Smartphones an Schulen "Warum soll man Internet in der Klausur verbieten?"

Tablets und Smartphones in Klausuren: Niedersachsen will die Geräte als erstes Bundesland zulassen - allerdings ohne Internetzugang. Prüfungsexperte Jürgen Handke hält das für zu zaghaft.

Smartphone-Einsatz im Unterricht an einem Gymnasium
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Smartphone-Einsatz im Unterricht an einem Gymnasium


Zur Person
  • Jürgen Handke
    Jürgen Handke, Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Philipps-Universität Marburg, ist Experte im Bereich digitaler Lehre und elektronischer Prüfungsverfahren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Handke, als erstes Bundesland will Niedersachsen an Schulen Smartphones und Tablet-Computer in Klausuren zulassen - zumindest, um Taschenrechner, Wörterbücher oder Formelsammlungen zu nutzen. Ist die Tablet-Nutzung ohne Internet schon eine Innovation der Prüfungsverfahren?

Handke: Es ist ein erster Schritt, den ich unbedingt für notwendig halte. Generell müsste Schülern und Studenten all das erlaubt werden, was sie im Alltag auch verwenden. Dazu gehören nun mal Smartphones und Laptops. Ich halte es aber für absurd, das Internet zu verbieten. An unserer Hochschule erlauben wir die Nutzung des Internets bei elektronischen Klausuren bereits. Wir sind damit ziemlich die Einzigen, werden aber von vielen beneidet.

SPIEGEL ONLINE: Einen Vokabeltest können Sie sich dann aber schenken.

Handke: Ja, es kommt auf die Klausurformate an. Wenn reines Wissen überprüft wird, kann man das Internet nicht freigeben. Ich halte diese Prüfungsform aber ohnehin nicht für sinnvoll. Wir haben bis 2016 in unseren elektronischen Klausuren hauptsächlich Wissen abgefragt. Dabei konnten wir feststellen: Die Klausurergebnisse waren im Prinzip unabhängig von den Seminarinhalten. Mit anderen Worten: Einen Multiple-Choice-Test kann man immer bestehen, dazu muss man nicht unterrichtet werden.

Wenn Sie im Unterricht aber Kompetenzen vermitteln, etwa Berechnungen in der Mathematik, Analyseaufgaben, Recherchetechniken, und diese dann später abfragen, dann nützt Ihnen das Internet in der Prüfung herzlich wenig. Mit geht es darum, die Prüfungen praxisnah zu gestalten: Wenn Sie für Recherchen zu Hause das Internet nutzen, warum soll man es dann innerhalb der Schule verbieten?

SPIEGEL ONLINE: Niedersachsen hat allerdings keine Revolution bei den Klausurformen, sondern lediglich einen Erlass zur Nutzung von Smartphones und Tablets in Prüfungen angekündigt. Definitiv ohne Internetzugang. Wie ist das technisch möglich?

Handke: Da wird man in Software investieren müssen, die das verhindert. Die Schüler werden versuchen, durch Umwege ins Internet zu kommen. Da müssen Sie die Aufsicht verstärken.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die Lehrer dafür auf die Geräte der Schüler zugreifen?

Handke: Nein, die Aufsicht muss bei den Klausuren die Bildschirme im Blick haben, damit nur das Erlaubte aufgerufen wird. Die Frage ist ohnehin, ob die Schüler ihre eigenen Geräte nutzen oder ob die Schule sie bereitstellt. Solange man das Internet nicht zulässt, sollten Schüler ihre eigenen Geräte nicht benutzen. Denn dafür müssten Sie ja Software installieren und im Zweifelsfall doch mal ein Gerät überprüfen. Das wäre mit dem Datenschutz nicht vereinbar. Wenn das Internet freigegeben wird, spräche aus dieser Sicht nichts mehr dagegen, die Geräte zu nutzen, die es ohnehin gibt. Die Schule müsste nur noch eine Reserve bereitstellen.

SPIEGEL ONLINE: Dann könnte es aber vom Geldbeutel der Eltern abhängen, ob Schüler in der Klausur ein schnelles, leicht zu bedienendes Gerät haben oder langsamer als der Rest surfen. Wie lösen Sie das an der Uni?

Handke: Wir haben einen Pool mit 120 Computern, da werden die Klausuren geschrieben. Das Prinzip "bring your own device" ist in Klausuren für die Chancengleichheit in der Tat ein Problem. Aber Prüfungen werden ja nur von 30, 40 Schülern gleichzeitig geschrieben. Wenn die Schule dafür Geräte besorgt, sollte das finanziell tragbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, der Plan der Niedersachsen sei nur ein erster Schritt. Was wären die nächsten?

