Schuluniformen Ja, ist denn schon Sommerloch?

An manchen Schulen gibt es schon Einheitskleidung, andere denken nicht im Traum daran. So wird es bleiben. Die Bundesländer sind sich beim Thema Schuluniformen ziemlich einig: Keine schlechte Idee – aber vorschreiben kann und will man sie nicht.


Bei manchen Bildungsthemen verhält es sich wie mit dem legendären Ungeheuer von Loch Ness: In unregelmäßigen Abständen tauchen sie auf, schlagen ein paar Wellen und tauchen dann schnell wieder ab. So ist es auch mit den Schuluniformen. Alle Jahre wieder wird darüber debattiert, vor allem unter Bundes- und Landespolitikern. Die allerdings dürfen über eine einheitliche Schulkleidung gar nicht entscheiden; die "freie Entfaltung der Persönlichkeit" nach Artikel 2 des Grundgesetzes gilt ja auch für Schüler. Allenfalls jede einzelne Schule selbst kann eine gemeinsame Kleiderordnung festlegen - und auch das nur, wenn Schüler, Lehrer und Eltern sich einig sind.

Genau die gleiche Diskussion wie in den letzten Tagen gab es beispielsweise im August 2003, mit den gleichen Argumenten und teils den gleichen Kontrahenten. Diesmal kam das Sommerloch etwas früher. Den Anstoß gabe Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): Sie hatte am Wochenende einheitlichen Schuldress empfohlen, nachdem zwei Schülerinnen in Bonn vollkommen verschleiert zum Unterricht erschienen und anschließend vom Unterricht ausgeschlossen worden waren. Um sich gegen Provokationen von Jugendlichen zu wehren, braucht es indes klare Regeln, keine Schuluniformen – auch damit hätte man die beiden 18-Jährigen Mädchen nicht gehindert, plötzlich in Niqabs zu erscheinen.

Wenn Schulkleidung allerdings eingeführt werden soll, steht es den Schulen frei, dies nach Rücksprache mit Eltern und Schülern zu beschließen. Dass es keine verbindliche, landeseinheitliche Lösung geben kann, wissen alle Bundesländer. SPIEGEL ONLINE hat die Reaktionen auf den Zypries-Vorstoß zusammengestellt.

In Bayern nannte Ministerpräsident Edmund Stoiber Schuluniformen "eine gute Idee". Allerdings lehnen Stoiber und Schulminister Siegfried Schneider eine gesetzliche Vorschrift ab. "Das sollten die Schulen vor Ort gemeinsam mit Eltern und Schülern entscheiden", sagt der Sprecher des Kultusministeriums, Ludwig Unger.

In Brandenburg hat bisher eine Schule des Landes den Einheitslook eingeführt: Seit Januar 2006 kommen die Erstklässler der Potsdamer Max-Dortu-Grundschule in Schulkleidung zum Unterricht.

Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sehen zwar keinen Sinn in landesweiten Regelungen zu Schuluniformen. Doch individuellen Lösungen an Schulen gegenüber sind die Nordländer durchaus aufgeschlossen. Der Vorschlag der Justizministerin "mag populär sein, löst aber keines unserer schulischen Probleme", sagte Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) am Montag. In Hamburg wurde bereits an drei Schulen Einheitskleidung eingeführt, beispielsweise recht erfolgreich an der Realschule Sinstorf. Die Hamburger CDU begrüßt solche Experimente; Bremens SPD-Bildungssenator Willi Lemke ist ohnehin einer Freund der Schuluniform-Idee. Ein Sprecher Lemkes sagte, ein einheitlicher Dress können das in manchen Schulen verbreitete "Abzocken" von Markenkleidung unter Schülern verhindern helfen. Über die Einführung müsse jede Schule selbst entscheiden.

Mecklenburg-Vorpommerns parteiloser Bildungsminister Hans-Robert Metelmann findet einheitliche Kleidung generell unpassend, da Schüler individuelle Persönlichkeiten darstellten, die man nicht uniformieren solle. Zusammengehörigkeitsgefühl könne auch durch gleiche Aufnäher, Mützen oder Schals zum Ausdruck kommen.

