Schutz vor Amokläufen Warum die Festung Schule eine Illusion ist

Kameras, Alarmknöpfe, Wachmänner: Was nach jedem Amoklauf diskutiert wird, gibt es längst an deutschen Schulen. Doch Blutbäder lassen sich damit kaum verhindern, die Hochsicherheits-Schule ist eine Illusion. Die Maßnahmen schützen höchstens vor Hasch-Dealern und Schlägern.

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Längst haben die Schulen in Deutschland aufgerüstet, vor Jahren schon. Die Handelsschule Berliner Tor in Hamburg zum Beispiel ließ bereits 2004 Kameras installieren, 14 Stück für 1200 Schüler, ein Objektiv hängt direkt hinter der gläsernen Eingangstür. Die Bilder laufen auf einem Monitor im Büro des Direktors zusammen, es gibt eine Alarmanlage und Bewegungsmelder. Auch Chipkarten waren im Gespräch, mit denen kontrolliert werden sollte, wer das Schulgelände betreten darf.

In Berlin-Neukölln wiederum patrouillieren seit gut einem Jahr Wachleute von privaten Sicherheitsfirmen an 16 Schulen, finanziert vom Bezirk. Sie sollen verhindern, dass Schulfremde das Gelände betreten, und einschreiten, sobald sich jemand auffällig benimmt. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) hatte die Aktion gegen Widerstände politisch durchgeboxt.

Es sind ziemlich genau die Maßnahmen, die jetzt wieder diskutiert werden nach dem Amoklauf in Winnenden - auch wenn Kameras und Wachschützer damals aus ganz anderen Gründen an die Schulen kamen. Sie sollten Kleinkriminelle fernhalten, Haschisch-Dealer, Schläger, Sprayer; sie sollen Gewalt und Vandalismus verhindern, nicht die ganz großen Katastrophen.

"Gegen Amokläufer kann es keinen Schutz geben", sagte Bürgermeister Buschkowsky SPIEGEL ONLINE. "Aber vielleicht würde ein Amoklauf anders verlaufen, wenn es Zugangskontrollen gäbe." Der Täter würde früher auf Widerstand treffen, wenn auch auf unbewaffneten. Denn ausgerüstet sind die Wachmänner in Neukölln nur mit einem Mobiltelefon.

Wie lassen sich Schulen abschirmen gegen die Gewalt?

Es sind Spekulationen, es herrscht viel Ratlosigkeit. Im Kern geht es immer darum, ob es technisch möglich ist, Schulen sicherer zu machen. Es ist der Glaube an höhere Zäune und strengere Disziplin. Es ist etwas anderes als das, was Psychologen und Wissenschaftler fordern: mehr Betreuung, genaueres Hinsehen, kümmern statt kontrollieren.

Zwar lehnen Politiker und Lehrerverbände es überwiegend ab, Schulen mit Videokameras, Eingangskontrollen und Metalldetektoren zu Hochsicherheitstrakten auszubauen. Doch im Raum steht wieder die Diskussion um die Festung Schule - wie nach jedem Amoklauf.

Dann richten sich die Blicke auch auf die USA: Dort wird der Zugang zu 85 Prozent der Lehranstalten kontrolliert - mit Metalldetektoren, Magnetkarten, verschlossenen Türen während des Unterrichts. 43 Prozent lassen Gänge und Schulhof von Videokameras überwachen. In einer Umfrage unter amerikanischen Rektoren gaben 78 Prozent an, schon einmal Waffen bei Schülern gefunden zu haben. An US-Universitäten gehört bewaffnetes Sicherheitspersonal inzwischen zum Standard. Die meisten Hochschulen haben eine eigene Campus-Polizei.

Polizeigewerkschaft fordert Einlasskontrollen

Davon ist Deutschland weit entfernt. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, forderte nach dem Amoklauf von Winnenden Zugangskontrollen mit Chipkarten und Ausweisen wie in Großbetrieben. Weil Schulen momentan für jedermann zu betreten seien, könne man auch erwägen, wie früher einen Hauswart oder Pförtner zu beschäftigen, sagte er dem NDR. Von Waffenkontrollen am Schultor wie in den USA halte die Gewerkschaft dagegen nichts - allerdings eher aus pragmatischen Gründen: "Bei den 10.000 Schulen wäre das ein ungeheurer Aufwand."

Zahlreiche Politiker und Lehrer wehren sich trotz des gegenwärtigen Schocks gegen eine massive Aufrüstung an den Schulen. So hält es der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU), in dessen Bundesland Winnenden liegt, für nahezu unmöglich, den Zugang zu den Schulen für Fremde massiv zu beschränken. Er wolle die Schulen nicht mit Metalldetektoren oder Wachmannschaften zu Festungen ausbauen. "Natürlich überlegt man, ob eine solche Tat hätte verhindert werden können, wenn die Schule besser nach außen gesichert wäre", sagte Rau. "Aber wenn wir die Schule zu einem Hochsicherheitstrakt machen, ist das eine Botschaft, die für die Schule und die Gesellschaft nur schwer zu verkraften ist." Dennoch müsse über einen besseren Schutz diskutiert werden.

Politiker warnen vor der "Festung Schule"

Ähnlich hört sich das beim SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering an: Er sprach sich gegen einen "Festungscharakter" von Schulen aus und gegen übereilte Reaktionen der Politik auf den Amoklauf. "Niemand sollte den Eindruck erwecken, hier eine schnelle, pauschale politische Antwort zu haben", sagte er den "Nürnberger Nachrichten". Missbrauch von Waffen sei nur sehr schwer zu verhindern, "wenn Leute da mit krimineller Gewalt herangehen". Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte ebenfalls, Schulen dürften keine "waffenstarrenden Festungen" werden.

