Sommerferien "Lassen Sie Ihre Kinder einfach mal in Ruhe"

Lerncamp, Theaterbesuch, Exkursion: Aufwendige Ferienprogramme gelten vielen Eltern als Garant gegen Langeweile und Leistungsabbau in den Schulferien. Ein Trugschluss, sagt Schulforscher Jörg Siewert.

Ferienbeginn in Baden-Württemberg
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Ferienbeginn in Baden-Württemberg

Ein Interview von


Wenn am Freitag in Bayern die Zeugnisse verteilt werden, gibt es in Deutschland genau eine Woche lang überall Sommerferien. Danach starten drei Länder bereits ins neue Schuljahr: Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Für Eltern sind die sechseinhalb Wochen eine Herausforderung: Sie müssen die Betreuung ihrer Kinder organisieren, fühlen sich vielleicht auch für deren Bespaßung zuständig und stellen deshalb nicht selten aufwendige Ferienprogramme auf die Beine. Müssen sie aber gar nicht, sagt Erziehungswissenschaftler Jörg Siewert.

Zur Person
  • Universität Siegen
    Jörg Siewert ist Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik und Didaktik im Sekundarbereich an der Universität Siegen. Er leitet dort die Arbeitsstelle "Siegener Netzwerk Schulentwicklung (SiNet)".

SPIEGEL ONLINE: Herr Siewert, Sie beschäftigen sich mit Schul- und Unterrichtsforschung. Interessieren die Schulferien Sie überhaupt?

Siewert: Na klar! Ferien sind ein essenzieller Bestandteil des Schuljahres, sie gehören zum Rhythmus des Lernens dazu. Die Sommerferien haben eine wichtige Funktion für die Schüler: Sie können sich erholen. Das ist wie bei einem Garten, den beackern Sie auch im Frühjahr, im Sommer und im Herbst - und lassen ihn im Winter in Ruhe. Schüler brauchen so eine längere Ruhephase ebenfalls, idealerweise im Sommer.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen denn dann die optimalen Ferien aus?

Siewert: Das Wichtigste ist: Eltern und Lehrer sollten den Schülern Zeit lassen, sich zu erholen und einfach mal gar nichts zu tun. Wenn jeder einfach machen kann, was er will, ist das aus motivations- und lerntheoretischer Sicht zweifellos gut.

SPIEGEL ONLINE: Viele Eltern sehen das anders. Sie organisieren Ausflüge, Lerncamps, Museumsbesuche und verplanen die Ferien der Kinder regelrecht, um sie optimal zu fördern und nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Siewert: Der Begriff der Langeweile hat so einen negativen Beigeschmack. Dabei ist Langeweile ja gar nichts Negatives: Sie kann eine sehr bedeutsame Quelle für Kreativität und neue Ideen sein. Es ist für uns Menschen bedeutsam, auch einfach mal längere Zeit nichts zu machen - oder zumindest nichts, was andere für uns entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wo setzt diese Fremdbestimmung denn an? Schon dann, wenn ich meinen Kindern vorschlage: Lass uns mal ins Museum gehen?

Siewert: Solange sie eine echte Wahl haben und das einfach ablehnen können, kein Problem. Ich finde es ja gar nicht falsch, den Kindern und Jugendlichen in den Ferien Angebote zu machen - aber eben immer nur auf freiwilliger Basis. Deshalb sehe ich es auch extrem kritisch, dass es bei Lehrern eine Tendenz gibt, den Kindern immer öfter unscharfe Aufgaben in die Ferien mitzugeben: Schaut euch die Vokabeln ruhig noch mal an! Lest doch mal zwischendurch dieses oder jenes Buch! Das halte ich für absolut falsch.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Siewert: Körper und Geist brauchen einfach Ruhe. Und sie brauchen Zeit für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Ein Beispiel: Mein Sohn ist 18, ihm hat die Deutschlehrerin nahegelegt, in den Ferien den "Faust" zu lesen. So ein Blödsinn! Mal abgesehen davon, dass sich diese spannende Lektüre nicht so einfach erschließt: Wenn er lieber durch Europa fahren und die Welt entdecken will, ist das in den Sommerferien viel wichtiger! Jedes Kind, jeder Jugendliche sollte das selbst entscheiden können. Und dann gibt es vielleicht auch Kinder, die den "Faust" lesen wollen - und das sollte man dann natürlich auch nicht unterdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sommerferien sind mit sechseinhalb Wochen doch sehr lang. Da kann man doch ruhig ein paar Stunden Dinge nachholen, die während des Schuljahres nicht verstanden wurden.

