Schulreform in der Türkei Dschihad im Lehrplan

Die türkische Regierung schreibt die Lehrpläne um: Schüler sollen künftig weniger über die Evolution und Atatürk lernen, dafür mehr über Religion und Erdogan. Experten fürchten einen Niveauverfall.

Schüler an religiöser Imam-Hatip-Schule (in Istanbul)
REUTERS

Schüler an religiöser Imam-Hatip-Schule (in Istanbul)

Von , Istanbul


Ein Wort des Präsidenten genügte, wie so oft: Recep Tayyip Erdogan gab vor wenigen Tagen zu verstehen, dass er unzufrieden damit ist, wie der Zugang zu höherer Bildung in der Türkei geregelt ist. Grundschüler mussten bislang einen Test ablegen, um auf eine Sekundarschule zu wechseln. Renommierte Gymnasien waren nur mit Bestnoten zu erreichen.

Nun gilt dieses Prinzip nicht mehr. Der türkische Bildungsminister Ismet Yilmaz erklärte unmittelbar nach Erdogans Rede, dass die Zugangsprüfung für Schulen abgeschafft wird. Die Regierung hat bislang jedoch noch keinen neuen Plan vorgelegt, der die alte Regelung ersetzt.

Viele Eltern in der Türkei sind ratlos: Sie wissen nicht, wie es an den Schulen im Land weitergeht, wonach sie und ihre Kinder sich fortan richten sollen. Ahmet Yildirim, Abgeordneter der Demokratischen Partei der Völker (HDP), glaubt, dass selbst das Bildungsministerium von Erdogans Vorstoß überrascht war.

Die Opposition ist überzeugt, dass die Reform Teil einer breiten Agenda ist, mit der Erdogan versucht, das säkulare Bildungswesen in der Türkei auszuhöhlen. Von einem neuen Zugangssystem, so argumentiert die Republikanische Volkspartei (CHP), könnten vor allem religiöse Imam-Hatip-Schulen profitieren, die künftig noch mehr Zulauf erhalten dürften.

Die Diskussion um die Aufnahmeprüfungen fällt in eine Zeit, da die verschiedenen Fraktionen in der Türkei ohnehin erbittert über Bildung streiten. Die Regierung hat die Sommerferien genutzt, um den Lehrplan an den Schulen radikal zu überarbeiten. Naturwissenschaften, Philosophie und Kunst werden zurückgefahren, stattdessen soll der Religionsunterricht ausgebaut werden.

"Kampfansage an Wissenschaft und Aufklärung"

Bildungsminister Yilmaz verspricht, seine Regierung werde die Türkei fit fürs 21. Jahrhundert machen. Die Bildungsgewerkschaft "Egetim-Bir" spricht dagegen von einer "Kampfansage an Wissenschaft und Aufklärung".

Die Schulen und Universitäten sind in der Türkei seither Schauplatz eines Richtungsstreits. Nationalisten, Liberale, Laizisten, Muslime versuchen, über die Bildung Einfluss auf den Kurs des Landes zu nehmen.

Lange Zeit bestimmten die Erben von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, die sogenannten Kemalisten, was Schüler lernen. Der Unterricht folgte westlichen Vorbildern wie Frankreich oder Deutschland. Doch auch die Dogmen Atatürks, Laizismus, Nationalismus, Militarismus, nahmen stets viel Platz ein. Schüler wurden dazu genötigt, in der Pause vor einer Statue Atatürks zu salutieren. Bis vor kurzem reisten Bildungswächter aus Ankara mehrmals im Jahr von Schule zu Schule und prüften, ob die Kinder und Jugendlichen Atatürks Botschaft auch ausreichend verinnerlicht haben.

Anzeige

Erdogan hat das Bildungswesen zu Beginn seiner Amtszeit als Premier 2003 ein Stück weit modernisiert. Er hat das Budget aufgestockt, das System dezentralisiert und die Lehrpläne im Sinne der EU reformiert. Inzwischen geht es ihm aber offenbar vor allem darum, die Gesellschaft in seinem Sinne zu formen.

Die muslimisch-konservative Regierungspartei AKP ist im Begriff, den Schulen und Universitäten ihre eigene Ideologie aufzuzwingen. Die Schülerzahlen an den religiösen Imam-Hatip-Schulen haben sich zwischen 2012 und 2017 von 95.000 auf 660.000 mehr als versechsfacht.

Die Reform des Lehrplans sieht vor, dass der Religionsunterricht auch an herkömmlichen Schulen künftig eine weitaus wichtigere Rolle spielt. So sollen die Schüler in dem neuen Fach "Wertekunde" über islamische Grundbegriffe wie "Halal" und "Haram" aufgeklärt werden. Explizit soll auch das Konzept "Dschihad" gelehrt werden - nicht als "Heiliger Krieg", wie es das türkische Wörterbuch definiert, sondern als "Liebe zum Land".

Statt klassischer Musik religiöse Hymnen

Die Evolutionslehre wurde dagegen gänzlich aus dem Lehrplan gestrichen. Das Thema sei zu kompliziert, um es Schülern zu vermitteln, sagt Bildungsminister Yilmaz. Karl Marx wird im Fach "Soziologie" nicht mehr vorkommen. Statt klassischer Musik sollen Kinder religiöse Hymnen verinnerlichen.

Auch Staatsgründer Atatürk könnte zunehmend aus dem Unterricht verschwinden. Die Schüler sollen, nach dem Wunsch der Regierung, stattdessen mehr über Präsident Erdogan und die jüngere türkische Geschichte lernen. So werden sich ab diesem Schuljahr etliche Unterrichtseinheiten mit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 beschäftigen. Im Fach Türkisch müssen alle Schüler einen Aufsatz zu dem Thema "Der Sieg der Demokratie und die Märtyrer des 15. Juli" schreiben.

Die Reform könnte die Türkei über Generationen hinweg prägen. Experten warnen vor einem Niveauverfall an den Schulen. "Das ist ein Staatsstreich gegen die Bildung in der Türkei", sagt Orhan Yildirim, der Chef der Lehrergewerkschaft "Egetim-Is". "Wenn man die Bildung auf diese Weise beschneidet, wird es unmöglich sein für die Türkei, zu anderen prosperierenden Nationen aufzuschließen."

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.