Ganz harte Schule "Mama, wenn ich ein iPad kriege, mache ich nur Lernspiele"

Wann soll die Tochter ein Smartphone haben? Die Frage beschäftigt Birte Müller, zumal sie ihren behinderten Sohn oft stundenlang vor einem iPad parkt - mit schlechtem Gewissen, aber nur so kann sie sich etwas freie Zeit erschleichen.

Willi schaut sich ein Konzert an
Birte Müller

Willi schaut sich ein Konzert an


Die Eltern-Kolumne für Fortgeschrittene
  • Hier schreiben abwechselnd Birte Müller, Silke Fokken und Armin Himmelrath über das Leben mit Kindern zwischen dem ersten und dem letzten Schultag.

Letze Woche war es so weit: Meine Tochter Olivia, 7, bekam von einer Freundin Besuch, und die brachte ihr eigenes Smartphone mit. Sie hatte es vor einiger Zeit "vom Osterhasen" bekommen.

Ich stand unter Schock und grübelte ein paar Sekunden darüber, dass es bei uns nur Schokoladeneier und eine CD für die Kinder gegeben hatte. Da riss mich die Frage des Mädchens nach unserem WLAN-Passwort abrupt aus meinen Gedanken. Ich war darauf nicht vorbereitet. Ich hatte geglaubt, bis zum Ende der vierten Klasse noch Schonfrist zu haben, bevor mich das lästige "Die-anderen-haben-aber-auch-ein Handy" erreichen würde. Wie naiv von mir.

Eine Viertelstunde später gab es den ersten Streit darum, wer länger "gegäimt" hätte. Da kassierte ich das Handy ein. Danach spielten die Mädchen zufrieden draußen.

Ich frage mich, ob ich schon beim nächsten Kindergeburtstag als Erstes alle Telefone einsammeln muss. Bei unseren Familienfesten der letzten fünf Jahre hätte ich das eigentlich auch schon gern gemacht - und nicht nur bei den Kindern!

Gelangweilt dank Geräten gegen Langeweile

Ich persönlich mochte als Kind Familienfeiern. Sie waren nie langweilig, weil wir mit unseren Cousinen spielten, die wir nur selten sahen. Olivia findet Erwachsenenfeiern immer dann richtig öde, wenn die anderen Kinder - jedes für sich - über Geräten hocken. Geräte, die die Eltern ihnen gegeben haben, weil ihnen langweilig war.

Zum Glück ist Olivia sehr kontaktfreudig. Sie nervt die anderen Kinder einfach so lange, bis wenigstens eines das Smartphone weglegt und mit ihr spielt.

Dass ausgerechnet ich mich über den ausgiebigen Gerätekonsum von Kindern auf Familienfeiern auslasse, mag überraschen. Denn unser Sohn Willi hat von allen Kindern die längste Zeit ein iPad vor der Nase. Wir lieben das Ding, denn es gibt uns die Möglichkeit, Wartezeiten beim Arzt oder lange Autofahrten zu überleben. Und es gibt uns die Chance, mit Willi wenigstens eine Weile lang ein Fest in fremder Umgebung zu besuchen, ohne dass er das Büfett von den Tischen reißt, durchgängig herumläuft, schreit oder haut. Willi ist geistig behindert.

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Es macht mich traurig, wenn man uns beim Verabschieden auf die Schulter klopft und sagt: "Das klappt ja jetzt schon viel besser mit Willi." Ich kann mich einfach nicht wirklich darüber freuen, dass mein Kind vier Stunden lang in einer Ecke auf dem Boden ein iPad angeglotzt hat. Immerhin daddelt er nicht, sondern schaut sich Konzerte an.

Das könnte ja auch eine super Lösung für die schulische Inklusion sein, Tablets oder Fernseher wären doch viel billiger als Schulbegleiter! Scherz beiseite. Genau genommen sitzt ja doch immer einer von uns direkt bei Willi. Er braucht jemanden, dem er mal begeistert den Kontrabass zeigen kann, und man weiß auch nie, wann er für ein spontanes Tänzchen aufspringt und dabei vielleicht den Löffel aus Tante Lottis Rote-Bete-Suppe reißt, um damit zu dirigieren.

Zur Autorin
  • Birte Müller, Jahrgang 1973, ist Kinderbuch­autorin und Illustratorin. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern Willi, 9, (Down-Syndrom), und Olivia, 7, (Normal-Syndrom), in Hamburg. Ihr Lebensmotto: It's not a bug, it's a feature.

Eigentlich gehen wir oft gar nicht mehr mit Willi an fremde Orte. Weil ich es so traurig finde, ihn stundenlang vor einem Tablet parken zu müssen, damit wir es dort aushalten.

