Die Schulverbesserer - Teil 4 Wie sinnvoll ist Sitzenbleiben?

Immer weniger Schüler drehen eine Ehrenrunde, die Schulpolitiker drücken die Wiederholer-Quoten. Zu Recht? Hier diskutieren Bildungsexperten über die Frage: Ist Sitzenbleiben sinnvoll?

Sitzenbleiber: Alle weg, einer sitzt
Corbis

Sitzenbleiber: Alle weg, einer sitzt


Es gibt nur wenige Themen, bei denen sich Schulpolitik noch so klar politischen Lagern zuordnen lässt wie beim Thema Sitzenbleiben. Ganz vereinfacht ist es so: Linke Politiker und Pädagogen halten die Ehrenrunde für Teufelszeug, weil sie strauchelnden Schülern die letzte Motivation nimmt. Konservative Politiker und eher traditionell orientierte Pädagogen verweisen dagegen auf den disziplinierenden Effekt der "Ehrenrunde".

So kommt es, dass vor allem SPD-regierte Landesregierungen die Abkehr vom Sitzenbleiben richtig finden, zum Beispiel Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. In der Hansestadt dürfen Schüler der Klassen 1 bis 10 nur noch in Ausnahmefällen die Klasse wiederholen, generell ist das Sitzenbleiben abgeschafft.

Das Durchschleppen von Schülern, die das Klassenziel verfehlt haben, ist allerdings beim Wähler nicht besonders beliebt. Erst jüngst ergab eine Umfrage des ifo-Instituts in München, dass eine Mehrheit der Bundesbürger das Sitzenbleiben für sinnvoll hält - genau wie Schulnoten.

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Prominente Sitzenbleiber: "Jahre der Unlust, der Einförmigkeit"
Kaum Gehör in dem Glaubensstreit findet die empirische Bildungsforschung. Schulforscher haben herausgefunden, dass Sitzenbleiben kaum als Leistungsmotivation taugt und dass sich mit der Abschaffung obendrein Geld sparen lässt. Im jüngsten Pisa-Test wurden die sinkenden Quoten in Deutschland positiv hervorgehoben. Viel wichtiger aber, und da sind sich die Fachleute einig, ist: die Qualität des Unterrichts.

Lesen Sie die Argumente von Bildungsministern, Wissenschaftlern, Lehrern und Schülern aus der großen Schulumfrage zur Frage: Ist Sitzenbleiben sinnvoll?

Ja, das Sitzenbleiben ist sinnvoll, sagen:

DPA

Brunhild Kurth (CDU), Kultusministerin von Sachsen:
"Schule muss kindgerecht sein, aber auch leistungsorientiert. Schule muss der Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche auf das spätere Leben vorbereitet werden. Das Abschaffen des Sitzenbleibens wäre hingegen leistungsfeindlich und lebensfern."

DPA

Kerstin Gleine, Friedrich-Ebert-Gymnasium Hamburg, Lehrerin der Jahres 2013 beim Klaus-von-Klitzing-Preis:
"Ja, wenn zu große Lücken in vielen Fächern erkennbar sind und der Schüler trotz Förderung in seinen kritischen Fächern keine allzu großen Lernfortschritte in dem Schuljahr erreicht hat."

DPA

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes:
"Ja, denn eine Wiederholungsklasse ist eine Chance zur Konsolidierung einer individuellen Schullaufbahn. Diese Klasse ist oft auch die Chance, doch noch zum angestrebten Schulabschluss zu kommen."

SPIEGEL ONLINE

Mona Steininger, Preisträgerin beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb:
"Ich finde Sitzenbleiben durchaus sinnvoll und habe das auch schon von Sitzenbleibern so gehört. Was bringt es denn, wenn man einfach mitgeschleift wird, obwohl man Lücken hat, die man durch ein Wiederholungsjahr ja aufholen könnte?"

Nein, Sitzenbleiben ist nicht sinnvoll, sagen:

DPA

Ties Rabe (SPD), Schulsenator von Hamburg:
"Sitzenbleiben nützt meist gar nichts. Und wer wegen Mathe, Physik und Chemie sitzen bleibt, muss nicht ein ganzes Jahr Sport, Musik, Kunst, Deutsch und Englisch wiederholen. Gezielte Förderung hilft viel mehr."

DPA

Richard David Precht, Bestsellerautor:
"Eine gute Schule braucht kein Sitzenbleiben mehr - zumal es nach dem 6. Schuljahr ja auch keine Klassen mehr geben sollte, sodass Sitzenbleiben ohnehin nicht mehr möglich ist."

AP

Manfred Prenzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie:
"Die empirische Forschung zumindest kann viele Beispiele dafür anführen, dass Sitzenbleiben nicht für die Qualität eines Schulsystems erforderlich ist."

