Hamburgs "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" "Den könnte man allen Menschen ausstellen"

Die Hamburger Sozialbehörde stellt einem behinderten Jungen einen "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" aus. Ist das der richtige Weg zu mehr Wertschätzung? Ein Anruf bei der Behindertenbeauftragten Verena Bentele.

Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele
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Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele

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Zur Person
    Verena Bentele, 35, war von 1995 bis 2011 in der deutschen Nationalmannschaft im Skilanglauf und Biathlon und hat an vier Paralympischen Spielen, drei WMs und zwei EMs teilgenommen. Seit Januar 2014 ist sie Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Bentele ist seit ihrer Geburt blind.

SPIEGEL ONLINE: Eine Schülerin hat ihren Schwerbehindertenausweis in "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" umbenannt. Ein Junge aus Hamburg fand das so gut, dass er offiziell so einen Ausweis beantragte - und nun von der Sozialbehörde ausgestellt bekommen soll. Was halten Sie davon?

Bentele: Das ist eine nette Geste, die zeigen soll, dass Menschen mit Behinderungen dazugehören, mit ihren Besonderheiten und Fähigkeiten. So einen Ausweis könnte man dann natürlich allen Menschen ausstellen, ob mit oder ohne Behinderung. Das "Schwer-in-Ordnung-sein" braucht man bei Menschen mit Behinderungen nicht besonders hervorheben. Besser wäre es, das Dokument umzubenennen in "Teilhabeausweis" oder "Inklusionsausweis".

SPIEGEL ONLINE: Welche sprachlichen Gepflogenheiten stören Menschen mit Behinderung noch?

Bentele: Oft heißt es, jemand sei "an den Rollstuhl gefesselt". Und über mich wurde berichtet, dass ich Biathlon trainiert habe, obwohl mich "das Schicksal erblinden ließ".

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es besser?

Bentele: Ich finde es besser, Tatsachen zu benennen, ohne sie zu bewerten. Zu mir gehört meine blonde Haarfarbe genauso wie die Tatsache, dass ich blind bin. Viele Menschen mit Behinderungen nutzen einen Rollstuhl, sie sind nicht an ihn gefesselt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss passieren, damit sich mehr Menschen ihrer Wortwahl bewusst werden?

Bentele: Es muss mehr Berührungspunkte im Alltag geben. Wir müssen gemeinsam Sport machen, arbeiten und von Anfang an gemeinsam lernen. Deshalb ist das Thema Inklusion unter anderem an Schulen so wichtig.

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