Schwarzeneggers Schulpläne Hasta la vista, Hightech

Weg mit den schweren Wälzern, her mit digitalen Schulbüchern! Von einer schönen neuen Schulwelt schwärmte Kaliforniens Gouvernator Schwarzenegger vor den Sommerferien - doch jetzt zeigt sich: Die Schulen haben ganz andere Sorgen und kein Geld für elektronisches Spielzeug.

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Von Gregor Waschinski, Los Angeles


Arnold Schwarzenegger, 62, weiß alles über die Jugend von heute. "Unsere Kids", verkündete der Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien und einstige Action-Star mit österreichischen Wurzeln, "ziehen sich Informationen aus dem Internet auf ihre iPods und lesen Twitter-Feeds auf ihren Mobiltelefonen." Die ganze Wissenswelt passe auf einen kleinen Bildschirm in der Hosentasche. "Warum müssen Kaliforniens Schüler dann noch veraltete, schwere und teure Lehrbücher mit sich herumschleppen?"

Mit diesem Argument präsentierte Schwarzenegger Anfang Juni seine Initiative für die Einführung digitaler Schulbücher, die Kaliforniens Klassenzimmer ins 21. Jahrhundert beamen sollen. Bereits im Herbst, kündigte der Gouverneur an, würden die ersten eingesetzt. Der futuristische Vorstoß fand weltweite Aufmerksamkeit, auch deutsche Medien titelten: "Schwarzenegger schafft gedruckte Schulbücher ab."

Die Sommerferien in Kalifornien sind inzwischen vorbei - und weiter schleppen die Schüler veraltete, schwere und teure Lehrbücher mit sich herum. Sie werden das Gepäck in naher Zukunft auch nicht ablegen, denn die kalifornischen Schulbezirke plagen sich derzeit mit einer ganz anderen Frage: Wie sollen wir das alles überhaupt bezahlen? Im kalifornischen Staatshaushalt klafft eine Lücke von 26 Milliarden Dollar, die Kürzungswelle hat das Bildungssystem besonders hart getroffen.

"Bevor wir uns Spielzeug zulegen, sollten wir neue Bücher kaufen"

Eigentlich, sagt Bill Habermehl, sei Schwarzeneggers Vorstoß ja eine richtig gute Idee. Der Leiter der Schulbehörde von Orange County im Süden von Los Angeles schwärmt von den Chancen der neuen Technologien, mit denen sich der Unterricht viel aufregender gestalten lasse. In der Tat verspricht die digitale Welt Schülern eine Reihe neuer Lernmöglichkeiten. Sie können etwa mit Hilfe von Computerspielen pauken oder auf Smartboards, einer Art Touchscreen-Tafel, per Fingerstreich Daten bearbeiten.

Die kalifornische Initiative zielt vor allem auf digitale Schulbücher, die aus dem Internet heruntergeladen und dann auf elektronischen Lesegeräten wie dem "Kindle" oder einem Laptop dargestellt werden können. Allerdings dürfte es noch Jahre dauern, bis die digitale Revolution in den Schulen spürbar ankommt. "Wir brauchen viel Geld, um technische Geräte zu kaufen und Lehrer fortzubilden. Und das haben wir nicht", sagt Bill Habermehl. "Wir haben in diesem Jahr nicht einmal genug Mittel, um gedruckte Schulbücher zu erwerben."

Gute Idee, zu kostspielige Umsetzung - das ist auch die Position der kalifornischen Lehrergewerkschaft. Natürlich seien digitale Ressourcen eine Bereicherung, sagt Gewerkschaftsführer David Sanchez. Vor allem in Fächern wie Sozialkunde oder Sprachen herrsche jedoch ein akuter Mangel an aktuellen Unterrichtsmaterialien. "Bevor wir uns teures Spielzeug zulegen, sollten wir zunächst neue gedruckte Schulbücher kaufen."

Old-school-Tipp vom Bildungsminister: PDFs bitte ausdrucken

Die desaströse Finanzlage in Kalifornien ist der Knackpunkt von Schwarzeneggers Initiative. Dabei hat der republikanische Politiker nicht nur die Modernisierung des Unterrichts im Auge, sondern will mit dem Einsatz von Umsonst-Material aus dem Netz nebenbei auch Millionenkosten für Schulbücher einsparen. Indes fehlt die Hardware: Die sechs Millionen Schülern an öffentlichen Schulen in Kalifornien müssen sich derzeit rund 1,5 Millionen Computer teilen. Die Zahl elektronischer Lesegeräte in Schülerhand ist verschwindend gering.

Im August schickte Schwarzenegger seinen Bildungsminister Glen Thomas nach Orange County, er sollte bei einer Konferenz der örtlichen Schulbehörde zum digitalen Lernen eine erste Bilanz der Initiative ziehen. Fernsehteams rückten an, ausgewählte Schulkinder führten die schöne, neue Welt der E-Books und Smartboards vor, Experten diskutierten über anstehende pädagogische Umwälzungen.

Dann präsentierte Thomas den Fortschritt: Genau 16 E-Books aus den Fachbereichen Naturwissenschaften und Mathematik stünden kalifornischen High Schools fortan kostenfrei auf einer Internetseite zur Verfügung. Auf die mangelnde technische Ausstattung in den Schulen angesprochen, sagte Thomas lediglich: "Unsere Initiative dreht sich um digitale Lerninhalte und nicht um Hardware." Außerdem könnten sich Lehrer die Dokumente ja auch als PDF herunterladen, ausdrucken und dann im Unterricht verteilen.

Wie viele Schulen im neuen Schuljahr tatsächlich auf die ersten 16 digitalen Lehrbücher zurückgreifen, ist nicht bekannt. Die Schulbezirke seien nicht verpflichtet, das zu melden, sagt eine Schwarzenegger-Sprecherin. Allerdings gebe es "signifikantes Interesse" an der Initiative, versichert sie. Bei der Schulbehörde in Orange County weiß niemand etwas von einem Einsatz in den örtlichen Schulen. "Ich kann mir das nicht vorstellen", so eine Sprecherin.

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