Tricksereien bei der Schulwahl "Eltern sind kampfbereit und klagewillig"

Es ist wieder so weit: In mehreren Bundesländern läuft die Anmeldung für weiterführende Schulen. Damit ihr Kind auf die Wunschschule darf, greifen manche Eltern zu unschönen Mitteln.

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Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Und wie sichere ich ihm da einen Platz? Es gibt Eltern, die sich über diese Fragen jahrelang den Kopf zerbrechen.

Kein Smalltalk mit Müttern und Vätern älterer Kinder kommt ohne die Frage aus, welche Schule diese empfehlen können. Und wie zufrieden sie mit den Lehrern dort sind.

Bieten Schulen "Tage der offenen Tür" an, dann tingeln Eltern von einer Einrichtung zur nächsten, lassen sich künftige Klassenlehrer vorstellen, lauschen dem Schulchor, informieren sich über Extras wie bilingualen Unterricht, essen selbst gebackene Waffeln. Die Frage, welche Schule die beste ist, wird zum zentralen Thema - und zwar ganz akut in diesen Tagen. Im Februar läuft in mehreren Bundesländern die Anmeldung für weiterführende Schulen.

Eltern müssen also jetzt eine Entscheidung treffen. Aber: Sie haben oft keine Garantie, dass ihr Kind an der gewünschten Schule einen Platz bekommt. Einige Schulen sind nachgefragter als andere. So kommt es zu Verteilungskämpfen, die einige Eltern in ein moralisches Dilemma stürzen. Dann nämlich, wenn andere Mütter und Väter mit verbotenen Methoden Vorteile für ihre Kinder erstreiten.

"Mich belastet das extrem"

Mutter bringt Kinder zur Schule (Symbolbild)
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Mutter bringt Kinder zur Schule (Symbolbild)

"Ich hatte schlaflose Nächte und konnte kaum noch an etwas anderes denken", sagt Gesa-Julia Schulte aus Hamburg, die eigentlich anders heißt, ihrem Sohn Tim zuliebe aber anonym bleiben möchte. Zu groß ist die Sorge, ihr Kind könne sonst auf dem Schulhof "abgewatscht" werden. Schultes Geschichte geht so:

Im Februar 2018 meldet die Mutter ihren Sohn auf einem Gymnasium in der Nähe an. Dort gehen auch fast alle anderen Kinder aus der Nachbarschaft hin. Zwei Monate später passiert das Unerwartete: Tim wird abgelehnt. "Das war ein Schock. Ich habe zuerst an einen Irrtum geglaubt", sagt Schulte.

Denn: Tim wohnt in derselben Straße wie seine Freunde Ole und Lukas, und die wurden beide an dem gewünschten Gymnasium angenommen. Umso enttäuschter ist Tim. Er zieht sich total zurück, ist traurig, sagt immer wieder: "Alle freuen sich auf die neue Schule, nur ich nicht." Schulte will ihr Kind nicht leiden sehen. Sie beschließt, für einen Platz auf Tims Wunschschule zu kämpfen, beauftragt einen Rechtsanwalt und legt Widerspruch ein.

Schultes sind kein Einzelfall. Nach Angaben der Hamburger Schulbehörde gab es in der Anmelderunde für Klasse 5 zum aktuellen Schuljahr 279 Widersprüche. Frank Hansen, Hamburger Rechtsanwalt, der sich auf Schulrecht spezialisiert hat, hat im vergangenen Jahr rund 80 Fälle zu Streitigkeiten bei der Schulwahl betreut.

"Eltern sind sehr kampfbereit und klagewillig", sagt Hansen. Nach Erhalt der Zuweisungsbescheide klingele bei ihm ständig das Telefon. Eltern suchen Rat. "Wir haben Verfahren schon öfter gewonnen - aber garantieren kann man das natürlich nicht", sagt der Anwalt. Trotzdem gibt es Eltern, die sich den Aufwand eine vierstellige Summe kosten lassen.

Das Wohnortprinzip

Kinder und Eltern beim gemeinsamen Schulbesuch (Symbolbild)
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Kinder und Eltern beim gemeinsamen Schulbesuch (Symbolbild)

Dass über die Wahl der weiterführenden Schule überhaupt so erbittert gestritten wird, hat auch damit zu tun, dass Schulbehörden - nicht nur in Hamburg - Eltern viel Mitspracherecht zugestehen. Gibt es an Schulen allerdings mehr Anmeldungen als Kapazitäten, werden die Plätze nach verschiedenen Kriterien vergeben.

