Rechte behinderter Kinder Hessens schwarze Integrations-Liste

Hessen verletzt systematisch Menschenrechte - so hart urteilen zivilgesellschaftliche Vertreter über die Integration behinderter Kinder in hessischen Regelschulen. Das Schulministerium kritisiert, nur die negativen Fälle würden aufgelistet. Es sind viele.

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Schwer integrierbar? Wäre ein Wille, wäre ein Weg
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Der afghanische Flüchtlingsjunge zum Beispiel. Vor drei Jahren kam er mit seinen Eltern aus dem Land, wo kein Frieden einkehren will, nach Deutschland. In Afghanistan hatte er nie eine Schule besucht, hier hat er sich wacker bis in die fünfte Klasse einer Regelschule durchgekämpft.

Seine Betreuerin stuft ihn als einen intelligenten Jungen ein. Beim Lernen bremsen ihn vor allem seine Traumata und sein Sprachrückstand, aber unter einer Behinderung im medizinischen Sinn leidet er nicht. Dennoch ist für den traumatisierten Jungen jetzt Schluss mit allgemeinbildender Schule. Der 12-Jährige muss in eine Sprachheilschule, auf Deutsch: in eine Förderschule. Ob er die jemals wieder verlassen wird, steht in den Sternen.

So geschehen in Hessen, wo es laut eines am Mittwochabend vorgestellten Schwarzbuches nicht gut aussieht mit der Inklusion, also dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Handicaps. Das Papier lag SPIEGEL ONLINE zum Erscheinungstermin exklusiv vor.

Vorwurf: "Strukturelle Verantwortungslosigkeit"

"Es zeigt sich eine strukturelle Verantwortungslosigkeit, da die Sekundarstufe 1 die erfolgreiche Entwicklung [des Jungen] ignoriert." So interpretieren die Verfasser des Schwarzbuchs den Fall des jungen Afghanen. Außerdem haben sie 64 weiterer Fälle zusammengetragen.

Es sind Lernbehinderte und Kinder mit Trisomie 21, es sind Autisten dabei oder junge Menschen, die nicht sehen oder hören können. Aus ganz Hessen haben Studenten in Fleißarbeit die Kehrseite der Inklusion dokumentiert.

Laut der Behindertenrechtskonvention der Uno (hier als pdf) haben diese Schüler den Anspruch, auf eine ganz normale Schule zu gehen. Aber das Land Hessen drückt sich davor. Das sagen die Bildungsgewerkschaft GEW, der Landesbehindertenrat, der Elternbund und, allen voran, Anne-Dore Stein, Professorin für Behindertenpädagogik an der evangelischen Fachhochschule, die das Schwarzbuch mitherausgegeben hat.

Das zuständige Kultusministerium räumte auf Anfrage ein, dass in Hessen auch im Jahr 2012 wieder über 500 Schüler mit Handicaps (von über 2600, die einen Antrag auf inklusive Schule gestellt hatten) zurückgewiesen worden seien. In fast 400 Fällen sei das einvernehmlich mit den Eltern geschehen. 140-mal haben die Behörden aber entschieden, dass das Kind auf die Förderschule gehen muss, die landläufig noch häufig Sonderschule genannt wird.

"Wo sind die Erfolgsgeschichten?", fragt das Kultusministerium

Dennoch sieht das Ministerium einen Forschritt, im Jahr 2011 waren es noch 260 amtlich abgelehnte Schüler. "Ich finde es ein Problem, nur die misslungenen Fälle hochzuziehen. Wo sind die Erfolgsgeschichten?", fragt eine Sprecherin von Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP).

"Alle reden darüber, wie man Inklusion möglich machen kann, wir wollten mal zeigen, wo sie verhindert wird", sagt indessen Anne-Dore Stein. Sie behauptet gar, "dass es eine verdeckte, aber gleichwohl systematische Blockade von inklusivem Lernen gibt".

Das Problem umreißt Stein so: Natürlich wage heute niemand mehr, offen gegen Inklusion zu sein. Immerhin hat die Bundesrepublik die entsprechende Uno-Konvention 2008 ratifiziert. In Artikel 24 der Konvention, der sich mit Bildung befasst, heißt es: "Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht … zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen". Ziel sei es, "Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen."

Nirgends ist die Konvention, die von "Achtung der Privatsphäre" über "Teilhabe am politischen Leben" bis "Zugänglichkeit" von Gebäuden reicht, so umstritten wie beim Punkt Bildung. Denn die Existenz eines Sonderschulsystems mit bis zu neun verschiedenen Schultypen für Behinderungen aller Art ist bei strenger Auslegung der Konvention eigentlich nicht mehr rechtens.

