Vorbild Schweiz Wenn Eltern bestimmen, wann Ferien sind

In Bayern wurden gerade Schulschwänzer am Flughafen abgefangen - in der Schweiz können Eltern die Schulferien für den Familienurlaub vorverlegen. Wäre das auch ein Modell für Deutschland?

Familie im Urlaub (Symbolbild)
imago/ CHROMORANGE

Familie im Urlaub (Symbolbild)

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Günstigere Flüge, kein Stau, leere Strände: Es gibt viele Gründe, warum Eltern die Schulferien ihrer Kinder am liebsten vorverlegen wollen. Doch wenn sie keine Genehmigung dafür haben, gilt das als Schwänzen und kann mit einer saftigen Geldstrafe geahndet werden.

Erst vor wenigen Tagen erwischten Polizisten in Bayern Schüler am Flughafen, obwohl die Pfingstferien da noch gar nicht begonnen hatten. Die einen sind empört über die Unterrichtssünder, die anderen fordern endlich mehr Freiheiten.

"Die Polizeiaktion in Bayern war ein notwendiger Schuss vor den Bug der Eltern", findet beispielsweise Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. "Die Ermittlungen sind ein sinnvolles Warnsignal, dass die Missachtung der gesetzlichen Schulpflicht nicht hingenommen werden kann", sagte er im Interview mit der "Passauer Neuen Presse".

"Ethisch höchst bedenklich"

Falsche Krankmeldungen vor und nach den Ferien hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, sagte Meidinger. Die Schulen selbst seien meist machtlos, das Verhalten der Eltern ethisch höchst bedenklich. "Sie bringen ihren Kindern bei, dass man tricksen und sich über Regeln hinwegsetzen dürfe", kritisierte er.

Eltern wehren sich gegen solche Vorwürfe in sozialen Netzwerken. Ihr Hauptargument: Vor den Ferien finde doch ohnehin kein richtiger Unterricht mehr statt. Warum sollten sie also den Nachwuchs lieber zum Basteln in die Schule schicken, als Hunderte Euro für den Urlaub zu sparen?

In anderen Ländern können längst die Eltern entscheiden, wann Ferien sind. Schweizer Schüler dürfen in etlichen Kantonen beispielsweise zwei Tage pro Schuljahr freimachen, ohne dass ihre Eltern das begründen müssen. So steht es beispielsweise in der Volksschulverordnung des Kanton Zürich. Je nach Region sind auch mehr sogenannte Jokertage drin.

Die Eltern müssen den freien Tag in der Regel vier Wochen vorher beantragen. Die betroffenen Schüler sind allerdings verpflichtet, den verpassten Stoff nachzuholen. Verweigern dürfen Lehrer den "Jokertag" nur, wenn ein besonderer Anlass in der Schule ansteht wie beispielsweise Sportfeste.

Wäre das nicht auch eine Lösung für Deutschland? Ob und wann Kinder fehlen dürfen, regelt das jeweilige Schulgesetz in den Bundesländern. In der Regel können Eltern einen Antrag stellen, wenn sie für ihr Kind einen freien Tag brauchen. Dafür müssen sie allerdings einen triftigen Grund haben. Ob der Familienurlaub oder eine Feier ausreichen, hängt stark vom jeweiligen Lehrer oder Schulleiter ab.

Auch deshalb verzichten viele Eltern offenbar von vornherein darauf, vorher bei der Schule um Erlaubnis zu bitten. Wer will schon umbuchen, wenn der Lehrer den Antrag ablehnt?

Martin Löwe kennt das Problem. Er ist Vorsitzender des Bayerischen Elternverbands e.V. und hat seine Kinder auch schon mal vor den Ferien aus der Schule genommen, weil eine Familienfeier anstand. Vorzutäuschen, das Kind sei krank, hält er allerdings für falsch. "Ich habe einen Antrag gestellt, der schließlich nach einigen Diskussionen angenommen wurde", sagte Löwe dem SPIEGEL.

"Schulpflicht ist eben Schulpflicht"

Von flexiblen Ferientagen, über die die Eltern selbst bestimmen, hält er nichts. "Das wäre kontraproduktiv", sagt er. Bereits jetzt sei kurz vor den Ferien kein normaler Unterricht möglich, weil viele Schüler fehlten. "Schulpflicht ist eben Schulpflicht", sagt Löwe. Die Lehrer könnten schließlich auch nicht einfach zu Hause bleiben.

Auch die Kultusministerkonferenz bewertet individuelle Ferientage kritisch. In jedem Bundesland gibt es pro Schuljahr 75 Ferientage, wie der Berichterstatter der Kultusministerkonferenz für Schulrecht, Ulrich Pfaff, dem SPIEGEL mitteilte. Zusätzliche, flexible Ferientage seien da nicht drin oder müssten bei anderen Ferien ausgeglichen werden.

"Wer das befürwortet, müsste auch sagen, welche Ferien gekürzt werden sollen: Eine Woche Herbstferien statt zwei, eine Woche Osterferien statt zwei, Weihnachtsferien nur bis Silvester? ", fragt Pfaff kritisch. Ohnehin seien viele Vorteile nur vorgeschoben. Es sei beispielsweise kaum billiger, kurz vor oder nach den Ferien zu verreisen. Die Piratenpartei hatte in Nordrhein-Westfalen bereits im Mai 2014 "Jokertage" gefordert, war damit jedoch vor dem Landtag gescheitert.

"Guter Kompromiss"

Ilka Hoffmann von der Bildungsgewerkschaft GEW hält "Jokertage" indes für eine gute Idee. "Zwei flexible Ferientage könnten ein guter Kompromiss zwischen den Interessen der Schule und den Eltern sein", sagte sie dem SPIEGEL. Mehr sollten es allerdings nicht werden, sonst sei der Schulbetrieb in Gefahr. "Wenn jeder seinen Urlaub so planen würde, wie es ihm passt, müssten wir Klassenarbeiten und Prüfungen abschaffen", mahnt Hoffmann. Schule funktioniere eben nur mit festen Zeiten.

Wenn Eltern die Ferien ohne Absprache vorverlegen, könnten Kinder zudem den Eindruck bekommen, Urlaub sei wichtiger als Schule, kritisiert Hoffmann. "Für mich ist es aber noch nicht besorgniserregend, wenn ein Kind mal einen Tag vor den Ferien fehlt", sagt Hoffmann. Polizeieinsätze wie in Bayern hält sie deshalb für übertrieben. Diese seien viel eher angebracht, wenn Schüler dauerhaft fehlten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde der Eindruck erweckt, es gäbe eine Schulverordnung für die gesamte Schweiz. Dies ist nicht der Fall. Jeder Kanton hat eine eigene Verordnung, die meisten genehmigen darin die Jokertage.



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