  • In Berlin beispielsweise zählen unter anderem Notenschnitt und Neigungen von Kindern. Teilweise kommt es hier zu langen Schulwegen, auch weil es an bestimmten Schulformen an Kapazitäten fehlt.
  • In Nordrhein-Westfalen geht es etwa um Ausgewogenheit zwischen Mädchen und Jungen, Kindern mit guten und schlechten Leistungen sowie Kindern mit verschiedenen Muttersprachen. Zusätzlich ist entscheidend, ob Geschwister an der Schule sind und wie nah Kinder wohnen.

Beides sind auch Hauptkriterien bei der Schülerauswahl in Hamburg.

Schulte gibt deshalb x-mal ihre Adresse in den Schulweg-Rechner im Internet ein. Tims Schulweg: rund ein Kilometer. Er ist nicht länger als der von Ole oder Lukas. Inständig hofft die Mutter, die Behörde möge das ebenso sehen. Monatelanges Warten. In den Sommerferien kommt der Brief: Widerspruch abgelehnt. Schultes sind schwer enttäuscht, aber bereit zum Widerstand. Eilverfahren vor Gericht.

Andere verpetzen - oder nicht?

Kinder auf dem Schulweg (Symbolbild)
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Kinder auf dem Schulweg (Symbolbild)

Die Familie kann sich nicht mit dem Schulweg-Argument durchsetzen. An dem gewünschten Gymnasium gibt es zu viel Konkurrenz von Schülern mit Geschwisterkindern oder einem kürzeren Schulweg. Zumindest offiziell. Als Gesa-Julia Schulte ihre Erfolgschancen schwinden sieht, überlegt sie, ob sie ihren letzten Trumpf aus der Tasche ziehen soll.

Per Zufall hat die Mutter erfahren, dass ein Kind an Tims Wunschschule angenommen wurde, das deutlich weiter weg wohnt als Tim. Der Verdacht liegt nahe, dass die Eltern das Kind zum Schein umgemeldet haben, damit es formal dichter an der Schule wohnt - und so sicher einen Schulplatz bekommt.

"Ich habe lange damit gehadert, ob ich das in dem Verfahren sagen soll. Natürlich verstehe ich, dass das andere Kind den Platz auch haben möchte. Ich will ja dieses Kind nicht bestrafen", erzählt Schulte, und beim Zuhören ist zu merken, wie die Sache an ihr nagt. "Andererseits nimmt dieses Kind einem anderen Kind den Platz weg, in diesem Fall meinem Kind. Das ist nicht rechtens und moralisch nicht in Ordnung."

Schultes Anwalt informiert die Schulbehörde über den Verdacht. Danach darf Tim dann doch an sein Wunschgymnasium. "Mein Kind ist froh und erleichtert, dass es mit der Schule geklappt hat - und ich auch", sagt Schulte heute, rund sechs Monate später. "Trotzdem wühlt mich die Sache immer noch emotional auf."

"Mir ist wichtig, dass auch andere Kinder nicht unverschuldet leiden müssen", sagt die Mutter. "Aber ich weiß auch, dass Eltern wie ich bei manchen als Denunzianten gelten. Das finde ich sehr unfair, weil ja andere Eltern bewusst gegen Regeln verstoßen, um ihrem eigenen Kind Vorteile zu verschaffen, aber anderen Kindern damit den rechtmäßigen Platz wegnehmen."

Ordnungswidrigkeit

Hammer auf dem Platz eines Richters
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Hammer auf dem Platz eines Richters

Sich zum Schein ummelden, das gilt einigen Eltern als Kavaliersdelikt. "Wir haben seit dem Herbst Anfragen von Müttern und Vätern, ob wir sie dabei juristisch beraten können", sagt Anwalt Hansen. Das lehne er jedoch ab. Es handle sich um eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld bestraft werde - wenn sie denn auffliegt.