Handke: Wenn man jetzt sagt, man verbietet das Internet in Klausuren, dann wird man sich das in einem Jahr wieder fragen - und es irgendwann erlauben. Die Debatte ist eigentlich schon einen Schritt weiter, da heutige Prüfungsformen nicht mehr zeitgemäß sind. Es geht um Kollaboration. Welcher Mensch arbeitet heutzutage noch allein an einem Problem? Digitale Zusammenarbeit sollte man irgendwann mitdenken in Klausuren. Deshalb halte ich die Debatte "Internetnutzung ja oder nein" fast schon für eine Debatte von gestern.

insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
simie 11.05.2017
1.
Im Interview werden gute Ansätze erwähnt. Diese sind jedoch weit von der Realität entfernt. In Zeiten in denen manche Schulen Smartphones komplett (selbst die Nutzung in den Pausen) verbieten, ist man noch weit von einer Nutzung solcher Medien im Unterricht, geschweige denn in einer Klausur, entfernt.
GelengentlicherStephan 11.05.2017
2. Da stellen sich Fragen
Unabhängig davon, dass es in manchen Fächern schwierig wird (auch Mathematik) Klausuren zu stellen, wenn das Internet zur Verfügung steht, drängt sich mir eine Frage besonders auf: Was ist mit der Kommunikation mit anderen? Wenn meine Methodenkompetenz dann darin besteht, mit meinem schlauen Freund zu chatten... Würde mich mal interessieren, wie das an seiner Hochschule gelöst ist.
sarkasmis 11.05.2017
3. Recht hat der Professor
wo kämen wir denn hin, wenn wir Wissen weiter abprüfen würden? Das ist doch sowas von 20. Jhd. Mal im ernst: Man darf reine Wissensvermittlung nicht unterschätzen. Um irgendwelche Transferleistungen zu erbringen benötigt man eben erst mal einen Datenschatz. Was bringen einem perfekte Grammatikkenntnisse, wenn man kein oder nur ein kleines Vokabular dazu hat? Vor allem unterschätzen die meisten Bildungsforscher meiner Meinung nach den Trainingseffekt, den Faktenlernen mit sich bringt. Wenn man viel auswändig lernt vergrößert sich der Speicher, man kann sich mehr Sachen merken. Auch wird die Inputverarbeitung besser, man merkt sich das was man ließt, anstatt es beim nächsten Satz schon wieder vergessen zu haben. Viele asiatische Schulsysteme fahren ein extrem orthodoxes Schulsystem mit viel "stupider" Auswendiglernerei ... und sind damit extrem Erfolgreich. Dagegen haben 5 Jahre Grün-Rot Baden-Württemberg in Pisa einen beispiellosen Bildungsabstieg beschert.
Susi64 11.05.2017
4. Zulässige Hilfsmittel
Im Prinzip kann man immer alles zulassen, also auch das (volle) Internet. Das Problem daran ist, dass dann viele glauben, dass sie sich für die Klausur nicht mehr vorbereiten müssen. Außerdem halte ich es nicht für sinnvoll, wenn man in der Klausur die Lösungen alter Klausuraufgaben verwenden kann. Dem kann natürlich vorgebeugt werden, es gibt halt keine alten Klausuren mehr im Internet. Egal welche Hilfsmittel zulässig sind, es ist immer nur eine begrenzte Zeit und wer lange sucht, der findet wenig. Weiterhin können Klausurteilnehmer über das Internet mit einander kommunizieren, also elektronisch abschreiben. Ich denke nicht, dass das wirklich sinnvoll ist. Auf der anderen Seite müssen natürlich Wörterbücher, Formelsammlungen, .... heute nicht mehr als Buch vorliegen sondern eben als ebook. Dann würde aber ein ebook-Reader genügen, wobei hier die Frage steht wozu brauche ich einen ebook-Reader, außer für die Klausur? Vielleicht werden aber eben nicht nur Klassensätze Taschenrechner für eine klausur angeschafft sondern auch ebook-Reader, die genau das enthalten, was zulässig ist. Letzlich ist es eine Frage der Klausurgestaltung. Internet würde ich nicht zulassen, leider kann man es nicht einfach ausschalten (lassen).
kepplerd 11.05.2017
5. Vollkommen
richtig. Das ganze schulische Prüfungssystem ist veraltet und prüft in keinster Weise Dinge, die im späteren Arbeitsleben benötigt werden. Ein Internetzugang in Klausuren ist ein erster Schritt um dieses steinzeitliche "ruhig in einem Raum sitzen und die Prüfungsaufgaben fast ohne Hilfsmittel alleine erledigen" abzulösen.
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