, Malochern, ungebildeten Migranten unterrichtet werden. Ich möchte fast wetten, nicht ein einziges Kind von einem Stiftungsratsmitglied besucht eine solche Gesamtschule. Gesamtschule ist gut, aber nur für die Kinder von Malochern, nicht für uns. Gesamtschulen für alle, Privatschulen für unsere Kinder. Und um es denen auch schmackhaft zu machen, werden die no-go-Schulen für die eigenen Kinder besonders gelobt.
Haben die sich auch beworben um den Preis? Würde natülcih an erster Stelle stehen. Witzig ist doch, dass alle Befürworter elitärer Schule für ihre Sprösslinge eben GEGEN Gesamtschulen sind. Das widerspricht Ihrer Argumentation doch ein wenig. Gesamtschule ist eben dafür da, keine Grenze zu ziehen. Deshalb freut es mich, dass dieses Schulkonzept Preise erringt, besonders da gegen Ende der Entscheidung Gesamtschulen doch in der Unterzahl waren. Ansonsten weniger vermuten und mehr informaieren, z.B. hier: http://schulpreis.bosch-stiftung.de/content/language1/html/index.asp
fantomaz, 09.06.2011
4. Deutscher-Schulpreis
Zitat von cafe11Wer vergibt diesen Preis? Welche Kriterien liegen an? Wer sind die Herren und Damen in den Entscheidungspositionen?
Die Robert-Bosch-Stiftung....googlen hilft da wirklich weiter.
mr.brand 09.06.2011
5. Demagogen der Bildung
...Sind halt bildungspolitische Demagogen - der Wulf und seine Freunde...
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