Selbstversuch als Erzieherin Die wollen nicht nur spielen

Kinder springen, glucksen, schreien - und Lina Verschwele, 23, möchte sofort wieder weg. Für das Jugendmagazin "Spiesser" hat sie einen Tag in der Kita gearbeitet. Und ausprobiert, wie schwer es ist, Kinder beruflich zu bändigen.

Jann Wilken

Mittwochmittag. Ich stehe kopf- und poschüttelnd zwischen einer Horde Vierjähriger. Wir singen ein Lied namens "Hannes der Knopfmacher", und ich amüsiere mich bestens. Keine Ahnung, wie das passiert ist. Eigentlich bin ich ein kaltherziges Karriereschwein. Nicht, dass von Karriere eine Spur wäre. Aber für mich steht fest: Kinder gibt's nur in Kombi mit Kita- Platz. Ich mag kleine Kinder, solange man sie irgendwo abgeben kann. Und ich gehöre nicht zu den Erwachsenen, die mit verklärten Augen auf ein kotzendes Baby schauen und sagen: "Süß! Es hat Bäuerchen gemacht."

Aber ich stelle mich der Herausforderung, die heute heißt: einen Tag als Erzieherin verbringen. Für meinen Auftrag habe ich fleckenfeste Kleidung gewählt. Ich will auf alles vorbereitet sein. Den Plagegeistern geht es wohl ähnlich - im Flur hängen Mini-Ausgaben von Allzweckjacken in Regenbogenfarben. "Sonnenschein" steht an der Tür meiner Gruppe. Der Name muss Tarnung sein, denn drinnen herrscht Chaos. Kinder springen, Kinder glucksen, Kinder schreien, ich will weg!

"Kommst du jetzt immer?"

"Wir spielen gerade das Inselspiel" sagt Erzieher Dennis und zeigt auf die Matten am Boden. Wer beim Springen von einer Insel zur anderen den Boden berührt, muss eine Runde auf einem Bein hüpfen, glucksen und kreischen. Außerdem hat das Spiel eine moralische Komponente: besetzte Inseln sind tabu. Anti-imperialistisch also. Heute Abend habe ich zwar sicher Tinnitus, aber jetzt erst mal eine Menge Spaß.

Nach Runde eins hängen die ersten Schreihälse an meiner Hand, nach Runde fünf noch mehr. So schnell habe ich noch nie Freunde gefunden. Trotzdem ist es furchtbar anstrengend, Schweißperlen tummeln sich auf meiner Stirn. Mein fleckenfester Pulli liegt längst in der Ecke. Statt einer Pause geht es weiter mit Pferderennen. Wir reiten auf Gummipferden durch den Raum, oder versuchen es zumindest, denn nur jeder Zweite erreicht das Ziel ohne Sturz. Der Stimmung tut das keinen Abbruch - der Lärmpegel steigt mit dem Spaßfaktor. Das Johlen und Kreischen hat mittlerweile ungeahnte Dezibelhöhen erreicht.

Später erfahre ich von Dennis, dass das heutige Motto "Toben" ist. Das macht Kindern Spaß und den Erzieher schlauer: So kann er beobachten, ob sich alle motorisch normal entwickeln. Deshalb geht es mit noch mehr Toben weiter. Mit Ida und Jan baue ich ein Haus aus Stoffwürfeln, dann geht's mit Maxi auf die Kletterburg. Zusammen mit Paul wurstele ich durch Tunnel, die eigentlich für Vierjährige gemacht sind. Es ist wie bei Alice im Wunderland.

Nur schrumpft statt meinem Körper mein geistiges Alter. Ich fühle mich in meine eigene Kindheit zurückgebeamt. "Kommst du jetzt immer?" fragt mich Nele später. Am liebsten würde ich "ja" sagen. So viel Spaß wie heute hatte ich lange nicht mehr. Als hätte sie meine Gedanken erraten, schaltet sich Andrea ein, die Dennis unterstützt: "Das kann auch ganz anders laufen." Sie erzählt von Platzwunden und Kindern, die sich im Sandkasten mit Schaufeln hauen. Heute sei es wirklich ruhig: "Von 21 Kindern in der Gruppe sind nur 14 gekommen." 15, möchte ich sie berichtigen. Ich bin schließlich auch dabei.

Plötzlich wieder vier Jahre alt

Langsam dämmert mir, was gerade schief läuft: Ich habe die Aufgabe verfehlt. Statt mich in die Erzieherrolle einzufühlen, habe ich mich zu einer Vierjährigen zurückentwickelt. Das Mittagessen steht an. "Da lesen wir immer eine Geschichte vor, damit die Kinder zur Ruhe kommen", sagt Dennis. Das übernehme ich. Jetzt bin ich wieder groß.

Schnell greife ich ein Buch mit dem Titel "Hallo kleines Schweinchen". Noch sitzen die Kleinen still und lauschen mir gebannt. Wenig später habe ich allerdings die ersten zum Grunzen angestiftet. Ich ahne es: Meine Mission ist gescheitert, meine Autorität bestenfalls mittelmäßig. Kurz hoffe ich, dass es wenigstens jetzt zu RTL-artigen Szenen kommt, damit ich doch noch etwas schreiben kann, das nach Härte aussieht. Dann übernimmt Dennis, und die Kinder sind wieder still. Auch beim Essen nichts: Am Ende haben alle ihr Gulasch klaglos verputzt. Zumindest das, was sie nicht im Gesicht verschmiert haben.

"Heute war ein entspannter Tag", sagt Dennis, als wir mit Essen fertig sind. Aber auch wenn es oft anstrengend wird, liebt er seine Arbeit. Ihn stören eher die Eltern, sagt er: Einige würden glauben, die Kita übernehme die Erziehung komplett. Und dass man seine Kinder einfach in die Betreuung abschieben könne. Bei seinen letzten Worten fühle ich mich ertappt - schließlich dachte ich mir auch die meiste Zeit des Tages "Dennis macht das schon!".

In den letzten Minuten meines Arbeitstages gebe ich mir deshalb noch mal richtig Mühe, wenigstens ansatzweise als Erzieher durchzugehen. Und tatsächlich: Das Zähneputzen und Waschen mit den Kleinen läuft problemlos. Das Bad wäre dabei das perfekte Set für einen Film über die sieben Zwerge: Alles ist ungefähr halb so groß wie anderswo. Wehmütig denke ich daran, dass die Kleinen gleich abgeholt werden. Vorher hören wir noch alle zusammen ein Hörspiel. Hören ist dabei eigentlich gelogen, denn ein paar Kinder haben mir ihre Kuscheltiere geliehen und sie mir an die Ohren gedrückt. Jetzt haben sie mich. Wären sie nicht zu alt dafür - ich würde ihre Bäuerchen süß finden.

Von Lina Verschwele (Text) und Jann Wilken (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"



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