Bundesländer Wer hat eigentlich wann warum Sommerferien?

In Bremen und Niedersachsen beginnt bereits wieder die Schule. Im Süden gab es dagegen gerade erst Zeugnisse. Die Verteilung der Sommerferien sorgt regelmäßig für Ärger - und ist interessengesteuert.

Ferien!
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Sommerferien sind in Deutschland ein Politikum. Denn die Schulen verabschieden sich nicht alle gleichzeitig in die Auszeit wie in vielen anderen Ländern - sondern versetzt. Wenn am Donnerstag die ersten Schüler etwa aus Bremen wieder in die Schule gehen, hat die rund sechswöchige Auszeit in Bayern gerade erst angefangen. Das weckt hier und da durchaus Neid, und es geht auch um Geld.

Die Frage, wer wann freimachen darf und wie lange sich die Ferienzeit überhaupt in Deutschland hinziehen soll, ist emotional stark aufgeladen. "Immerhin handelt es sich um die schönste Jahreszeit", sagt Torsten Heil, Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK). "Da geht es um verschiedenste Interessen. Uns erreichen dazu immer wieder Briefe mit Anregungen, teilweise auch Beschwerden."

Denn Fachleute in den Ländern bereiten die Sommerferienregelung vor, die in der KMK dann beraten und beschlossen wird. Die Planung erfolgt mehrere Jahre im Voraus, und zwar nach bestimmten Regeln:

  • Jedes Bundesland soll mindestens sechs Wochen Sommerferien haben.
  • Die 16 Bundesländer sind in fünf Gruppen eingeteilt. Alle Länder einer Gruppe haben zeitgleich Sommerferien. Sie liegen oft geografisch dicht beieinander wie Niedersachsen und Bremen und sind unter anderem wirtschaftlich eng verknüpft.
  • Der erste Sommerferientag fällt nicht in jedem Jahr auf dasselbe Datum, sondern hängt von kirchlichen Feiertagen zu Ostern und Pfingsten ab, die sich wiederum nach dem Mondkalender richten und jedes Jahr anders liegen.
  • Es handelt sich um ein rollierendes System: In diesem Jahr ist etwa die Ländergruppe II als erste in die Ferien gestartet, im nächsten macht eine andere den Anfang.
  • Bayern und Baden-Württemberg bilden eine Ausnahme. Hier beginnen die Sommerferien traditionell immer Ende Juli/Anfang August.


Hauptkritik: Warum dürfen die und wir nicht?

Die Ausnahmeregel für Bayern und Baden-Württemberg wird allerdings im Rest der Republik oft kritisch gesehen. Einige ärgern sich, dass Familien aus dem Süden mit ihren Urlaubsreisen teilweise in die Nebensaison fallen und von günstigen Preisen profitieren, sie selbst aber nicht.

In Bayern und Baden-Württemberg seien mit den späten Ferien aber auch nicht alle zufrieden, sagt Heil, zum Beispiel Skandinavien-Fans, die gern im Juni Mittsommer in Schweden feiern wollten. Aber das sei wegen der späten Ferien unmöglich. Die Regelung habe jedoch einen simplen Grund: Bayern und Baden-Württemberg haben traditionell längere Pfingstferien, und die Sommerferien sollen nicht nahtlos daran anschließen.

82, 85 oder 90 Ferientage?

Dass die Sommerferien in Deutschland überhaupt versetzt anfangen und es wenig Überschneidung zwischen einigen Bundesländern gibt, hat vor allem zwei Gründe:

Man will überfüllte Züge und Autobahnen vermeiden. Verbände wie der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) warnen vor noch schlimmeren Staus in den Sommermonaten, wenn diverse Familien zeitgleich ihre Koffer packen und sich auf die Autobahnen begeben. Der versetzte Ferienstart soll das Problem entzerren.

Außerdem geht es um wirtschaftliche Interessen. Die Tourismusbranche möchte die Ferienzeit im Sommer gerne so weit wie möglich in die Länge ziehen. Derzeit liegt der sogenannte Ferienkorridor bei 82 Tagen. In dieser Zeit haben also immer irgendwelche Schüler in Deutschland zwischen Juni und September frei. Ab 2018 sollen es drei Tage mehr sein: 85.

Dies ist ein Kompromiss, den vor allem tourismusorientierte Länder wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern vor wenigen Jahren mit Vertretern der KMK ausgehandelt haben. Eigentlich sollten es sogar rund 90 Tage werden. Der Deutsche Tourismusverband fordert das bis heute.