Wie oft Eltern zu solchen Tricks greifen, um Kindern einen Schulplatz zu sichern, wird weder landes- noch bundesweit erfasst. Oft bleibt es unbemerkt. Das Schulministerium in Baden-Württemberg beispielsweise hat nach eigenen Angaben keine Informationen über entsprechende Fälle. Berliner Behörden kontrollierten verstärkt, nachdem sie von Tricksereien erfahren hatten.

Die Hamburger Schulbehörde teilt mit, es würden gelegentlich Einzelfälle bekannt, denen die Schulaufsicht dann nachgehe. "Statistisch ist das aber nicht erfasst, da wir nur sehr selten von Scheinadressen erfahren und dann dagegen vorgehen können", so ein Sprecher. Die Behörde mahnt: Wenn Eltern nicht nachweisen könnten, an dem angegebenen Ort wirklich zu wohnen, erfolge im Zweifel eine Umschulung auf eine andere Schule.

Eine Mahnung gibt es auch von richterlicher Seite. Die betrifft allerdings nicht Eltern, sondern Schulen in Nordrhein-Westfalen. Bei der Auswahl der Schüler gehe es nicht immer mit rechten Dingen zu, rügte das Oberste Verwaltungsgericht, wie "newsforteachers" berichtet. Hintergrund ist der Fall einer Schule in Heiligenhaus. Hier seien - formal per Losverfahren - regelmäßig ortsansässige Schüler bevorzugt worden, obwohl andere die gleiche Chance auf einen Gesamtschulplatz haben müssten.

"Es gibt einen Herdentrieb"

Eltern auf dem Schulhof
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Eltern auf dem Schulhof

Wonach Schulen ihre Schüler auswählen, wie häufig es zu Widerspruchsverfahren kommt - zu all dem gebe es bundesweit kaum belastbare Zahlen, sagt der Berliner Bildungsforscher Marcel Helbig. Er wisse, dass etwa in Berlin viele Eltern ihr Kind an einer Privatschule anmeldeten, um nicht an die zugewiesene Schule zu müssen. Oder dass sie sich zum Schein ummeldeten.

Helbig, selbst Vater von Kindern im Schulalter, kennt den Smalltalk unter Eltern: "Der eine erzählt dies, der andere das, und so bekommen Schulen einen Ruf." Einige könnten sich zudem besser vermarkten als andere. "Irgendeine Schule wird unter Eltern dann als vermeintlich beste auserkoren. Da wollen alle hin, da gibt es auch einen Herdentrieb."

Helbig ist überzeugt, dass die Aufregung viel mit einem bildungspolitischen Ansatz nach dem Pisa-Schock 2001 zu tun hat: Schulen wurde vermittelt, dass sie ein Profil bräuchten, um Werbung für sich zu machen. Das sollte den Wettbewerb fördern, die Qualität steigern und Begabungen von Kindern frühzeitig fördern.

Helbig kritisiert: "Dadurch hat die Debatte um die Schulwahl enorm Fahrt aufgenommen. Eltern werden damit völlig verrückt gemacht. Sie sollen, teilweise noch bevor das Kind in die fünfte Klasse kommt, entscheiden, ob es etwa der musische Typ ist - oder nicht. Damit sind viele Eltern überfordert." Und gefrustet, wenn sie sich eine Schule entsprechend den vermeintlichen Neigungen ihrer Kinder wünschen, dort jedoch wegen ihres Wohnortes keinen Platz bekommen.

"Es wohnen nun einmal nicht alle Kinder, die sich für Altgriechisch und Latein begeistern, zufällig neben der Schule mit diesem Unterrichtsangebot", sagt Helbig. Die Schulplatzvergabe sei nicht durchdacht. Profile einerseits, Wohnortprinzip andererseits - das passe nicht zusammen.

"Wenn Eltern das Gefühl hätten, dass der Staat überall gleich gute Bildungsbedingungen schaffen würde, dann hätten wir nicht diese Probleme", meint Helbig. "Unterschiedliche Schulprofile vermitteln aber gerade einen Eindruck von Differenz, wo gleiche Qualitätsstandards oberstes Ziel sein sollten."

"Abgehobene Großstadt-Diskussion"

Gerade in sozial gemischten Vierteln gehe es einigen Eltern aber auch um soziale Abgrenzung - um den Wunsch, das Kind in eine Schule mit bildungsbürgerlichem Milieu zu schicken, sagt der Forscher. Die Wahl der Schule wird zur Statusfrage. Manchmal wollen Eltern allerdings auch einfach erreichen, dass Kinderfreundschaften erhalten bleiben.