Technische Maßnahmen würden die Sicherheit nicht erhöhen, sagte auch der Chef des Philologenverbands, Hans-Peter Meidinger. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen." So schlimm die Tat sei, eine solche Tragödie könne leider immer wieder passieren. "Als Schulleiter würde ich mir aber wünschen, dass ich wüsste, welche Eltern von Schulkindern Waffen zu Hause haben, das würde einen ganz anderen Blick eröffnen." Forderungen nach Chipkarten-Einlasssystemen oder Metalldetektoren an Schulen erteilt er eine Absage: "Das sind Vorschläge von Personen, die schon lange keine Schule mehr von innen gesehen haben", sagte er. Am System der offenen Schulen dürfe nicht gerüttelt werden, sonst schaffe man ein Lernklima der Angst. "Mögliche Täter werden immer Wege finden, Waffen reinzuschmuggeln."

Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, riet dazu, den Schulen zu überlassen, welche Konsequenzen sie aus der Tat in Baden-Württemberg ziehen. Jede Schule müsse unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Gegebenheiten "eigenverantwortlich" handeln, sagte Kraus. "Zum Beispiel haben viele Schulen eigene Evakuierungspläne beziehungsweise Schließsysteme entwickelt." Kameras und Detektoren würden Sicherheit lediglich vorgaukeln.

Die verheerendsten Amokläufe
Amok
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...
14. Dezember 2012: Newtown, USA
Der 20-jährige Adam Lanza erschießt in einer Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut 20 Schüler und sechs Lehrkräfte. Zuvor tötete er seine Mutter.
20. Juli 2012: Aurora, USA
In einem Kino in Aurora im US-Bundesstaat Colorado eröffnet ein Mann während der Premiere des neues "Batman"-Films das Feuer. Zwölf Menschen sterben, 58 weitere werden verletzt. Der Amokläufer wird festgenommen.
2. April 2012: Oakland, USA
Ein 43-Jähriger tötet am christlichen College von Oikos in Oakland, Kalifornien, sieben Menschen und verletzt drei weitere. Anschließend stellt er sich der Polizei. Die Opfer mussten sich in einer Reihe vor einer Mauer aufstellen, bevor sie hingerichtet wurden.
12. Oktober 2011: Seal Beach, USA
Im kalifornischen Badeort Seal Beach schießt ein Mann wegen eines Sorgerechtsstreits mit seiner Ex-Frau in einem Friseurladen um sich. Er tötet acht Menschen, darunter die Mutter seines Kindes.
5. November 2009: Fort Hood
Ein Militärpsychiater eröffnet in der US-Militärbasis Ford Hood in Texas das Feuer und löst die bislang größte Schießerei auf amerikanischem Armeegelände aus. Der Mann tötet 13 Menschen und verletzt 42 weitere, bevor er überwältigt werden kann.
17. September 2009: Ansbach
Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen Gymnasium Carolinum in Ansbach acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.

Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt. Mehr auf der Themenseite...
3. April 2009: Binghamton, USA
Jiverly Wong , ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
11. März 2009: Winnenden
Der 17-jährige Tim K. ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst. Mehr auf der Themenseite...
10. März 2009: Alabama, USA
Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen Dendermonde zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
23. September 2008: Kauhajoki, Finnland
Der 22-jährige Berufsschüler Matti-Juhani Saari tötet in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord. Mehr auf der Themenseite...
7. November 2007: Jokela, Finnland
Der 18-jährige Schüler Pekka-Eric Auvinen tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in Jokela .
16. April 2007: Virginia, USA
An der Technischen Universität von Virginia erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere. Das Massaker an der Virginia Tech gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA. Mehr auf der Themenseite
12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA
Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in Salt Lake City und Philadelphia (USA) . Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
20. November 2006: Emsdetten
Der 18-jährige Sebastian B. schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen Emsdetten um sich. Elf Menschen werden verletzt. Mehr auf der Themenseite...
2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA
In Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania tötet ein Amokläufer an einer Amish -Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA
In Red Lake im US-Bundesstaat Minnesota erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger nationalsozialistischer Rassenlehren .
26. April 2002: Erfurt
Bei einem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden. Mehr auf der Themenseite...
27. März 2002: Nanterre, Frankreich
Im Pariser Vorort Nanterre erschießt ein Amokläufer acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
26. September 2001: Zug, Schweiz
Ein Amokläufer dringt in das Kantonsparlament im schweizerischen Zug ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.

8. Juni 2001: Osaka, Japan
Ein 37-jähriger Japaner ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt Osaka acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
20. April 1999: Littleton/Colorado, USA
Beim Schulmassaker von Littleton stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine Highschool in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen. Mehr auf der Themenseite...
24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA
Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in Jonesboro im US-Staat Arkansas falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
22. Mai 1997: Brasilien
Im Nordosten Brasiliens bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche Homosexualität .

28./29. April 1996: Tasmanien
35 Menschen fallen dem Amokläufer Martin Bryant auf der australischen Insel Tasmanien zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
13. März 1996: Dunblane, Schottland
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen Dunblane 16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
23./24. September 1995: Toulon, Frankreich
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen Toulon insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA
Im texanischen Killeen tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
Dezember 1989: Montréal , Kanada
An der Polytechnischen Hochschule von Montréal kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige Marc Lépine erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
18. Juli 1984: Kalifornien, USA
In einem Schnellrestaurant in San Diego erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
1. August 1966: Universität von Texas, USA
An der Universität von Texas schießt der Amokläufer Charles Whitman mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln
Beim Attentat von Volkhoven bei Köln stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.

Mit Material von dpa, AFP und ddp

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