Schulreform in Schleswig-Holstein Altes Konzept im neuen Gewand?

Als erstes Bundesland verankert Schleswig-Holstein die "Gemeinschaftsschule" als neue Schulform und wandelt Haupt- und Realschulen in "Regionalschulen" um. Allein das Gymnasium bleibt, wie es ist - für manche eine kleine Revolution, für andere ein fauler Kompromiss.

Von Britta Mersch


Es sind ganz böse Erinnerungen, die Sozialdemokraten und Konservative teilen. In den siebziger und achtziger Jahren trieb der erbitterte Streit um die Gesamtschulen tiefe Gräben in die Bildungspolitik. Die SPD pries das Gesamtschul-Konzept als Garant für Chancengleichheit; für die CDU indes war es Teufelszeug - nichts und niemand durfte an der heiligen Dreifaltigkeit aus Gymnasium, Realschule, Hauptschule rütteln. Alle Schüler unter einem Dach, in den gleichen Klassen, unabhängig von der Leistungsfähigkeit? Für die CDU blieb das stets eine furchterregende, geradezu sozialistische Vorstellung.

Bildungsministerin Erdsiek-Rave: Reformmotor angeworfen
DDP

Bildungsministerin Erdsiek-Rave: Reformmotor angeworfen

Vergangen, aber nicht vergessen. In Schleswig-Holstein flammte der Kulturkampf um das beste Schulsystem in den letzten Jahren immer wieder auf, zusätzlich angefacht durch den Pisa-Schock und das miserable Abschneiden deutscher Schüler in anderen internationalen Vergleichsstudien. Die Entscheidung, auf welche Schule ein Kind nach den Grundschuljahren kommt, werde zu früh getroffen und gleiche zudem einer Lotterie, hielten Bildungsexperten den Landesregierungen vor. Und obendrein festige diese frühe Festlegung auf den künftigen Bildungsweg die Benachteiligung von Kindern aus "bildungsfernen" Elternhäusern, vor allem aus Migrantenfamilien. Deutschland liegt in dieser Hinsicht international hinten - und Schleswig-Holstein national, wie Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave betonte. Im letzten Wahlkampf trommelte die SPD-Politikerin unermüdlich für ihr Modell der "Gemeinschaftsschule", die auf keinen Fall "Gesamtschule" heißen darf.

Nun soll sich im Schulsystem des nördlichsten Bundeslandes nicht alles, aber einiges ändern. Nach langem Tauziehen hat sich die Große Koalition darauf geeinigt, dass die 25 Gesamtschulen bis zum Jahr 2010 in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Dort sollen die Schüler bis zur 10. Klasse gemeinsam lernen und können anschließend in die Oberstufe wechseln - sofern vorhanden, an der gleichen Schule, sonst an einem Gymnasium.

Das Land reagiert auf das Pisa-Fiasko

Es handelt sich zwar nur um eine recht kleine Gruppe der insgesamt über 1000 Schulen in Schleswig-Holstein, aber das Signal ist bemerkenswert. Der Reformwille zeige sich auch an weiteren Schulformen, sagt Lars Langenau, Pressesprecher des Bildungsministeriums in Schleswig-Holstein: "Wir haben schon von anderen Schulen gehört, dass sie sich dem Modell anschließen wollen. Es ist geplant, dass weitere Gemeinschaftsschulen aus schon bestehenden Schulen entstehen", so Langenau, "das könnte dann so aussehen, dass es Anbauten oder Außenstellen geben kann."

Die CDU hatte sich zuvor klar gegen die Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Sie stand für die Regionalschulen. Die sollen nun ebenfalls in Schleswig-Holstein eingeführt werden. Der Kompromiss zwischen CDU und SPD: Anstelle des klassisch dreigliedrigen Systems gibt es nun drei andere Schultypen - wie bisher die Gymnasien, dazu die Gemeinschaftsschulen sowie die neuen Regionalschulen aus Haupt- und Realschule. Dort soll es in der fünften und sechsten Klasse eine gemeinsame Orientierungsstufe geben, anschließend trennen sich die Bildungsgänge Hauptschule und Realschule.

Die neue Aufteilung soll Schülern eine bessere individuelle Förderung bieten. "Es ist die umfassendste Reform der vergangenen Jahrzehnte", sagte Bildungsministerin Erdsiek-Rave, "mit diesem Beschluss ziehen wir weitere Konsequenzen aus den Ergebnissen der internationalen Leistungsvergleiche, die uns immer wieder bestätigt haben, dass unser bestehendes Schulsystem große Defizite hat."

Das Konzept der Gemeinschaftsschulen sieht in seiner Grundidee vor, dass die Schulen künftig frei gestalten können, wie sie ihre Schüler fördern. "Gesamtschulen sind entweder integriert oder kooperativ", erläutert der Bildungsforscher Ernst Rösner von der Universität Dortmund. Integrierte Gesamtschulen bieten je nach Leistung der Schüler Differenzierungskurse an; kooperative Gesamtschulen orientieren sich an der Aufteilung nach Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Mogelpackung oder großer Reformwurf?

Bei Gemeinschaftsschulen sei eine derartige Aufteilung nicht vorgeschrieben: "Die Schulen können flexibler auf die Schüler reagieren und entscheiden, ob sie kooperativ oder integriert arbeiten", sagt Rösner. Das Konzept der Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein sehe jedoch vor, "dass die Schüler die ganze Zeit gemeinsam im Klassenverband sind und nicht, wie bisher bei Gesamtschulen üblich, in Differenzierungskurse eingeteilt werden", erklärt Ministeriums-Sprecher Lars Langenau. Genaueres ergebe sich in der weiteren Planung.

Bislang ist kaum abzusehen, wie reformbereit die Schulen in Schleswig-Holstein sein werden und ob sie ihre Schulformen in ein Gemeinschaftsschul-Konzept integrieren. Erziehungswissenschaftler Rösner sieht im Plan der Landesregierung dennoch eine Chance, die Reform des deutschen Bildungswesens anzukurbeln: "Der Vorteil an Gemeinschaftsschulen ist, dass es für sie bislang kein Standardmodell gibt. Je nach Zusammensetzung der Schüler haben sie ganz unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten." An den bisherigen Gesamtschulen dagegen sei "festgeschrieben, wie der Unterricht differenziert wird".

Ob der Kieler Koalition mit der Schulreform der große Wurf gelingt, ob aus der "Gemeinschaftsschule" mehr wird als nur ein neues Etikett für die ideologisch umstrittene "Gesamtschule", das wird sich erst bei der Umsetzung zeigen. "Die Aufteilung in Regional- und Gemeinschaftsschulen ist schon etwas seltsam", sagt Bildungsexperte Rösner, "trotzdem hat die CDU ein Lob verdient, weil sie die Haupt- und Realschulen zusammen gebracht hat und hier die Jahrgangsstufen 5 und 6 schulformübergreifend sind. Und auch die Einführung von Gemeinschaftsschulen ist sinnvoll." Der Erfolg werde davon abhängen, wie überzeugend die Schulen im Alltag arbeiten: "Es ist ein großer Schritt für Schleswig-Holstein, aber erst ein kleiner für Deutschland", so Rösner.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.