Schüler für Sexualkunde-Reform "Wir wollen Antworten"

Schüler in Niedersachsen fordern eine Landtagsabgeordnete der CDU auf, ihr Mandat niederzulegen. Sie hatte Bedenken gegen die geplante Sexualkundereform geäußert. Doch die Schüler wollen, dass "sexuelle Vielfalt" im Unterricht verankert wird.

Paar beim Christopher Street Day (Archivbild): Überforderung für Kinder?
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Paar beim Christopher Street Day (Archivbild): Überforderung für Kinder?


Die Pläne der niedersächsischen Landesregierung zur Sexualkunde sind der CDU-Landtagsabgeordneten Karin Bertholdes-Sandrock nicht geheuer. Sollen Kinder wirklich darüber aufgeklärt werden, was zum Beispiel "transsexuell" bedeutet? Sollen Homosexuelle im Unterricht davon erzählen, wie sich Diskriminierung anfühlt? Lieber nicht, sagt Bertholdes-Sandrock, von Beruf Gymnasiallehrerin für Deutsch und Politik. Sie glaubt, das Thema überfordere die Jugendlichen.

Schülervertreter in Niedersachsen finden das empörend. "Dass Frau Bertholdes-Sandrock davon spricht, dass es unverantwortlich sei, Schüler mit Homosexuellen unbeaufsichtigt zu lassen, ist wirklich traurig und höchst diskriminierend. Es schockiert mich", sagte Helge Feußahrens, Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen. Die Schüler finden, die Abgeordnete solle deshalb von ihrem Mandat zurücktreten.

Eine geplante Reform des Sexualkundeunterrichts in Niedersachsen sieht vor, die Vermittlung von Toleranz im Bildungsplan zu verankern. Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität und Intersexualität solle an Schulen "verbindlich thematisiert werden". So steht es in einem Entschließungsantrag aus dem Sommer, auf dessen Grundlage derzeit ein Gesetz erarbeitet wird.

"Aufklärungsprojekte kommen super an"

Bertholdes-Sandrock hatte gefordert, dass man Schwule und Lesben nicht ohne Aufsicht in Klassenräume einladen dürfe. "Auf keinen Fall kann es sein, dass beispielsweise Schwule und Lesben in den Klassen allein gegenüber den Kindern auftreten", hatte die "Nordwest-Zeitung" die Politikerin zitiert. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE hatte Bertholdes-Sandrock ihre Aussage relativiert. Ihre Forderung nach Anwesenheit eines Lehrers beziehe sich auf alle externe Gäste.

Die geplante Reform des Sexualkundeunterrichts soll an allen Schulen Niedersachsens gelten und viele Details neu regeln. So sollen etwa Schulbücher danach ausgesucht werden, ob sie die Vielfalt sexueller Identitäten berücksichtigen.

"Wir wollen Antworten auf diese Fragen. Schulaufklärungsprojekte sind immer super angekommen bei den Schülern, sagt Tjark Melchert vom Landesschülerrat. "Wir freuen uns sehr über den Antrag der Regierung und begrüßen die vorgesehen Maßnahmen. Ich glaube, dass dies dazu beiträgt, Diskriminierung in Schulen nachhaltig zu bekämpfen."

Anfang dieses Jahres hatte in Baden-Württemberg das Kultusministerium ebenfalls angekündigt, "sexuelle Vielfalt" im Bildungsplan verankern zu wollen. Christlich-konservative Kräfte hatten dort daraufhin Antipathien geschürt und in einer Online-Petition Stimmen gegen die Reform gesammelt.

cpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
chupamela 18.09.2014
1.
Homosexualität ist weder ansteckend noch erlernbar. Was ist daran so schwer zu verstehen? Warum die Angst vor gar nichts? Dies zeigt doch nur, dass Aufklärung mehr als wichtig ist. Übrigens: Homophobie ist durchaus heilbar!
khaja 18.09.2014
2.
Ich bin mir auch nicht sicher, warum man die Schüler nicht mal allein mit dem Gast lassen soll. Gerade bei Sexualkunde ist es eher hilfreich, wenn der vertraute Lehrer für eventuelle "peinliche" Fragen nicht im Raum ist.
fpwinter 18.09.2014
3. Erstaunlich:
Da will eine Regierung im Sexualkundeunterricht Informationen nicht unterrichten lassen, die sich Jugendliche inzwischen problemlos im Internet holen können. Gerade weil es viele Kinder und Jugendliche gibt, die das Gefühl haben, "anders zu sein", wäre eine breitenwirksame Aufklärung über ALLE Arten der Geschlechter und des sexuellen Geschmacks (Trans-, Inter-, Bi-, Homosexualität) dringend geboten. Von der Aufklärung über weibliche und männliche Sexual-Physis ganz zu schweigen: Wie viele Erwachsene wissen heute noch nicht über den Zyklus, empfängnisbereite Tage, weibliche Ejakulation, den Orgasmus oder gar über die Funktionsweise des männlichen Gliedes Bescheid...? (Machen Sie mal den Test in Ihrem Bekanntenkreis: Wer weiß, wann eine Frau im Zyklus ungefähr empfangen kann? Wer kann erklären, wie genau eine Erektion zustandekommt?) Aber unsere Kultusministerkonferenz erläßt immer noch Standards wie teilweise im Mittelalter. Erschreckend...!
ae1 18.09.2014
4.
Ich bin mir nicht sicher ob es lt. Schulordnung nicht verboten ist, Schüler durch schulfremde Personen ohne Mitwirkung und Aufsicht eines Lehrers zu unterrichten oder aufklären zu lassen. Das hat jetzt zunächst mal gar nichts mit dem Thema des Unterrichts zu tun. Allerdings ist die Wortwahl der Abgeordneten für mich befremdlich - sofern die Zitate korrekt sind.
hemithea 18.09.2014
5. ??
Was soll denn da passieren, wenn der Lehrer nicht dabei sein würde?? Ich bin da doch ziemlich verwirrt. Werden dann die Kinder aufgegessen?? Wir hatten zusätzlichen Aufklärungsunterricht außerhalb der Schule in einem Familienzentrum von einer Ärztin für Mädchen und einem Arzt für Jungs. Am Ende hat eine Sozialarbeiterin/Jugendbetreuerin (kA wie ihr Beruf richtig heißt) mit und allen geredet, über diverse Sexualarten etc geredet. Da war kein Lehrer dabei und ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeiner von uns überfordert war. Dieser Tag war sogar konstruktiver als mit Lehrern. Es ist was anderes mit "Betroffenen" zu reden, als mit Lehrern, die meist alles nur schön theoretisch wissen. Was werden die Lehrer denn sonst sagen: "Homosexualität und Transsexualität sind ganz normal und wir dürfen Menschen nicht diskriminieren/mobben aufgrund ihrer sexuellen Orientierung". Sowas hilft doch keinem, v.a. den Jugendlichen, die noch nichts Genaues über ihre Vorlieben wissen... Theorie schön und gut, aber in der Praxis siehts dann doch leider anders aus! Da könnte diese Art des Unterrichtes die Gesellschaft doch beeinflussen, in die richtige Richtung: solange alles legal ist, auf Freiwilligkeit und Lust/Spaß basiert, HAT es jedem EGAL zu sein, welche Sexualität der Mensch hat.
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