Lehrerklage Ihr Smartphone-Eltern seid schuld!

Lieber chatten als mit den Kindern spielen, lieber surfen statt erzählen: Das Handy hat die Eltern fest im Griff. Mit den Folgen müssen wir Lehrer uns rumschlagen.

Jeder für sich, statt alle zusammen
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Jeder für sich, statt alle zusammen


Eine Szene aus dem Unterricht: "Lara, was habe ich gesagt?", frage ich. Achselzucken. Kein Wunder.

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Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

Lara hat gerade Nachrichten gelesen. Auf dem Smartphone. Schüler schauen im Unterricht ständig aufs Smartphone und haben, wenn man sie aufruft, keine Ahnung. Für die meisten Schüler hat das verheerende Folgen.

Wir Eltern wissen das. Aber was machen wir? Wir züchten eine smartphonesüchtige Generation heran. Es beginnt damit, dass wir das Gerät oft genug missbrauchen, um uns nicht selbst um unsere Kinder kümmern zu müssen.

Eine Szene aus dem Alltag: Ein Ehepaar mit zwei Kindern sitzt im Restaurant. Die Kinder sind etwa acht Monate und zwei Jahre alt. Das Baby ist bei der Mutter auf dem Arm und wischt über das Display des Smartphones, das die Mutter ihm vor die Nase hält. Das andere Kind guckt Minifilmchen. Als das Essen kommt, und der Vater das Smartphone wegnehmen möchte, schreit das Kind. Daraufhin lehnt der Mann das Gerät gegen ein Glas, damit sein Kind weitergucken kann.

Noch eine Szene aus dem Alltag: Ein Ehepaar mit Grundschulkindern reist im Zug. Die Kinder zocken auf ihren Smartphones. Der Vater surft im Internet, die Mutter schreibt und liest Nachrichten. Während der vierstündigen Fahrt spielt die Familie nicht miteinander und redet auch kaum.

Eine App kann einen Ausflug kippen

Gefühlte 99 Prozent aller Erwachsenen halten ihr Smartphone in der Hand, als sei es eine Prothese, die sie nur nachts abnehmen. Ständig locken WhatsApp-Gruppen und Facebook.

Als sich ein Bekannter über die zahlreichen Unsinnsnachrichten ärgerte, fragte ich verdutzt, warum er sich denn nicht einfach abmelde. Wesentlich verdutzter wurde mir erklärt, dass das doch nicht gehe, wenn alle Freunde auch in der WhatsApp-Gruppe seien. So so. Es geht also nicht.

Smartphones sind längst Alltagsmanager. Aber sind sie unverzichtbar? Natürlich kann der Blick auf die Wetter-App nützlich sein. Aber wie oft verpasst man etwas, weil man sich ständig absichert?

Während meines Referendariats in der Prä-Smartphonezeit habe ich mit einer Klasse einen Kanuausflug gemacht. Am Nachmittag zog ein Unwetter auf. Es schüttete. Wir hatten trotzdem jede Menge Spaß. Heute werden Ausflüge abgesagt, wenn die Wetter-App Regen ankündigt.

Smartphones entpuppen sich als Abenteuerverhinderungsmaschinen. Das ist schade für die Kinder und Jugendlichen, die nicht wissen, was ihnen manchmal entgeht. Aber Eltern wollen das so; die meisten würden ihr Kind zwingen, ein Smartphone mit in den Wald zu nehmen. Leider demonstrieren wir den Kindern auf diese Weise, dass man ohne Smartphone verloren ist, weil man nur mit dessen Hilfe alle Restrisiken ausschließen kann.

Allerdings geht es den Erwachsenen nicht mehr ausschließlich um Kommunikation und Organisation. Neulich traf ich eine Bekannte, die auf ihr Smartphone noch hypnotisierter starrte als sonst. Ich fragte, was sie mache. Sie suche Pokémons, sagte sie. Ich dachte: Dass sich Kinder und Jugendliche benehmen wie Kinder und Jugendliche, ist normal. Aber warum lassen sich auch Erwachsene im Smartphonezeitalter derart infantilisieren?

