Sexualkunde-Streit in Frankreich Kampf ums Geschlecht

In Frankreich ist ein Streit über Sexualkunde entbrannt: In neuen Schulbüchern sollen Kinder lernen, dass nicht nur Gene bestimmen, ob man sich als Mann oder Frau fühlt - sondern auch die Gesellschaft. Die Theorie gilt als schlüssig, doch konservative Politiker gehen auf die Barrikaden.

Von Heike Sonnberger

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Was macht Frauen zu Frauen und Männer zu Männern? Nicht nur die Biologie bestimmt die sexuelle Identität, sondern auch Umwelt und Gesellschaft - so lautet eine altbekannte, gemeinhin akzeptierte Theorie.

In Frankreich allerdings sorgt die Idee der sozialen sexuellen Prägung gerade für Wirbel. Dort beginnt am Montag das neue Schuljahr, und manche Oberstufenschüler sollen dann aus Büchern lernen, die einige konservative Politiker inakzeptabel finden. Nun haben 80 Abgeordnete der Regierungspartei UMP von Erziehungsminister und Parteifreund Luc Chatel in einem Brief gefordert, die Bücher kurz vor der Rückkehr der Schüler in die Klassenzimmer zurückzuziehen.

Bereits seit August 2010 steht fest, dass im Lehrplan für das neue Schuljahr ein Kapitel mit dem Titel "Mann oder Frau werden" eingeführt wird. Was darin konkret steht, entscheiden die Verlage selbst. Das neue Kapitel zielt darauf ab, Schülern im kombinierten Schulfach Biologie und Umwelt Geschlechtertheorien nahezubringen - und damit auch die Lehre von der gesellschaftlich konstruierten Sexualität.

"Als würde man Marxismus als Wahrheit darstellen"

Mehrere französische Tageszeitungen zitieren entsprechende Passagen aus den frischgedruckten Büchern: "Jeder lernt gemäß seines Umfelds, Mann oder Frau zu werden", heißt es dort. Oder in einem anderen Buch: "Das biologische Geschlecht identifiziert uns als männlich oder weiblich, aber deshalb können wir uns noch lange nicht als Mann oder Frau qualifizieren." Die sexuelle Identität forme sich ein Leben lang aus dem Zusammenspiel zwischen der Biologie und dem sozialen und kulturellen Kontext.

So weit, so unaufregend - doch die konservativen Kritiker finden, so etwas habe im naturwissenschaftlichen Unterricht nichts zu suchen. Es sei schockierend, dass diese Theorie als wissenschaftliche Wahrheit präsentiert werde, die es nicht sei, empörte sich der Generalsekretär der UMP, Jean-François Copé. "Das ist, als würde man in Wirtschaftsfachbüchern den Marxismus als wissenschaftliche Wahrheit darstellen", zitierte ihn die Tageszeitung "Libération".

Der Gegenwind kommt vor allem aus dem rechten Lager der UMP. Dabei kann die Partei eigentlich keinen weiteren Streit gebrauchen. Im kommenden Jahr steht die Wahl zur französischen Präsidentschaft an, und einer Wiederwahl des konservativen Staatsoberhaupts Nicolas Sarkozy nützt nur eine geeinte UMP.

Die Auseinandersetzung könnte aber auch als Wahlkampfaktion der Rechten verstanden werden: Er sei nicht erstaunt über die Hartnäckigkeit der Debatte, sagte Richard Descoings, Direktor des Pariser Instituts für politische Studien, der Zeitung "Libération". Der Zank könne noch bis zu den Wahlen dauern und sei vollkommen konstruiert. Seine Hochschule gilt als Vorreiter im Bereich der Gender Studies.

Die oppositionelle Sozialistische Partei ließ durchblicken, dass auch sie den Streit für weit hergeholt hält. Es sei nicht Aufgabe von Politikern, über den Inhalt von Schulbüchern zu entscheiden. Dafür seien Wissenschaftler zuständig, ließ die Partei mitteilen.

Erziehungsminister Luc Chatel hat jedenfalls nicht vor, Schulbücher auf den letzten Drücker zurückzuziehen. "Das Erziehungsministerium entscheidet nicht über Leben und Tod eines Lehrbuchs", sagte Chatel. Die Schulbuchverlage hätten volle Freiheit, die Vorgaben nach ihren Vorstellungen umzusetzen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Kemo, 03.09.2011
1. ...weithin schlüssig
Zitat von sysopIn Frankreich ist ein Streit über Sexualkunde entbrannt: In neuen Schulbüchern sollen Kinder lernen, dass nicht nur Gene bestimmen, ob man sich als Mann oder Frau fühlt - sondern auch die Gesellschaft. Die Theorie gilt als schlüssig, doch konservative Politiker gehen auf die Barrikaden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,784113,00.html
... wie die berüchtigten Experimente von John Money 1965 an den Zwillingen Bruce+Brian Reimer belegen sollten. Der von der "Gesellschaft" zum Mädchen umgewandelte Bruce beging 2004 Selbstmord.
FMK 03.09.2011
2. Wenn.....
Wenn es um Mathematik geht, um Informatik, um Naturwissenschaften und Technik, da wird die Ausbildung und das Wissen der Schüler immer miserabler. Wenn es um Sprachen geht, um Geschichte und Philosophie, Theologie, um Argumentieren, Politik, Wirtschaft, Denken und kultiviert Debattieren, das lernen die Schüler nicht mehr. Da fallen wir immer weiter zurück. Wenn es aber darum geht, jede sexuelle Perversion zu erlernen, da kann es nicht schnell genug gehen.
Tanja Krienen 03.09.2011
3. Hm
Wer nicht weiß, welches Geschlecht er oder sie hat, dann sollte er oder sie mal den Körper betrachten. Neben ein paar Verhaltensweisen, die unstrittig anerzogen sind, domieren doch in erdrückenderweise die biologisch vorgegebenen Faktoren (es sei, man glaubt, Kinder würden durch Blütenbestäubung zur Welt kommen), inklusive der Gene, Hormone und der Hirnbeschaffenheit.
pu_king81, 03.09.2011
4. Was haben Ideologien im Sexualkundeunterricht zu suchen?
Was haben Ideologien im Sexualkundeunterricht zu suchen? ---Zitat--- Im Sexualkundeunterricht werden den Schülern Informationen über biologische Grundlagen (Anatomie der Geschlechtsorgane, Wissen über den Geschlechtsverkehr) und die gesellschaftliche Rolle der Sexualität (dem Themenkomplex Pubertät, Partnerfindung und Sexualethik). Speziell auf Jugendliche zugenschnitten wird die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung vermittelt, Wissen über Geschlechtskrankheiten und den Schutz dagegen erarbeitet, außerdem werden die Problematik von Sexueller Gewalt, Missbrauch und Belästigung erörtert. ---Zitatende--- http://de.wikipedia.org/wiki/Sexualkundeunterricht "die gesellschatliche Rolle" sieht mal so und mal so aus. Mir scheint eher dass es hier darum geht die Kinderchen zu indoktrinieren solange dieses noch moeglich ist. Und dafuer ist bekanntlich und hauptsaechlich der Geschichts-, Gesellschaftskunde- und Religionsunterricht da.
The Self 03.09.2011
5. gleicher immer gleicher
So wie die Gesellschaft gerade Tickt, gibt es in Zukunft sehr viel mehr Frauen als Männer. Frau sein ist ja schon seit längerem in. Von daher könnte man sich die Frauenquote sparen, oder sind davon auch Frauen mit männlichem Genital betroffen.
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