Schulreformen Reif für die Trainingsinsel

Die Elly-Heuss-Knapp-Schule in Heilbronn erprobt Reformen, über die anderswo nur folgenlos palavert wird. Mit neuen pädagogischen Konzepten geht sie gegen Gewalt und Sprachprobleme vor - und will ihren Lehrern dabei über die Schulter sehen lassen.

Von Per Hinrichs


Raissa muss aufpassen. "Das ist schon die zweite Ermahnung!", weist die Lehrerin Elisabeth Helminger das ständig mit seiner Nachbarin plaudernde Mädchen zurecht. "Möchtest du dich an die Regeln halten ­ oder willst du in die Trainingsinsel?" Entschieden schüttelt die 12-Jährige den Kopf. Um Himmels willen, nur das nicht.

Noch vor kurzem wäre die schwatzhafte Schülerin mit einem lauten "Raus!" auf den Flur geschickt worden oder hätte zur Strafe die Hausordnung abschreiben müssen. Die hat sich hier auf drei wesentliche Grundregeln verkürzt: "1. Jeder Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen. 2. Jeder Lehrer hat das Recht, ungestört zu unterrichten. 3. Jeder muss die Würde und die Rechte des anderen respektieren". So mahnen gelbe Plakate, die in jedem Klassenzimmer an der Tür hängen.

Wer von den 1000 Schülern der Heilbronner Elly-Heuss-Knapp-Grund- und Hauptschule heute als Störenfried und Schulhofrowdy auffällt, den schicken die Lehrer in die "Trainingsinsel" - ein abgeschiedenes Klassenzimmer, in dem ein arbeitsreiches und als peinlich empfundenes Ritual auf den Schüler wartet. Manche weinen, wenn sie dorthin müssen, andere sind trotzig, aber: "Das Ganze dauert mindestens eine Stunde - und es funktioniert", sagt Rektor Karlheinz Trumpf.

Manche Jugendliche trinken schon vor der ersten Stunde

Zuerst füllt der Lehrer einen Zettel aus, in dem der Regelverstoß beschrieben wird ("störende Zwischenrufe" oder "Rauferei auf dem Schulhof"). Mit dem Formular in der Hand wandert der Sünder in das Klassenzimmer, in dem an jedem Schultag ein Lehrer auf solche Kandidaten wartet.

In Aufsätzen ("Beschreibe genau, was vorgefallen ist!") müssen die Schüler darlegen, welche der drei Grundregeln der Schule sie verletzt haben, warum sie das taten und welche Folgen das für sie und andere hatte. Dann schließen Klassenlehrer und der Schüler einen "Vertrag" ab, in dem der Insulaner Besserung gelobt.

Schulleiter Trumpf hat sich nicht ohne Grund für die Idee der Trainingsinsel begeistert, die der Amerikaner Edward Ford 1994 entwickelt hat. Der Ausländer- und Aussiedleranteil an der Elly-Heuss-Knapp-Schule liegt bei etwa 60 Prozent; viele Russlanddeutsche leben im Übergangswohnheim gegenüber. Einige der Neu-Heilbronner sprechen kaum oder gar kein Deutsch, wenn sie das erste Mal in die Elly-Heuss-Knapp-Schule kommen.

"Wir haben natürlich Probleme mit Gewalt und Kriminalität", räumt der Rektor der Ganztagsschule ein. Sogar "Alkoholgenuss bei Jugendlichen vor dem Unterricht ist nicht selten", heißt es in einer Selbstbeschreibung der Schule. Neben den Lehrern arbeiten daher auch Sozialpädagogen, Erzieher und Psychologen an der Elly-Heuss-Knapp-Schule mit der häufig schwierigen Klientel.

Damit Schüler mit Sprachschwierigkeiten nicht untergehen, hat Trumpf mit seinen Kollegen "Vorbereitungsklassen" eingerichtet, in denen Vietnamesen, Griechen, Kasachen und Türken zusammen Deutsch lernen. Um Schüler aus der GUS kümmert sich eine "Brückenlehrerin". Als gebürtige Russin kann sie vor allem mit den Eltern kommunizieren, die oft nur ihre Muttersprache sprechen.

Mitunter springt die Schule für die Familie ein

Das System der Vorbereitungsklassen hat sich in Heilbronn bereits herumgesprochen: Das Sozial- und Jugendamt fragt häufig um einen Platz für Migranten an; mittlerweile gibt es einen regelrechten Schultourismus nach Böckingen. Binnen eines Jahres können die Neu-Deutschen in eine gewöhnliche "Regelklasse" wechseln - "das Gröbste haben sie dann geschafft", sagt Gudrun Beyna, die den Deutschunterricht leitet.

Das mag für die Verständigung zutreffen, aber viele Kinder und Jugendlichen aus dem Problemviertel können sich schlecht konzentrieren und haben Probleme, sich einzugliedern. Drei Stunden in der Woche trainieren sie deshalb das "soziale Lernen", wie in der Stunde bei Frau Helminger.

Dazu gehören nicht nur Streit-Schlichtungsprogramme und Diskussionsrunden. Es geht um das Erlernen des Lernens: In Kleingruppen müssen die Schüler Texte lesen, zusammen Fragestellungen entwickeln und danach in einem Quiz gegeneinander antreten - zur Stärkung der "Methodenkompetenz".

Faulheit heißt im Pädagogenjargon
"schwach ausgeprägter häuslicher Lerneifer"

Wenn auch das nicht weiterhilft, greifen Hilfsprogramme, die verhindern sollen, dass ein Schüler untergeht. "Bei uns verlässt fast jeder die Schule mit einem Abschluss", sagt Trumpf. Von obligatorischem Förderunterricht bis hin zur Hausaufgabenhilfe bei "schwach ausgeprägtem häuslichen Lerneifer", wie Faulheit hier genannt wird, reicht die Palette der Angebote.

So sieht Karlheinz Trumpf seine Penne auch nicht als gewöhnliche Lehranstalt an, sondern beschreibt sie blumig als "Lebensschule ganztägiger Art". Arbeitsgemeinschaften und Projektarbeit, Zusammenarbeit mit Sportvereinen oder der Jugendfeuerwehr sollen die Schule in den Stadtteil verankern und den Schülern das Gefühl geben, "Gemeinschaft erlebbar zu machen".

Die Schule als Ersatzfamilie? "Das ist zwar nicht unser originärer Auftrag. Aber wenn die Kinder zu Hause, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, springen wir notgedrungen ein", sagt Konrektorin Angelika Biesdorf.

Sonderurlaub für professionelle Reflexion

Vorbereitungsklassen, Trainingsinsel, Förderunterricht, drei Stunden mehr Unterricht pro Woche und Klasse: Es liest sich wie ein wahr gewordener Wunschtraum reformfreudiger Pädagogen, was Rektor Trumpf und seine 49 Kollegen in Heilbronn aufgezogen haben. Das staatliche Schulamt Heilbronn, das die Schule finanziell wie personell gut ausstattet, denkt schon den nächsten Schritt: Nach der erzieherischen Rundumversorgung der Schüler sind jetzt die Lehrer dran. "Wir wollen die Schultür knacken", sagt Schulamtsleiter Wolfgang Seibold.

Die Pädagogen sollen sich, bislang nahezu undenkbar, im Unterricht gegenseitig besuchen und anschließend kritisieren, um "die eigene professionelle Kompetenz zu stärken und ohne aufsichtlichen Druck" zu arbeiten. Das Schulamt belohnt die professionelle Reflexion der Kollegen natürlich: Jeder Lehrer, der mitmacht, bekommt einen Tag Sonderurlaub.



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