DPA

Sandra Scheeres (SPD), Bildungssenatorin von Berlin:
"Diverse wissenschaftliche Studien belegen, dass Sitzenbleiben pädagogisch nicht sinnvoll ist. Im Einzelfall kann eine Klassenwiederholung sinnvoll sein, z.B. wenn ein Schülerin oder ein Schüler auf Grund längerer Krankheit nicht am Unterricht teilnehmen konnte."

DPA

Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft:
"Sitzenbleiben bringt für den größten Teil der betroffenen Schülerinnen und Schüler nichts, es ist also pädagogisch unsinnig und oft sogar schädlich - hierfür gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege."

DPA

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung:
"Sitzenbleiben ist teuer und unwirksam und gehört deshalb abgeschafft."

Das sagen Schüler, die selbst schon sitzengeblieben sind:

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Schüler erzählen: Wir sind sitzengeblieben
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Sitzenbleiben

Sollen Schüler, die das Klassenziel verfehlen, ein Jahr wiederholen müssen?

In Teil 1 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 2 fragten wir die Schulverbesserer:

In Teil 3 fragten wir die Schulverbesserer:

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
Name bereits vergeben 26.09.2014
1. Ideologische Gräben
Theoretisch ist es zwar möglich, dass man "nur" wegen zwei Fächern mit mangelhaften Leistungen sitzenbleibt. Allerdings hat man es dann eben auch nicht geschafft diese woanders durch ein befriedigend auszugleichen. Sitzenbleiben tun die, die also fast durchgängig schlechte Noten haben. Deshalb muss die "Ehrenrunde" noch lange nichts bringen, viele verbessern sich auch im zweiten Anlauf nicht. Genausowenig traumatisiert es die Schüler aber reihenweise. Bis eine ordentliche (besonders auch äußere) Differenzierung innerhalb der einzelnen Schulformen stattfindet - und dazu gehörte dann z.B. auch, dass af dem Zeugnis LK-Leistungen in Englisch neben einem Realschulabschluss in Mathe stehen könnten. Aber wann reicht es dann später noch für eine "allgemeine" Hochschulreife und braucht man die so wie sie ist überhaupt? Fragen über Fragen, auf die keiner wirklich praxistaugliche Antworten geben kann. Weder die konservativen Phrasendrescher noch die Pädagogikprofs in ihren Elfenbeintürmen.
insomnium 26.09.2014
2.
Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass mir das Wiederholen einer Klasse sicher nicht geschadet hat, in sozialer Hinsicht war es auf jeden Fall eine Verbesserung. Meine Noten in den beiden betroffenen Fächern wurden im Wiederholungsjahr aber nur unerheblich besser und auch in den übrigen Schuljahren wurde es hin und wieder knapp. Ich weiß nicht, wie das mit dem Durchfallen mittlerweile geregelt wird, aber die damalige Regelung finde ich rückblickend doch ein bisschen sinnfrei - zumal, wenn die Noten in den anderen Fächern keinen größeren Anlass zur Sorge bieten.
mipez 26.09.2014
3.
Sitzenbleiben pädagogisch micht sinnvoll? Dann scheinen die Herren und Damen nicht zu wissen, was alles mit dem Wiederholen einer Klassenstufe zusammenhängt. Mitschleifen ist keine Lösung, wer den Stoff nicht verstanden hat, muss ihn wiederholen, da in den darauffolgenden Stufen auf jenem aufgebaut wird. Gezielte Förderung ist eine Utopie, die nicht in unser Schulsystem als ganzen Komplex passt. Man kann sich auch alles schönreden, wird in Deutschland ja oft genug getan.
reiner.block 26.09.2014
4. Sitzenbleiben oder nicht
Wenn es denn wirklich eine Klassenverbände wie früher mehr gäbe sondern nur noch gewählte Fächer, wäre es natürlich möglich und sinnvoll, nur die Fächer zu wiederholen, die man nicht bestanden hat, um dann erst den nächsten Schritt in diesem Fach zu machen. Solange dies aber nicht der Fall ist und noch die meisten Fächer im Klassenverbund unterrichtet werden, würde ein Abschaffen des Sitzenbleibens entweder die ganze Klasse herunterziehen oder derjenige/diejenige, der/die den Stoff nicht verstanden hat, würde, wenn keine Rücksicht genommen würde, hoffnungslos zurückfallen mit den entsprechenden psychischen Konsequenzen. Die Frage ist also nicht so einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Auch die obige Umfrage verfehlt ihr Ziel und ist unsinnig.
romeo1979 26.09.2014
5. haben die ganzen experten...
jemals ein jahr lang schüler begleitet? wenn nicht, sollten sie das dringend nachholen. denn manch tolle theorie ist in der praxis unbrauchbar.
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