Seelsorger in Lünen "Schule braucht Sicherheit"

Ein Junge in Lünen ist tot - offenbar erstochen von einem Mitschüler. Im Interview erzählt Seelsorger Willi Wohlfeil, wie er den Schülern helfen will.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Willi Wohlfeil, geb. 1961, ist Pfarrer und Notfallseelsorger im Kreis Unna. Er ist auch in der Schule in Lünen im Einsatz, wo ein 15-Jähriger einen Mitschüler erstochen haben soll.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wohlfeil, an einer Gesamtschule in Lünen ist ein 14-Jähriger mit einem Messer getötet worden. Der Tatverdächtige ist sein Mitschüler. Sie sind als Seelsorger vor Ort. Wie geht es den Schülern, Eltern, Lehrern?

Wohlfeil: Die Tat ist für alle noch immer unfassbar. Ich habe mit Schülern gesprochen, die Angst haben, in die Schule zu gehen. Die nicht begreifen können, wie das ausgerechnet hier passieren konnte. Die nicht verstehen, warum ihre Schule plötzlich so in der Öffentlichkeit steht. Gleichzeitig löst die Tat bei vielen Erinnerungen an belastende Ereignisse aus. Einige erinnern sich beispielsweise an verstorbene Verwandte und erleben die Trauer nun erneut. Die Schweigeminute war für mich besonders eindrucksvoll. Plötzlich herrschte absolute Stille, nicht ein einziger Schüler hat auch nur den kleinsten Laut von sich gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie den Schülern in so einer Situation?

Wohlfeil: Wir haben einen Trauerraum eingerichtet, mit Kerzen und einem Bild des Verstorbenen. Dort können Schüler und Lehrer ihre Erinnerungen an den Jungen teilen, ihm Briefe schreiben, wie: "Was ich dir noch gern gesagt hätte". Ich rate den Schülern auch, alles zu machen, was ihnen guttut. Zum Beispiel Fußball spielen, sich mit Freunden treffen, den Alltag zulassen.

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Bluttat in Lünen: Eine Schule trauert

SPIEGEL ONLINE: Der Schulbetrieb ist wieder angelaufen, normalen Unterricht gibt es jedoch nicht. Ist es für die Schüler sinnvoll, direkt nach der Tat wieder in die Schule zu gehen?

Wohlfeil: Ich habe heute nur Schüler getroffen, denen es guttat. Hier können sie ihre Freunde treffen, denen es ähnlich geht wie ihnen. Sie haben Ansprechpartner. Außerdem sorgt ein gewohntes Umfeld für Stabilität. Die Lehrer haben mit ihren Schülern über die Tat gesprochen. Allerdings können sie sich nicht um alle gleichzeitig kümmern. Wenn ein oder mehrere Schüler Redebedarf haben, schicken ihn die Lehrer zu mir. Außerdem trage ich eine Weste mit der Aufschrift "Seelsorger", damit mich alle erkennen und direkt ansprechen können, wenn sie wollen.

SPIEGEL ONLINE: Woher weiß eine Schule, was in so einer Situation zu tun ist?

Wohlfeil: Alle Schulen haben einen Notfallplan, wie sie mit Krisen am besten umgehen sollten. Darin stehen auch die Kontaktdaten zu Seelsorgern und Schulpsychologen. Wir wurden vom Rettungsdienst alarmiert. Deshalb war ich sofort im Einsatz.

SPIEGEL ONLINE: Der Schulleiter will so schnell wie möglich in den Schulalltag zurück. Wie kann das funktionieren?

Wohlfeil: Schule braucht Sicherheit. Sie muss deshalb so schnell wie möglich dafür sorgen, dass die Schüler wieder Halt gewinnen. Es ist wichtig, dass sich die Lehrer und Schüler ihren Alltag Stück für Stück zurückerobern. Heute sprechen die Lehrer beispielsweise noch die ganze Stunde mit den Schülern. Vielleicht gelingt es in den kommenden Tagen, dass sie zumindest einige Minuten unterrichten. Die Kinder brauchen ein Angebot für Normalität. Besonders schnell lässt sich das meiner Erfahrung nach im Sportunterricht umsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Worauf müssen Eltern und Lehrer nun achten?

Wohlfeil: Sie sollten ihre Kinder und Schüler genau beobachten. Angehörige verständigen uns oft, wenn jemand weint. Einige verdrängen ihre Gefühle aber, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Die Betroffenen wirken zunächst gefasst und ruhig, obwohl sie Hilfe brauchen. Oft glauben sie auch, es wird von ihnen eine bestimmte Reaktion erwartet und verhalten sich entsprechend. Wenn man diejenigen anspricht, reagieren sie jedoch meist langsamer. Das kann ein Alarmsignal sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange braucht es, um die Geschehnisse zu verarbeiten?

Wohlfeil: Wir stehen am Anfang, der erste Schritt ist gemacht. Ich denke, der heutige Tag war für uns alle hilfreich. Wie schnell die Schüler die Tat verarbeiten können, ist sehr unterschiedlich. Das hängt sehr von dem jeweiligen Schüler ab, von seiner Beziehung zu dem Getöteten und ob durch die Tat andere belastende Erfahrungen wieder hochkommen. In der Notfallseelsorge gibt es keine exakte zeitliche Richtlinie. Es kann sein, dass die Schule sehr schnell ohne unsere Hilfe auskommt oder wir über Wochen bleiben. Ich werde auf jeden Fall auch morgen wieder hier sein.



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