Die anderen Kinder könnten wenigstens miteinander spielen. Sie haben alle Fähigkeiten dazu und gerade sogar mal die Zeit - und sie werden auch nicht abgelehnt oder ausgegrenzt.

Mir kommt es so vor, als würden die Kinder durch die Smartphones und Tablets, die wir Erwachsenen ihnen geben, ebenfalls behindert. Es behindert sie dabei, mit den anderen Kinder zu sprechen, herumzulaufen und zu spielen.

Zum Glück hat das Problem aus der Sicht meiner Tochter eine ganz einfache Lösung: "Mama, die Zahnfee könnte mir doch auch ein iPad unters Kissen legen. Ich mache nur Lernspiele und lasse dich dann am Wochenende immer ausschlafen, versprochen!"

Ich gebe zu, es klingt verlockend. Aber so naiv bin ich dann doch nicht.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Kamillo 04.07.2017
1. Jaja, Lernspiele...
Diese Ausrede hatte unsere Generation auch schon. Damals gings drum, den Commodore 64 oder den Commodore 128 zu kaufen. Der 128er hatte im Gegensatz zum 64er einen 80-Zeichen Modus, und konnte neben dem Commodore Basic auch CP/M, den Vorfahren von MS-DOS ausführen. Für CP/M gab es viele ernsthafte Programme, wie Wordstar oder Multiplan (so eine Art Excel im Textmodus). Damit könne man ja Hausaufgaben machen... Also wurde nicht der C64, sondern der teurere C128 angeschafft und die Eltern hatten ein gutes Gewissen. Und der wichtigste Befehl im 128 Modus war dann immer "GO 64". Der Trick funktionierte übrigens auch etwas später beim ATARI ST, den konnte man mit einem Farbfernseher oder Farbmonitor zum Daddeln benutzen, und mit einem hochauflösenden flimmerfreien Monochrom-Monitor für die ernsthaften Sachen. Und heute? Wenn man auf Parties, Grillfeste im Freundes- oder Familienkreis kommt, dann sitzen die Mädels im Teenager-Alter wie die Hühner auf der Leine, eine neben der anderen, sie reden nicht, sie alle starren nur auf ihre Smartphones. Versuchte man damals mit den Mädels in dem Alter über Commodore oder Atari zu reden, erntete man nur Augenverdrehen und andere vernichtende Blicke oder zukünftige Nichtbeachtung.
georg69 04.07.2017
2.
Ähnlliche Erfahrungen mache ich auch regelmäßig, insbesondere bei den Freunden meines Jüngsten (10). Ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass Gadgets in Kinderhänden die Kindheit rauben. Viele in dem Alter sind bereits "verloren", denn sie wissen ohne Gadget nichts mehr mit sich, ihrer Zeit und ihrer Umgebung anzufangen. Ich bin gespannt, was diese Generation im Erwachsenenalter zu leisten imstande ist.
chrissie 04.07.2017
3. Leute, Leute, lasst doch die
armen Kinder auf Familienfeiern daddeln.. Warum muss man sich überall einmischen? Das reguliert sich fast immer von selber. HG C.Rosenbaum
jozu2 04.07.2017
4. Outsourcing von Gehirnarbeit = Verdummung
Je mehr wir unseren Kindern erlauben, anstatt ihr Gehirn anzustrengen und alle Sinne zu gebrauchen, umso schlechter bilden sich Gehirn und Sinne aus. So vorbereitet entlassen wir die Kinder dann ins Leben. Je später und je weniger Smart-Technik umso besser. Wer's nicht glaubt, sollte sich mal mit den Ausführungen von Manfred Spitzer beschäftigen. (Beschäftigen heißt lesen, zuhören, nachdenken und nicht nach dem ersten Satz mit einem "Doof. Das passt mir nicht, will ich nicht hören" weglegen)
hape72 04.07.2017
5. Autorin scheint leicht egoistisch veranlagt zu sein.
"Ich kann mich einfach nicht wirklich darüber freuen, dass mein Kind vier Stunden lang in einer Ecke auf dem Boden ein iPad angeglotzt hat. Immerhin daddelt er nicht, sondern schaut sich Konzerte an." Sie kann sich nicht freuen aber Willi dafür anscheinend umso mehr! Auch an vielen anderen Stellen liest man nur: ich, ich, ich! Tablet/Smartphones sind nur Träger von Inhalten. Kindern das vor zu enthalten oder extrem beschränkt zur Verfügung zu stellen zeugt meiner Meinung nach nicht von Medienkompetenz. Und gerade DAS sollte den Kindern heutzutage beigebracht werden. Resourcen sinnvoll nutzen, Angebot zeigen, Dinge kombinieren. Dann hängt das Kind auch nicht nur stundenlang davor sondern lässt sich inspirieren und probiert selbst Dinge aus.
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