In Deutschland besuchen über 400.000 Schüler diese Förderschulen. Die Bundesländer hatten, für viele überraschend, auch keine Vorbehalte gegen die Ratifizierung der Konvention eingelegt. Ihre Auslegung eines gemeinsamen Lernens von behinderten mit Durchschnitts-Schülern ist freilich: Von den vier Förderschwerpunkten wurde zuerst der Förderschwerpunkt Lernen aufgehoben. Diese Schüler mit der Diagnose Lernbehinderung machten immerhin 60 Prozent der Sonderschüler aus.

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Kritiker behaupten, dahinter stecke Kalkül: Stürmen erst einmal Scharen lernbehinderter und verhaltensauffälliger Kinder die Schulen, würde schnell ein Aufstand der Eltern ausbrechen. Ob beabsichtigt oder nicht: An vielen Stellen in der Republik werden Fälle von Schulen herumgereicht, in der Eltern gegen Inklusion rebellieren, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder mit vermeintlichen Störenfrieden unterrichtet werden.

Trotz Uno-Konvention landen Schüler weiter auf Förderschulen

Anne-Dore Stein hingegen hat so viele Einzelfälle von Eltern gesammelt, die für ihre Kinder keinen Platz auf einer inklusiven Schule fanden, dass sie der Überzeugung ist: Die Inklusion wird oft durch den Staat selbst verhindert. Das könne man daran erkennen, dass die Schulen oft nicht die "angemessenen Vorkehrungen" schafften, obwohl die Konvention das vorschreibt. Hat eine Schule keine Rampe für Rollstuhlfahrer oder keinen Schulhelfer für geistig behinderte Kinder, können die Schulleiter die Aufnahme der Kinder ablehnen. Damit läuft das Recht der Kinder auf eine Platz an einer Regelschule ins Leere.

Unterstützung bekommen die Schwarzbuch-Schreiber vom ehemaligen Hessischen Justizminister Rupert von Plottnitz (Bündnis 90/Die Grünen). Er arbeitet als Anwalt und vertritt viele Eltern, deren Kindern ihr Recht auf Inklusion vorenthalten wird. "Niemand hat das Land Hessen mit vorgehaltener Pistole gezwungen, der inklusiven Beschulung behinderter Kinder zuzustimmen. Sie hat 2006 und 2008 dem Abkommen zugestimmt und dann die Hände in den Schoß gelegt. Das ist ein schweres politisches Versäumnis", kritisiert der Ex-Minister. Tatsächlich stammt das entsprechende hessische Schulgesetz, das Inklusion regelt, erst aus dem Jahr 2012.

Dass es keine leichte Übung ist, behinderte Schüler gemeinsam mit normal begabten Kindern zu unterrichten, lässt Plottnitz nicht gelten. "Es geht hier um Menschenrechte, das ist ein wichtiger Gestaltungsauftrag. Das Land hätte also von dem Zeitpunkt der Ratifizierung an die Weichen stellen müssen - Richtung Inklusion."