Auch in Thüringen kann man sich für den Vorschlag von Justizministerin Zypries nicht begeistern, vor allem nicht als landesweite Pflicht. An der Europaschule in Erfurt führte man schon vor Jahren Uniformen ein. In Sachsen und Sachsen-Anhalt wird es ebenfalls keine landeseinheitliche Pflicht zur Schuluniform geben. Ein Problem wie die mangelnde Integration von Kindern mit Migrationshintergrund könne mit den Uniformen nicht gelöst werden, erklärte Sachsen-Anhalts parteiloser Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz.

In Hessen steht Kultusministerin Karin Wolff (CDU) einer Einführung von Schuluniformen unter dem Gesichtspunkt der Integration skeptisch gegenüber. "Die Schuluniform hilft nicht gegen Kopftücher", betont Wolffs Sprecher Christian Boergen. Ebenso bezweifelt man im Saarland den Nutzen von Schuluniformen. "Keiner sollte glauben, dass Jugendliche dadurch auf Markenkleidung verzichten. Nachmittags werden die Schüler trotzdem wieder ihre Lieblingskluft anziehen", so das Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft.

In Rheinland-Pfalz sind bislang keine Schulen mit Uniform bekannt, obwohl diese im Einvernehmen von Lehrern, Eltern und Schülern eingeführt werden könnten. Auch in Baden-Württemberg ist die Einführung von Schulkleidung freigestellt. Seit einem Jahr gibt es etwa einheitliche Kleidung in verschiedenen Farben an der badischen Haupt- und Realschule Friesenheim.

Lehrerverbände äußerten sich ablehnend zu Schuluniformen. So sieht Andreas Meyer-Lauber. Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW in Nordrhein-Westfalen, Schüler, die eine einheitliche Kleidung wünschen, als Ausnahme: "Jugendliche genießen ihre Individualität." In Deutschland fehle die Tradition von Schuluniformen, wie es sie in angelsächsischen Ländern gebe. Der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne sagte, er finde es "in Ordnung, wenn Schulen auf freiwilliger Basis Schuluniformen einführen wollen". Das löse allerdings wichtigere Probleme wie die fehlenden Perspektiven für Hauptschulabgänger nicht.

Der Deutsche Philologenverband wertete es als "völlig unrealistisch zu glauben, mit Schuluniformen ließen sich Integrationsprobleme lösen oder der Markenfetischismus bekämpfen". In Deutschland gebe es wegen der nationalsozialistischen Herrschaft keine historisch unbelastete Tradition von Schuluniformen, sagte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Zudem hätten Forscher herausgefunden, dass sich in Ländern mit Schuluniformen das Phänomen Markenfetischismus in andere Bereiche "wie etwa Handys und Uhren" verlagere.