Siewert: Bitte nicht. Kinder brauchen neben der Selbstbestimmung in den Ferien auch Erfolgserlebnisse. Wenn sie während des Schuljahres in einem oder mehreren Fächern keinen Erfolg hatten, dann wäre es kontraproduktiv, diese Themen auch noch in die Ferien mit hineinzuziehen und damit die negativen Gefühle und Erlebnisse zu verlängern. Besser ist es, sie erleben andere positive Dinge - und gehen dann mit gestärktem Selbstbewusstsein in die Schule zurück.

SPIEGEL ONLINE: Sie verlangen von den Eltern viel Gleichmut für die Ferienzeit…

Siewert: Gelassenheit wäre die richtige Haltung. Unsere Forschungen zeigen: In den Ferien geht bei den Kindern nichts kaputt, wenn sie die Schule völlig links liegen lassen. Sie verlieren nicht den Anschluss an ihre Klassenkameraden und versauen sich auch nicht ihre Zukunft. Deshalb: Lassen Sie Ihre Kinder einfach mal in Ruhe.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
klaus.mueller 27.07.2018
1. drei daumen
genau so machen wir das mit den Kleinen , 6 und 7, die Grossen wissen eh was sie wollen.
Lomes 27.07.2018
2. Weltfremd
Und was sagt der Schulforscher, wenn der liebe Kleine (7 Jahre) aus gutem Hause einen großen Garten mit Spielturm und Trampolin zur Verfügung hat und Unmengen Spielzeug in seinem großen Kinderzimmer vorfindet, jedoch am liebsten den ganzen Tag Fernseh schauen oder am Smartphone/PC spielen möchte. Einfach machen lassen? Gut so?
darkk 27.07.2018
3. jup
Ohne meine riesengrossen Freiräume, die ich als Kind geniessen durfte, hätte ich niemals meine überbordende Phantasie ausleben können, hätte erheblich weniger Gruppensozialisation erlernt und niemals dieses herrliche Gefühl von Freiheit geniessen können, wenn nichts Aufgezwungenes anstand. Einen geregelten Rahmen haben mir meine Eltern natürlich gesetzt, was allerdings nichts mit der heutigen Dauerbeschallung durch die Erziehungsberechtigten auf sichhat. Sowas kannten wir nur von sorry "Lehrerkindern", aus denen aber auch nicht mehr wurde, als aus dem Rest von uns.
surry 27.07.2018
4. Richtig !!!
Ich mache in einer Schule ehrenamtlich (=ohne jedwede Bezahlung) Hausaufgabenbetreuung. Die Jungs und Mädel freuen sich auf die Ferien und am ersten Schultag wieder auf den Unterricht. Inzwischen, als in den Ferien, so erzählen sie mir, durften sie machen was sie wollten. Das finden die und auch ich ganz toll: Richtig "arbeiten" und richtig frei haben!!!
nelson76 27.07.2018
5. @Lomes
Und wo liegt jetzt das Problem? Haben Sie als Kind auch mal nichts "produktives" getan? Sorry aber Kinder sind nun mal Geister ihrer Zeit und wenn das ach so tolle Spielzeug eben gerade out ist und "Daddeln" angesagt dann ist es mal eben so. Mensch laßt doch Kinder einfach mal Kinder sein und nicht "Projekte". Die meisten von uns hatten eine einfache Kindheit und das Recht sprechen wir unseren Kindern ab?!
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