Misshandlungsvorwürfe Schweden schließt Elite-Internat wegen Mobbing

Mit einem Bügeleisen sollen schwedische Internatsschüler einen Jungen misshandelt haben, jetzt haben die Behörden die Lundsberg-Schule westlich von Stockholm dichtgemacht. Seit Jahren gehören Mobbing, Gewalt und Erniedrigung dort zum Alltag.

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Die Schüler helfen einander, sie passen aufeinander auf und übernehmen Verantwortung für ihre Freunde: So steht es auf der Webseite der Lundsberg-Schule, einem schwedischen "Reichsinternat", gegründet 1896, das auch Prinz Carl Philip besuchte. "Ein Schülerheim ist wie eine große Familie mit Freundschaften, die oft ein Leben lang halten", wirbt das Internat. Rund 200.000 Kronen zahlen Eltern pro Schuljahr, das sind 23.000 Euro.

Jetzt hat die schwedische Schulaufsichtsbehörde das Internat in Storfors, rund 300 Kilometer westlich von Stockholm, schließen lassen. Erst mal für sechs Monate, vielleicht für immer. Vielleicht darf sich die Schule bald nicht mehr Reichsinternat nennen, dann bekäme sie keine finanzielle Unterstützung mehr vom schwedischen Staat.

Seit Jahren sollen sich Schüler dort gegenseitig misshandeln und demütigen. Von einem "informellen Regelsystem" schreibt die Behörde in einem Bericht: "Es hat sich ein Phänomen normalisiert, das in der übrigen Gesellschaft als unakzeptabel angesehen wird." Den Bericht schrieben die Inspektoren bereits im Jahr 2011. Seitdem hat sich offenbar nicht viel verändert.

Am Wochenende, zum Schuljahresstart, sollen neun Schüler zwei Jungen misshandelt haben, mindestens einen von ihnen mit einem Bügeleisen. Mit einem verbrannten Oberkörper meldete sich einer der Jungen Samstagabend auf der Krankenstation des Internats, die wiederum alarmierte die Polizei. Vier Tage später verkündete die Schulaufsichtsbehörde die Schließung.

"Ich habe nie so viel geweint wie auf Lundsberg"

Man könne jetzt von vielen verschiedenen Gefühlen überwältigt werden, schreibt ein Journalist von "Dagens Nyheter" in einem Kommentar. Aber Verwunderung könne wohl kaum dazu gehören. Schließlich besuchten viele der Eltern früher selbst das Internat. Sie hätten wissen müssen, wie es dort zugeht.

Das Lundsberg-Internat ist nicht die einzige Bildungseinrichtung, die mit mobbenden Schülern zu tun hat, Schweden nicht das einzige Land. An US-Unis müssen Bewerber für Studentenverbindungen oft grausame Prüfungen bestehen, sie werden mit Eiswasser übergossen, mit Urin eingerieben, mit Elektroschocks gequält.

Bei der schwedischen Polizei gingen im Jahr 2011 mehrere Anzeigen wegen Misshandlungen ein. Danach besuchte die Schulaufsichtsbehörde das Internat und befragte Schüler, Krankenschwestern sowie den Rektor. In der Zeit meldeten sich auch Schüler von damals: "Ich habe nie so viel geweint wie auf Lundsberg", sagte ein Mann namens Jan-Åke dem schwedischen Fernsehen SVT. Er hatte das Internat von 1966 bis 1972 besucht. Die Jüngsten der Schule, sagte er, hießen nur "Tarm", Darm.

So heißen sie bis heute, wie aus dem Bericht der Behörde hervorgeht. Teilweise bezeichnen sich demnach die Schüler selbst so. In dem Bericht ist von "Sklaven" die Rede, die ältere Schüler sich halten. Sie müssen beispielsweise Hosen bügeln und Toiletten putzen. Manchmal wecken ältere Schüler die jüngeren mitten in der Nacht, um ihnen einen "freundschaftlichen Klaps" zu geben. Es gibt "Darm-Ringkämpfe", bis ein Schüler nicht mehr kann. Jedes Jahr verließen laut dem Bericht Schüler das Internat, weil sie mit diesem "informellen Regelsystem" nicht zurechtkämen.

Hat der Rektor die Riten geduldet?

Der Rektor Staffan Hörnberg teilte damals in einer Pressemitteilung mit, die Schule nehme die Angaben der Behörde ernst. Er schrieb aber auch, die Aufsicht zeichne "ein zu dunkles Bild von unserer Schule". Im vergangenen April beendete die Schulinspektion ihre Untersuchungen in Lundsberg - in dem Glauben, die Schule habe jetzt alles im Griff.

Allerdings berichtet "Dagens Nyheter" jetzt, dass der Schulleiter sogar zum Teil vom Mobbing gewusst haben soll. Die Zeitung beruft sich auf ein Mitglied der Schulstiftung: Hörnberg soll mit einigen Schülern darüber gesprochen haben, was erlaubt sei und was nicht. Das "U-Boot" soll der Direktor demnach erlaubt haben. Beim "U-Boot" liegt ein Schüler auf dem Rücken und muss eine Röhre in den Mund nehmen. Dadurch gießen die anderen Schüler dann Wasser. Der Schulleiter wurde inzwischen entlassen.

Hörnberg weist die Vorwürfe entschieden zurück. In einem offenen Brief auf Facebook spricht er von einer "Verfolgungsjagd, die ihresgleichen sucht". Er wolle mit aller Deutlichkeit unterstreichen, dass alle Formen von Mobbing und Initiationsriten zum Schulstart verboten seien. Er habe auch niemals das "U-Boot" im Internat erlaubt. "Diese Behauptung ist verletzend. Es handelt sich dabei um reine Verleumdung", schreibt er. Die Schulschließung sei ein "drastischer Beschluss", der die Schule überrascht habe. Und unter dem jetzt alle Schüler leiden müssten. Sie müssen jetzt vorübergehend andere Schulen besuchen.

Einige Schüler nehmen ihr Internat in Schutz: "Ich habe jede Sekunde genossen, die ich auf der Schule war", sagte ein Schüler "Sveriges Radio". Ein anderer verurteilte zwar, dass seine Mitschüler einen anderen Jungen mit dem Bügeleisen misshandelt haben sollen. Und trotzdem sagte er: "Aber deswegen muss man nicht die Schule schließen. Das Bild, das die Medien zeichnen, erkenne ich nicht wieder."

Jan-Åke, der Schüler, der vor 40 Jahren die Schule besuchte, sagte damals dem schwedischen Fernsehen: "Die einzigen Verletzungen in meinem Leben, habe ich in der Schule erfahren." Darunter leide er bis heute.



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