cpa/jolddp/ap/dpa

Forum - Dressed to drill - mit Schuluniformen gegen Markenzwang?
insgesamt 1593 Beiträge
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DJ Doena 14.06.2005
1.
Ntürlich wird es auch hier wieder Wege geben die Uniformität zu individualisieren, aber IMHO ist es ein erster Schritt, den Markenzwang zu entschärfen und die Verbrechen "Markenklamotten abzocken" einzuschränken. Aber da Individualismus heute über allem steht und sich schon im Nachbartrhead alle über die Ganztagsschule echauffieren, die ihre Kinder angeblich militarisieren und ideologisieren würde, brauchen wir über Schul"uniformen" erst gar nicht anfangen zu reden.
Studiengebührenzahler, 14.06.2005
2.
Nach einigen wenigen Jahren, die ich bislang gezwungen war im staatlichen Schulsystem zu unterrichten, kann ich die Einführung von Schulkleidung (Schuluniformen klingt in D ja wieder so militaristisch und böööööse) nur begrüßen. Ich weiß, wie ich als 15jähriger gewesen bin und kann eigentlich keinem Jugendlichen böse sein, der sich lieber auf den String oder die herausquellenden Brüste seiner Mitschülerinnen konzentriert als auf den Unterricht. Auch könnte auf diesem Weg dem Mobbing und dem Markenterror ein Ende gesetzt werden. P.S.: Habe samstags ein Radiogespräch zu diesem Thema gehört. Dort hat sich eine Schülersprecherin gemeldet, die gegen Schulkleidung ist. Begründung: Bei uns zieht jeder an, was ihm gefällt. Das ist gar kein Problem. Nur einer ist ein Problem, denn der trägt immer noch, was Mutter ihm gekauft hat. Also...Alles kein Problem:(
fuchtel311, 14.06.2005
3.
Vorneweg: Ich schreibe aus Suedengland und habe einen 9-jaehrigen Sohn, der seit knapp einem Jahr hier eine staatliche Schule besucht und (selbstverstaendlich) eine Schuluniform traegt. Ich muss sagen, nach anfaenglicher Skepsis, ich bin zu einem klaren Befuerworter geworden. Dabei haben viele der bekannten (und auch im Artikel beschriebenen) Einwaende ihre Berechtigung. In der Summe ueberwiegen aber die Vorteile. Ein Markendruck ist schlicht nicht vorhanden! Allerdings kann es sein, dass dies in hoeheren Klassen (z.B durch Schuhe, die nicht Bestandteil der Uniform sind!) anders ist. Die Identifikation mit der Schule/Klasse ist deutlich besser als in Deutschland. Dafuer ist die Uniform allerdings nicht alleine verantwortlich. Es waere naiv zu glauben, dass eine Uniform alle sozialen Probleme innerhalb der Schule loest. Hier tragen noch andere, interessante Ansaetze bei. Wer z.B. fleissig ist oder Verantwortung uebernimmt, bekommt Bonuspunkte, aber nicht fuer sich, sondern fuer sein "Haus" (wie in Harry Potter :-) ) Es gibt eine am Wochenende nicht zu uebersehende "Ueberkompensation" bei der Auswahl der Freizeitkleidung. Sieht manchmal schon etwas skurril aus ... Mir tun alle Kinder (und Eltern) leid, die Ihre Individualitaet so ueber Kleidung ausdruecken muessen, dass ihre Persoenlichkeit ohne dies Schaden nimmt. Kinder und Jugendliche in England sind nicht weniger individuell! Sie finden Wege, Ihre Individualitaet anders auszudruecken. Ich stehe hier im Forum gerne zur Verfuegung, um Fragen "aus der Praxis" zu beantworten. Viele Gruesse, Christian Hermann
TK1, 14.06.2005
4. Keine Alternative zur Schuluniform
Die Schuluniform hat nur Vorteile. Da sich die Kinder nicht über Äußerlichkeiten wie Markenklamotten sozialisieren können, sind sie auf ihre eigenen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften angewiesen. Dies hilft ihnen enorm bei ihrer Entwicklung und führt zu einem ganz anderen Umgang der Kinder miteinander als dies durch gutes Zureden erreichbar wäre. Die Kinder lernen auch, sich mit dem Menschen selbst zu befassen, ohne von Statussymbolen geblendet zu sein. Alles in allem wäre es zu wünschen, wenn auch in Deutschland mehr und mehr auf die Schuluniform zurüchgegriffen würde. Sie führt über eine "Uniformierung" zu einer wesentlich stärkeren Differenzierung in der Persönlichkeitsbildung. Mein Sohn trägt -zum Glück- Schuluniform. Wer sich an der Uniform vor dem historischen Hintergrund stört, hat wenig begriffe. TK
sandmann, 14.06.2005
5.
Aus meiner erfahung mit Schuluniform 8die sich auf einen Schueleraustausch nach Australien 1996) beschranekt, kann ich nur sagen, dass durch Uniform keineswegs das konkurrenzdenken nachlaesst: So wurde zwar nicht innerhalb einer Schule gdisst, aber von Schule zu Schule, man hatte nicht mit dem zu sprechen, da der ja (unverkennbar an seiner Uniform) zu einer "billigeren Schule" oder zu einer "schlechteren Schule" gehoert. Ausserdem waren die Schueler dort gezwungen, alle Artikel der Schule sich zuzulegen, ueber die Pullover bis zu den Sporttaschen..Und die waren keineswegs guenstig! Von der Doppelmoral mal ganz abgesehen..Rauchen in Uniform war ausserhalb der Freizeit verboten, wehe man wurde von einem Lehrer dabei gesehen, aber sobald man in Freizeitkleidern mit einer Zigarette gesehen wurde, war "alles kein Problem mehr".
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