Tourismusverband: Je kürzer, desto schlechter

"Wir versuchen seit Jahren, die Kultusministerkonferenz zu überzeugen: Je kürzer der Sommerferienkorridor, desto schlechter für die Gäste und Urlaubsorte", sagt Claudia Gilles, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes. Das Angebot in den Ferienorten werde verknappt, wenn sich die Saison auf weniger Tage verteile.

Auch aus dem Wirtschaftsministerium in Mecklenburg-Vorpommern, das den 85-Tage-Kompromiss als vorsitzendes Bundesland der Wirtschaftsministerkonferenz mit aushandelte, heißt es: Jeder Tag, um den sich die Ferienkorridore verkürzen, koste die Tourismuswirtschaft bis zu 120 Millionen Euro Umsatz - abhängig davon, inwieweit die Nachfrage in Tagesausflüge oder zusätzliche Übernachtungen umgewandelt werden könne.

"In jedem Bundesland geht es darum, die Tourismussaison über das Jahr verteilt bestmöglich auszuschöpfen. Ein breiter Ferienkorridor ist da dringend geboten", sagt Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). "Er sichert Arbeitsplätze, hilft Staus einzuschränken und sorgt für eine gleichmäßigere Auslastung der Tourismuswirtschaft insgesamt."

Wenn die Ferienzeit länger dauert, können Tourismusanbieter unter Umständen allerdings auch die Hauptsaison verlängern - und damit höhere Preise rechtfertigen. Die Ferientermine im Jahr 2019 dürften jedenfalls ganz in ihrem Sinne sein: Da schließt das Ende der Pfingstferien in Bayern direkt an die Sommerferien etwa in Berlin an. So ergibt sich sogar ein Ferienkorridor von 95 Tagen.

"Pädagogische Gründe haben Vorrang"

Das ist Zufall, denn allzu weit wollen die Kultusminister den Forderungen der Tourismusbranche nach eigenen Angaben nicht nachgeben: "Pädagogische und schulorganisatorische Gründe stehen für uns klar im Vordergrund", sagt Heil.

Folgende Kriterien sind bei der Ferienplanung der KMK zufolge entscheidend:

  • Die Schuljahre sollen in etwa gleich lang sein.
  • Die Schulhalbjahre sollen auch gleich lang sein, unter anderem mit Blick auf Notengebung und Zeugnisse.
  • Es soll einen sinnvollen Rhythmus von Unterricht und Erholung/Auszeit geben.
  • Prüfungsabläufe sollen gesichert sein.
  • Es soll genug Zeit für Projekte, Klassenfahrten und Sportwettkämpfe bleiben.

Drei bis vier Jahre im Voraus legt die KMK die Termine für die Sommerferien in der Regel fest. Auf dieser Grundlage dürfen die Bundesländer dann jeweils ihre "kleinen Ferien" etwa zu Ostern oder Weihnachten planen, in Eigenregie.

Mit Material von dpa



insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
hj.binder@t-online.de 03.08.2017
1. BW und Bayern
haben die Bauernverbände immer noch das Sagen. Es geht um die Arbeitskraft der Kinder und Jugendlichen in den Pfingstferien (Heu) und den späten Sommerferien (Ernte). In der Regel gibt es kaum Kinder und Jugendliche auf dem Land, die etwa in einem Ferienlager oder Urlaub waren. Selbstverständlich wird dies nicht Kinderarbeit genannt, es sind ja Familienbetriebe und die sind genauso heilig wie die Familie.
dolfi 03.08.2017
2. Erntezeit
In Bayern mussten die Kinder im August bei der Ernte helfen. Das war in den Anfangstagen des Freistaats mit ein Grund, warum die Sommerferien so spät gestartet sind. Also nicht die Erholung von der Schule, sondern die Mitarbeit auf dem Hof war ausschlaggebend. Und Traditionen sind halt wie alte Unterhemden. Irgendwann bleiben sie mal kleben.
observerlbg 03.08.2017
3. Interessant....
dass sich "privilegierte" Länder wie Bayern und Baden-Würtenberg weitere Privilegien erkämpfen. Privilegiert? Mehr Feiertage, besseres Klima, bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Noch Fragen?
kitcat 03.08.2017
4.
Es wäre interessant gewesen, wenn der Artikel die Erfahrung anderer Länder beleuchtet, die einheitlich in die Sommerferien gehen. Leidet dort die Tourismusbranche übermäßig und sind Straßen und andere Verkehrsmittel unerträglich überfüllt, weil das ganze Land sich in der Sommerferienzeit befindet. Schade finde ich an der deutschen Regelung vor allem, dass gemeinsame Reisen befreundeter Familien bzw. Kinder aus unterschiedlichen BL bzw. Gruppen schier unmöglich sind.
RalfWenzel 03.08.2017
5. Ist das immer noch so?
Ich vermag mir das kaum vorzustellen.
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