Ein Leben ohne Smartphone ist möglich

Wen wundert's eigentlich noch, dass Kinder und Jugendliche Smartphonejunkies werden, wenn wir Erwachsenen uns wie Idioten verhalten?

Aber ich habe noch Hoffnung: Darauf, dass wir uns wieder mehr auf unsere Vorbildfunktion besinnen und das Gerät manchmal einfach zu Hause oder ausgeschaltet lassen. Darauf, dass wir vorleben, dass ein Dasein ohne Smartphone nicht nur möglich, sondern bereichernd sein kann.

Dann werden auch die Kinder eines Tages nicht mehr hektisch eine Steckdose suchen, sobald der Akku leer ist. Sie werden mehr Zeit haben und deshalb weniger gestresst sein. Sie werden wieder lernen, sich miteinander zu beschäftigen. Sie werden manch ein unvorhersehbares Alltagsabenteuer erleben.

Und dann werden sie das Smartphone im Unterricht einfach in der Tasche lassen.

Zur Person
  • Daniel Schmitt
    Arne Ulbricht, 44, unterrichtet an einem Berufskolleg in NRW. Er ist zudem Autor verschiedener Bücher. In seinem Roman "Nicht von dieser Welt" geht es um einen Lehrer, der analog lebt und an der Gesellschaft scheitert.
  • www.arneulbricht.de
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insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
CommonSense2006 12.08.2016
1. An unseren Schulen
ist striktes Smartphone-Verbot. Die Kinder dürfen es in der Tasche dabei haben, aber natürlich während des Unterrichts und auch der Pausen nicht benutzen. Wer erwischt wird, darf es sofort abgeben und die Eltern müssen es dann persönlich abholen. Finde ich absolut richtig und gut. Telefon ist nur für den Notfall und selbst dann nur nach der Schule (wenn das Fahrrad kaputt ist, eine Nachmittagsstunde ausgefallen ist), weil es in der Schule ein Sekretariat mit Telefon gibt. Was die kritik an den Eltern angeht, gebe ich dem Herrn völlig Recht, es ist teilweise unfassbar, welche Art von Vorbild die Eltern ihren Kindern in dieser Hinsicht sind.
mborevi 12.08.2016
2. Die schulischen Leistungen ...
... der Kinder gingen langsam aber stetig immer mehr zurück. Und das seit den 1970er Jahren. Selbst Abiturienten konnten, kamen sie zu uns an die UNI, schon in den 1980er Jahren einfache Rechenaufgaben nicht mehr selbständig lösen. Der Niedergang begann lange vor der Handyzeit und hat sicher damit nichts zu tun. Schaut man sich die Lehrpläne an, dann wird sofort klar, was die eigentlichen Ursachen sind. Dazu kommt eine Lehrmethodik, die Erfolge eher erschwert als fördert.
karlwein 12.08.2016
3. Smartphone im Unterrricht?
Bei den Schulen, die unsere Kinder besuchen, gibt es jeweils ein Smartphoneverbor im Unterricht. Wer im unterricht am Smartphone erwischt bekommt es abgenommen und ie Elteren können abholen. Ist so zwischen Schule, Elternschaft und Schülervertreter festgelegt worden und funktioniert gut.
santoku03 12.08.2016
4.
"Ich dachte: Dass sich Kinder und Jugendliche benehmen wie Kinder und Jugendliche, ist normal. Aber warum lassen sich auch Erwachsene im Smartphonezeitalter derart infantilisieren?". Wer nicht den Mut hat, auf seine eigne Art närrisch zu sein, hat ihn schwerlich, auf seine eigne klug zu sein. Jean Paul (1763-1825)
Palmdale 12.08.2016
5. Ein frommer Wunsch!
Ihr Kommentar stimmt nachdenklich und ja, man trifft es immer häufiger an. Gemeinsam in der Gaststätte, alle glotzen auf das Display... Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass sich ihr Wunsch auf absehbare Zeit erfüllen wird. Eher wird es noch schlimmer, die Steigerung der AR über Pokemon hinaus steht sicherlich schon in den Startlöchern...
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