Spickzettel 4.0 Britische Lehrer klagen über Schummel-Uhren

Tech-Firmen haben Smartwatches mit Software ausgestattet, die Schülern beim Spicken helfen soll. Die "cheating watch" hat einen besonderen Clou - und sorgt in Großbritannien für Ärger.

Spicken mit der Smartwatch?
AFP

Spicken mit der Smartwatch?


Die Werbung ist eindeutig: "Diese Uhr wurde extra mit einer speziellen Software ausgestattet, um in Prüfungen zu betrügen", heißt es in einer Produktanzeige eines großen Onlinehändlers. Die Uhr eigne sich perfekt, um heimlich Notizen lesen zu können, weil man vorab Texte, Bilder und Videos darauf abspeichern könne.

Der winzige Bildschirm der Smartwatch funktioniert wie ein digitaler Spickzettel. Der Clou: Wird der Lehrer auf das unerlaubte Abgucken aufmerksam, können die Prüflinge einen "Notknopf" betätigen. Dann ändert sich das Display. Statt Text ist wieder eine Zeitanzeige zu sehen - als wäre nichts gewesen.

Ein anderer Anbieter preist sein Produkt als "erste Uhr für leichtes Lernen" an, inklusive Anschluss für einen drahtlosen Mini-Kopfhörer. So können sich Schüler beispielsweise während einer Prüfung vorab aufgenommene Podcasts ins Ohr sagen zu lassen. Dass solche Methoden nicht korrekt sind, weiß der Anbieter offenbar - und distanziert sich vorsichtshalber. "Durch den Verkauf dieses Gerätes sind wir nicht verantwortlich für dessen Anwendung."

Bei britischen Lehrern und Dozenten ist der Ärger bereits riesig. Schüler und Studenten würden sich mit den Smartwatches auf unfaire Weise Vorteile verschaffen, heißt es in einem Bericht von BBC News. Die Empörung richtet sich dabei allerdings mehr gegen die Firmen, die solche "cheating watches" anbieten, als gegen die Prüflinge selbst.

Schulleiter warnt vor einem "Albtraum"

Es sei unverantwortlich, solche Hilfsmittel an Schüler oder Studenten zu verkaufen, die unter Druck stünden, erwischt und von all ihren Prüfungen ausgeschlossen werden könnten, sagte der britische Schuldirektor Joe Sidders der BBC. Mit immer mehr solcher mobilen Mini-Geräte in Prüfungen umzugehen, könne zu einem "Albtraum" werden. Und: Mancher Schüler würde durch die neue Technik überhaupt erst zum Schummeln verleitet.

Aber Professoren und andere Prüfer kennen die neuartigen Tricks offenbar und haben ihre Regeln bereits verschärft. Bereits vor dem Verkaufsstart der Apple Watch im vergangenen Jahr hatten einige Londoner Hochschulen mitgeteilt, dass sie alle Armbanduhren in Prüfungsräumen verbieten wollen.

Andere setzen auf verstärkte Untersuchungen. "Mein Mikrobiologie-Professor kontrolliert bei jedem Test die Uhren. Wenn sie nicht altmodisch und analog sind, müssen sie in die Handy-Kiste", schreibt die Studentin Abigail Lauze auf der Facebook-Seite der BBC.

"Es geht nicht mehr darum, alles auswendig zu wissen"

Auf Facebook löste der jüngste Bericht über die Schummeluhren eine hitzige Debatte aus. Einige Leser kritisierten, der Sender habe Tausende Schüler und Studenten mit seinem Bericht erst darauf aufmerksam gemacht. Andere hielten die Aufregung für überflüssig. Es sei sowieso an der Zeit, dass man bei Prüfungen Bücher zulasse, schrieb zum Beispiel Deepak Panjmani. "Es geht in Prüfungen nicht mehr darum, alles auswendig zu wissen. Es geht darum Begründungen zu kennen, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungen zu finden."

  • Corbis
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mat_1972 07.03.2016
1.
Zitat: "Es geht in Prüfungen nicht mehr darum, alles auswendig zu wissen. Es geht darum Begründungen zu kennen, Zusammenhänge zu verstehen und Lösungen zu finden." Ja, genau das ist das Problem. Die Maßstäbe an die Schüler sind die, einer modernen Welt im Jahr 2016.... aber die Wissenvermittlung und die Art und Weise wie dieses abgefragt und vermittelt wird ist oft aus dem vorletzten Jahrhundert. Ist es echt so schwierig einfach mal ein paar sinnvolle Reformen auf den Weg zu schicken? Muss wohl.
noalk 07.03.2016
2. falsche Verantwortliche
"Die Empörung richtet sich dabei allerdings mehr gegen die Firmen, die solche "cheating watches" anbieten, als gegen die Prüflinge selbst." --- Genau das ist der falsche Ansatz. Verantwortlich für den Gebrauch ist selbstverständlich und ausschließlich der Anwender. In unserer Gesellschaft greift es immer mehr um sich, anderen die Schuld zuzuschieben.
hsimpson 07.03.2016
3.
Bei uns an der Uni geht man teilweise so weit, dass man jegliches Uhrentragen bei Prüfungen verbietet - und zwar zurecht. Eigiege Smart-Watches kann man nämlich nur bei sehr genauem Hinsehen von einer normalen Uhr unterscheiden. Sehr nervig, wenn man bei Zeitdruck gerne eine Uhr vor sich hat...
jonashof 07.03.2016
4. Kontext statt Content
Mit universellem Zugang zum Internet und somit dem gesammeltem Wissen der Menschheit ist das schlichte Auswendiglernen und Niederschreiben schon lange keine vernünftige Prüfungsmethode mehr. Das Erkennen von Zusammenhängen und das Finden eines Lösungsweges unter Zuhilfenahme gegebener Informationen wäre wesentlich sinnvoller und wertvoller für den Schüler / Studenten. Aber das wäre zu aufwendig zu prüfen und passt nicht in den antiquierten Lernstil eines immer älter werdenden Lehrerstabs.
marthaimschnee 07.03.2016
5.
Auch hier ist inzwischen nur noch Wettrüsten angesagt. Ich hab jüngst mit einem Kollegen für seine Technikerprüfung geübt, da sind Rechenaufgaben drin, da stellt sich mir als Ingenieur die Frage, ob die noch ganz dicht sind. Ich hab zu einer Zeit studiert, als die ersten grafikfähigen Taschenrechner aufkamen (waren damals in der Prüfung weitestgehend verboten), bei den heutigen Prüfungen, gerade Mathe und Physik, braucht man sowas zwingend, um überhaupt eine Chance zu haben. Da wird auf die technische Entwicklung mit einer Verkomplizierung der Aufgaben gekontert. Stattdessen könnte man auch einfach prüfen, ob das Verständnis für die Lösung da ist, das kann man nämlich nicht herbeimogeln, aber das ist heute ja viel zu aufwendig. Beim Runterbeten von gelernten (und danach gleich wieder vergessenen) Fakten ist Betrügen natürlich heute einfacher denn je.
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