Die ganze Aufregung ist kein Massenphänomen. Von den rund 14.400 Eltern von Fünftklässlern in Hamburg legten nicht einmal 300 Widerspruch ein. Abseits der Metropolen lässt sich die Hysterie ohnehin kaum nachvollziehen. Helbig spricht von einer "abgehobenen Großstadt-Diskussion". "In ländlichen Regionen müssen Eltern oft die einzige Schule nehmen, die im Ort ist, und damit zufrieden sein."

Manchmal verpufft die Aufregung auch in Großstädten schnell wieder. Anwalt Hansen erzählt von Eltern, die zuerst entschlossen in den Kampf um einen Schulplatz zogen - und dann doch freiwillig aufgaben. "Das Gerichtsverfahren zog sich hin, das Kind ging erst mal in eine andere Schule und war dort nach einigen Wochen so glücklich, dass die Eltern anriefen und sagten: Herr Hansen, ziehen Sie alle Verfahren zurück."



insgesamt 109 Beiträge
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ccpollux 29.01.2019
1. Ganz ehrlich...
ich kann es teilweise verstehen. Die Schule in deren Einzugsbereich wir leider noch liegen (ändert sich ja jedes Jahr) würde ich meinen Kindern nicht antun wollen. Da bleibt dann nur noch Privatschule (Montessori oder Waldorf) oder der Versuch, in einen anderen Einzugsbereich zu kommen. Um die weiterführenden Schulen mache ich mir Sorgen, wenn es soweit ist. ;-)
Leser161 29.01.2019
2. Verständlich
In Zeiten in denen Unternehmen Hauptschüler nicht mal angucken und realschüler es schwer haben finde ich es verständlich wenn Eltern die Chance ihres Kindes nicht von einer intransparenten Entscheidung eines Lehrergremiums abhängig machen wollen gegen die es keine Einspruchsmöglichkeiten gibt. Auch wäre es schön wenn Schulen einem rechtzeitig mitteilen könnten ob das eigene Kind genommen wird, damit man Kinderbetreuung und Transport planen kann. In der heutigen verzahnten Welt kann man nicht mehr denken das man einfach so entscheiden könnte und alle das gut finden, bloss weil man eine Schule ist. Ich kenne mehrere Miteltern die durch die Melassigkeit im Entscheidungsfindungsprozess von Kinderbetreuungsstellen üble Probleme mit Job und Finanzierung haben.
MissMorgan 29.01.2019
3. Das ist allerdings kein neues Phänomen
Es war auch schon vor knapp vierzig Jahren bei uns zu sehen. Auf die von mir auserwählte Ursulinenschule dürfte ich nicht, weil ich kein Geschwisterkind dort hatte und meine Eltern keine Spende leisteten. Da zog es auch nicht, dass ich extra Meßdienerin geworden war. Am anderen Gymnasium gab es die Möglichkeit, über die Lateinklasse hinein zu kommen und von mindestens einer Scheinummeldung ist mir auch persönlich berichtet worden.
dasfred 29.01.2019
4. Das Beste kommt zum Schluss
Egal wie der Ruf einer Schule ist, es sagt nichts darüber aus, ob es dem Kind dort gut geht. Wenn es keinen Draht zum Lehrer gibt, die Mitschüler das eigene Kind ausgrenzen oder was auch immer, all das kann auch der beste Ruf nicht ausschließen. Ich habe es oft genug gesehen, dass die Kinder dann nach ein paar Jahren doch die Schule wechseln müssen.
chueau 29.01.2019
5. Schweiz als Vorbild
Macht es doch wie bei uns in der Schweiz. Ins Gymnasium können nur diejenigen, die einen bestimmten Notendurchschnitt vorweisen können. Alle anderen sind chancenlos. In einigen Kantonen ist es sogar so, dass eine sehr schwierige Aufnahmeprüfung bestanden werden muss. Im Grunde ist es gleich, was die Eltern wollen, die Leistung muss stimmen. Das Niveau ist übrigens sehr hoch, sicher höher, als in Europa. Darum ist die Maturitätsquote niedriger als überall!
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