Ein Fall, wie ihn Plottnitz meint, steht auf Seite 52 des 137 Seiten langen Schwarzbuchs. Dort ist das Schicksal eines Jungen beschrieben, bei dem alle wollten, dass er in die normale Grundschule geht. Er ist ein Zuwandererkind mit leichter Lernbehinderung. Die Klassenlehrerin, die Förderlehrerin, der Schulleiter, der Schulträger wollen ihn auf der Grundschule halten - nur das Beratungs- und Förderzentrum lehnt das Ansinnen der Eltern ab. Am ersten Tag des neuen Schuljahres sitzt er trotzdem nicht mehr in seiner alten Klasse. Er ist in einer Förderschule gelandet.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ambulans 04.09.2013
1. das
sog. "geberland" hessen lässt sich bekanntermaßen gerne von anderen, durchaus bedürftigeren aushalten: so zahlt hessen an RLP trotz mindestens 1.000 "gastschülern" aus hessen - garnix. und inklusion kostet allein wegen des höheren und höherwertigeren personenschlüssels und notwendiger einrichtungen einiges an geld. hessens propaganda: erfolgreiches geberland - die wirklichkeit: abzocker!
Blaue Fee 04.09.2013
2. Förder- bzw. Sonderschulen
Glauben die Leute tatsächlich, dass Sehbehinderte oder geistig Behinderte nicht besser in einer für sie zugeschnittenen Schule unterrichtet werden? Ich durfte mal ein Sozialpraktikum an einer Sonderschule in der Nähe des Bodensees machen. Ein Lehrer für max. sechs Schüler, dazu Nachmittagsbetreuung, Therapieangebote und sogar Reiten zur Stärkung des Gleichgewichts. Das kann eine normale Grundschule oder Hauptschule nicht leisten. Deutschland hat die Vorgaben der UN-Konvention schon erfüllt, da es nur darum geht, dass kostenfreier Zugang zur allegmeinen Schulbildung angeboten wird, der muss nicht in einer Klasse mit Hochbegabten oder Ghettokindern stattfinden.
JB1969 04.09.2013
3.
Zitat von sysopDPAHessen verletzt systematisch Menschenrechte - so hart urteilen zivilgesellschaftliche Vertreter über die Integration behinderter Kinder in hessischen Regelschulen. Das Schulministerium kritisiert, nur die negativen Fälle würden aufgelistet. Es sind viele. Schwarzbuch Inklusion: Menschenrechte behinderter Kinder verletzt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/schwarzbuch-inklusion-menschenrechte-behinderter-kinder-verletzt-a-920452.html)
CDU eben. Als ob sich darüber noch irgend jemand wundert. Behinderte Kinder sind eben keine Besserverdienenden. Ergo muss man für sie nichts tun.
Malshandir 04.09.2013
4. Schwierig
Generell ist das deutsche Bildungssystem in vielen Punkten mangelhaft. Ich sehe hier generell auch Schwierigkeiten in der Umsetzung. Eltern woollen immer das Beste fuer Ihre eigenen Kinder auch auf Kosten anderer. Schule soll foerdern und fordern. und genau hier wird es imemr Probleme geben. Eltern woollen, dass ihre Kinder lernen und nicht, dass jeder mitgezogen wird. Koerperliche Behinderungen sind durch bauliche Massnahmen leichter machbar, aber was ist mit geistigen Behinderungen? Natuerlich soll man gemeinsam lernen, aber wie soll das lernen vonstatten gehen, wenn nicht alle behindert oder nicht den Unterricht stoeren oder einfach das Lerntempo nicht halten koennen? Die Schule hat den Auftrag Lernen zu vermitteln, Dafuer muss ein gewisser Stoff in einer gewissen Zeit vermittelt warden, schafft der Lehrer das nicht, warden sich Eltern beschweren. Als Lehrer hat man da einen schweren Spagat. Wie in fast allen Laendern der Welt ist es nun einmal so, dass nicht jeder in der Schule mitkommt.
orchidee77 04.09.2013
5. Inklusion funktioniert nicht ohne Geld
Der Artikel lässt völlig außer acht, dass Inklusion nur funktionieren kann, wenn auch genügend Geld zur Verfügung gestellt wird. Mit einer Rampe für einen Rollifahrer ist es ja nicht getan: da gehören rollstulgerechte Toiletten, Fahrstühle, Türen etc. dazu, aber vor allem auch ein Schulhelfer oder Einzelfallbetreuer, der beim Toilettengang assistieren kann, oder dem Gelähmten beim Schreiben hilft. In der Förderschule gibt es dafür genügend Personal, aber auf einer Regelschule wird dann der betreffenden Klasse ein Schulhelfer oder Ergänzungsleherer für zwei Stunden am Tag zugewiesen - wie soll der Klassenlehrer das denn dann bewältigen, wenn das Kind außerhalb dieser Zeit gewickelt werden muss? Nicht ganz so offensichtlich ist es bei den Lernbehinderten: das dürfte auch der wahre Grund sein, warum diese zuerst auf die Regelschulen verteilt wurden - es kostet erstmal nicht so viel Geld. Untergehen dürfte dabei, dass die lernschwachen Schüler, oft aufgrund ihrer vorgeburtlichen Alkoholschädigung, von Unfällen, etc., von Krankheiten, die sie vom regelmäßigen Schulgang abhalten, in einer normalen Klasse ohne zusätzliche Betreuung völlig untergehen. Und die wird natürlich eingespart. Auch die Eltern dieser Schüler sind in einigen Fällen eher von dem Wunsch getrieben, ein "normales" Kind auf einer "normalen" Schule zu haben. Ob den Schülern damit ein Gefallen getan wird, ist zu bezweifeln. Inklusion ist eine gute Sache, aber einfach förderbedürftige Schüler in Regelschulen zu stopfen, ohne den Förderbedarf in demselben Maß aufrechtzuerhalten, ist Unsinn und hilft keinem.
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