Segelndes Klassenzimmer "Nicht stärker als der Wind - aber schlauer"

Ein halbes Jahr auf hoher See, heftige Übelkeit, Handyverbot - eine Atlantik-Überquerung ist keine Spazierfahrt. Das ahnten 30 bayerische Zehntklässler, als sie anheuerten auf dem Dreimaster "Regina Maris". Im SchulSPIEGEL berichten fünf Schüler von ihrer großen Fahrt.


"Die Mädchen klammerten sich schluchzend aneinander, jedenfalls die meisten, und die Jungs bemühten sich wegzuschauen, um nicht mitweinen zu müssen. Es war schrecklich, das Ablegen im Hafen von Harlingen in Holland. Unsere Eltern winkten zum Abschied, sie waren extra angereist, um dabei zu sein, wenn unsere große Fahrt beginnt. In der Dunkelheit passierten wir die letzten Schleusen und fuhren hinaus aufs offene Meer.

Für gut ein halbes Jahr werden wir unsere Eltern nicht sehen, Post wird es nur alle vier Wochen geben - wenn wir an Land gehen. Und Handys haben wir auch nicht dabei. Sie sind tabu an Bord, weil sie die Navigationsinstrumente stören könnten. Von jetzt an leben wir, 30 Schüler aus bayerischen Gymnasien, für 183 Tage auf einem Schiff: der 'Regina Maris'.

Zuerst ging’s nach Amsterdam und dann weiter in einem Affenzahn nach Brest an der Nordwestspitze Frankreichs, um dort unsere künftige Physiklehrerin Katja Schreiber abzuholen. Denn Unterricht gehört genauso zum Leben auf dem Schiff wie Segel hissen und Anker lichten. Fünf Lehrer sind mit dabei, für ganz normale Schulfächer wie Geschichte, Geographie, Biologie, Deutsch und Mathe - an sechs Tagen in der Woche, nur der Sonntag ist frei.

Übelkeit an Bord, Delfine im Wasser

Als erste echte Prüfung wartete auf uns jedoch keine Klassenarbeit, sondern die Biskaya! Der Golf zwischen französischer und spanischer Atlantikküste ist gefürchtet wegen seines heftigen Seegangs, der starken Stürme und des schlechten Wetters.

Schon vor Brest lagen viele von uns wie tot auf der Nase. Seekrank zu sein ist furchtbar: Wir kamen kaum aus dem Bett, und sobald wir es doch geschafft hatten, wurde uns schon wieder übel. Gerade noch rechtzeitig schafften es die meisten an Deck - und fütterten unfreiwillig die Fische.

Gott sei Dank gab es auch ein paar Glückspilze, die gesund blieben. Sie versorgten die Kranken mit Gemüsebrühe, Zwieback, Keksen und Tee. Nach ein paar Tagen war das Schlimmste überstanden. Trotzdem machten wir uns Sorgen: Wie würde es erst auf der Biskaya werden?

Glücklicherweise flog unsere 'Regina Maris' geradezu übers Wasser. In nur 45 Stunden erreichten wir von Brest aus die Höhe von Cap Finisterre, Spanien - Rekordzeit, selbst für unseren erfahrenen Kapitän Martin Duba.

Das Abenteuer hat richtig begonnen

Die nächsten zehn Tage auf See gaben uns einen Vorgeschmack auf die bevorstehende Atlantiküberquerung: kein Land in Sicht und kaum ein anderes Schiff in der Nähe. Dafür kamen fast täglich Delfine und Wale vorbei. Sogar eine Schildkröte haben wir schon gesichtet. Die Stimmung an Bord stieg mit den Temperaturen. Das Wetter wurde von Tag zu Tag besser, Luft und Wasser wurden wärmer. Inzwischen essen wir auf dem Hauptdeck im Freien.

Leistungs-Kurs: Wo das Klassenzimmer langsegelt
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Leistungs-Kurs: Wo das Klassenzimmer langsegelt

Nach gut drei Wochen auf See haben sich alle an den Bordalltag gewöhnt, wir beherrschen mittlerweile die Segeltheorie, das Navigieren und wissen, wie man Wetter und Ort bestimmt. Auch der Schulunterricht hat angefangen. Zwar lernen wir auch den ganz normalen Zehnte-Klasse-Stoff, aber er ist an unsere Reiseziele und Erlebnisse angepasst. Immer wieder hört man an Bord Schüler rufen: 'Hola, qué tal?' – 'Hallo, wie geht's?'

Spanisch werden wir brauchen:Schon am 21. Tag unserer Reise haben wir am Hafen von Las Palmas, Gran Canaria, angelegt. Vielen von uns wurde erst jetzt bewusst, dass unser Abenteuer wirklich begonnen hat. Es war toll, am Strand Fußball zu spielen und die Läden der Stadt zu erkunden. Nach zwei Tagen setzten wir wieder Segel und nahmen Kurs auf unser erstes Etappenziel: Teneriffa.

Sprünge vom Deck ins warme Wasser

Vor dem Landgang mussten wir allerdings noch ein paar wichtige Segelmanöver lernen, um später den Atlantik überqueren zu können. Am Hauptdeck erklärte einer unserer Steuermänner die Theorie. Dann hieß es: Segel setzen und nachmachen!

Gar nicht so leicht, bei so einem großen Schiff. Der Rat unseres Kapitäns Martin: 'Wir können nicht stärker sein als der Wind, aber schlauer.' Das heißt: Wir können nicht frontal gegen den Wind ansegeln, aber wir können gegen den Wind kreuzen - also im Zick-Zack-Kurs fahren.

Als Belohnung für die geglückten Übungsmanöver durften wir zum ersten Mal im Meer baden gehen, in der Bucht von Mogán vor Teneriffa im 21 Grad warmen Wasser. Es macht wahnsinnig viel Spaß, von Deck zu springen!

Die Gruppe ist zu einer richtigen Gemeinschaft zusammengewachsen. Vorher kannten wir uns kaum, wir kommen von 30 verschiedenen Schulen. Jetzt gibt es sogar schon die ersten Pärchen an Bord. Abends machen wir zusammen Musik und es fühlt sich an, als wären wir schon im selben Kindergarten gewesen. Heimweh ist kein Thema mehr.

Auf Teneriffa bestiegen wir Spaniens höchsten Berg, den Pico del Teide, und übernachteten in einer Schutzhütte in über 3000 Metern Höhe. Die Strapazen lohnten sich: Um 7.15 Uhr beobachteten wir vom Gipfel des Vulkans aus den bisher eindrucksvollsten Sonnenaufgang unserer Reise.

Wir sind gespannt, was uns noch erwartet. Jetzt steht die Atlantiküberquerung bevor - der vielleicht aufregendste Teil unseres Abenteuers."

Von ihrer großen Fahrt berichten im SchulSPIEGEL Lara Sobez, Silas Bahr, Anna-Maja Friedrich, Marc Bernreuther, alle 15, und Tobias Toepfer, 16. Das nächste Mal werden sie sich Ende Dezember melden, wenn sie in Martinique an Land gehen.



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