Aufsichtspflicht Freispruch für Lehrer nach tödlichem Schulausflug

Wie weit reicht die Aufsichtspflicht von Lehrern bei einem Schulausflug? Nach einem tödlichen Unfall in der Schweiz standen zwei Pädagogen vor Gericht - und wurden freigesprochen.

Schüler beim Klassenausflug (Archivbild)
DPA

Schüler beim Klassenausflug (Archivbild)


Zwei Lehrer in der Schweiz sind nicht verantwortlich für den tödlichen Unfall eines Schülers bei einem Klassenausflug. Das hat am Freitag das Bezirksgericht Laufenburg im schweizerischen Kanton Aargau entschieden und die beiden angeklagten Pädagogen freigesprochen. Ihnen war fahrlässige Tötung durch Unterlassen vorgeworfen worden.

Im Sommer 2013 waren fünf Klassen einer Bezirksschule im schweizerischen Jura zu einem Wandertag unterwegs. Während der Mittagspause hatte sich der Zwölfjährige von der Gruppe entfernt und war auf eine Böschung geklettert. Dabei verlor er den Halt, rutschte ab und stürzte eine zwölf Meter hohe Steilwand hinunter.

Die sofort alarmierten Rettungskräfte konnten den Schwerverletzten nur unter großen Mühen bergen und per Rettungshubschrauber ins Krankenhaus bringen. Dort starb der Junge eine Woche später an den Folgen massiver Schädel-Hirn-Verletzungen.

Auch Staatsanwalt wollte Freispruch

Die Staatsanwaltschaft hatte den Lehrern ursprünglich vorgeworfen, sie hätten den Ausflug mangelhaft vorbereitet, die Schüler nicht ausreichend vor den Gefahren gewarnt und sie während der Wanderung zu wenig überwacht. In der mündlichen Verhandlung rückte der Anklagevertreter jedoch von diesem Vorwurf ab, berichtet die Zeitschrift "Bote".

Stattdessen plädierte der Staatsanwalt von Beginn an auf Freispruch - was durch das Urteil am Freitag bestätigt wurde. Einer der beiden Lehrer erklärte zum Schluss der Verhandlung, das Unglück habe ihn erschüttert, heißt es in dem Bericht weiter. Er könne sich vorstellen, wie schlimm der Vorfall für die Eltern des tödlich verunglückten Schülers sei.

Die Aufsichtspflicht ist auch für deutsche Lehrer ein schwieriges Thema. Generell übernähmen sie in der Schule, auf dem Pausenhof oder auf Klassenfahrten dasselbe Maß an Verantwortung, das sonst Eltern für ihre Kinder trügen, sagt Gerhard Jens von der Bildungsgewerkschaft GEW.

Aufsicht muss immer sein

"Rechtlich müssen Lehrer eine ständige, präventive und nachhaltige Aufsicht gewährleisten", sagt der Leiter des GEW-Rechtsschutzes. Das heißt, sie müssen nicht nur klare und vorausschauende Anweisungen geben. Sie müssen auch dafür sorgen, dass diese umgesetzt werden.

Wenn dennoch ein Unfall passiert, spielt es allerdings eine Rolle, wie alt die Schüler sind. Von einem 17-Jährigen könne man eher erwarten, dass er Gefahren richtig einschätzt, als von einem Achtjährigen. Auch müsse man einem 17-Jährigen generell mehr Freiräume bieten. "Die Schule soll Kinder und Jugendliche zu selbstständigen Menschen erziehen. Der pädagogische Auftrag und die rechtliche Verpflichtung kollidieren da gelegentlich", sagt Jens.

Es liege im Ermessen der Gerichte, zu beurteilen, ob der Pädagoge seine Aufsichtspflicht verletzt habe. Hat sich der betreffende Schüler zum Beispiel schon früher öfter abgeseilt oder andere Ansagen der Lehrer missachtet? Dann hätte er vielleicht von der Klassenfahrt ausgeschlossen werden müssen. Auch solche Fragen beschäftigen im Ernstfall die Justiz.

lov/him



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