Sexy Deutschprüfung in Neuseeland Songtext schockiert Schüler

Ausgerechnet über ein Lied der harmlosen A-cappella-Band Wise Guys regen sich Lehrer in Neuseeland auf. Ein Text der Truppe sollte bei einem landesweiten Deutschtest interpretiert werden - doch vielerorts verzweifelten die Schüler an den Zeilen.

A-cappella-Formation Wise Guys: "Wir brauchen 'nen Skandal"
DPA

A-cappella-Formation Wise Guys: "Wir brauchen 'nen Skandal"


Da haben einige Schüler in Neuseeland aber etwas gehörig missverstanden: Nicht die provokanten Texte von deutschen Musik-Exporten wie Rammstein gelten hier als anstößig, sondern ausgerechnet ein Lied der familienfreundlichen Gruppe Wise Guys wurde in einer Deutschprüfung zum Problem.

Bei einem landesweiten Test zum Erwerb eines deutschen Sprachzertifikats bekamen die Schüler die Aufgabe gestellt, den Liedtext des Songs "Relativ" der Kölner Band zu interpretieren. Viel zu sexy, urteilten danach die 16 bis 17 Jahre alten Schüler, auch die Lehrer waren angeblich entsetzt.

Im Lied heißt es unter anderem: "Du bist netter als mein Nachbar. Und ich nehme an, im Bett wär mit dir relativ viel machbar." Das war offenbar schon zu viel für die Ohren der Schüler. Einige seien so perplex gewesen, dass sie unter Tränen die Prüfung verlassen mussten. Andere hätten nur ungläubig gelacht, berichtete ein neuseeländisches Nachrichtenportal.

Der Song sei auf Grund seiner sexuellen Anspielungen und schwer verständlichen Wortspiele für die Schüler ungeeignet und völlig unangemessen gewesen, sagte ein Deutschlehrer der Website stuff.co.nz. Er und seine Kollegen seien darauf nicht vorbereitet gewesen. Auch nach mehrmaligem Hören sei es schwierig zu erläutern, worum es in dem Lied gehe.

Vielleicht die Beschreibung einer Striptease-Tänzerin

An anderer Stelle heißt es: "Es ist relativ gigantisch, wie du manchmal strahlen kannst / Mir wird relativ heiß, wenn ich sehe, wie du tanzt." Daraufhin seien einige Schüler der Meinung gewesen, es müsse sich hier um die Beschreibung einer Striptease-Tänzerin handeln. Ein Lehrer sagte dem Bericht zufolge, die Aufnahme habe sich außerdem angehört, als sei sie in einem Goldfischglas produziert worden.

Richard Thornton, stellvertretender Vorsitzender der zuständigen Schulbehörde in Neuseeland, verteidigte die Auswahl des Lieds. Es sei ausgesucht worden, weil es darin um gesellschaftlich relevante Themen gehe, die auch Schüler interessierten. "Die Aufnahmen sind professionell gemacht und die Texte klar zu verstehen", sagt Thornton. Alles sei korrekt abgelaufen.

Die Wise Guys zeigen sich von dem Rummel in Neuseeland verblüfft: "Ich hatte mit dem Songtext nicht die Absicht, Schülern in Neuseeland die Tränen in die Augen zu treiben" sagte Sänger und Texter Daniel Dickopf SPIEGEL ONLINE. Der Song sei bereits vor vier Jahren auf dem Album "Frei!" erschienen und auf Konzerten sehr beliebt. Noch nie habe sich jemand über zu explizite Texte der Vokal-Pop-Gruppe beschwert.

Die Idee zum Lied kam Dickopf während einer Unterhaltung, in der oft das Wort "relativ" benutzt wurde. Dies werde im Song auf die Schippe genommen. Um Sex geht es in dem Lied nur am Rande. "Als ich das alles gehört habe, musste ich aber schon etwas grinsen", sagte Dickopf. Die Gruppe, die unter anderem schon den Titelsong für den evangelischen Kirchentag gesungen hat, ist bisher weniger für ein provokantes Image bekannt.

Im Gegenteil: Die Musiktexte der Kölner Wise Guys werden regelmäßig von Deutschlehrern im Unterricht verwendet, das Goethe-Institut schickte das Quintett im Jahr 2002 sogar auf eine Nordamerika-Tour. "Wenn es Kritik gibt, dann hieß es bisher immer, unsere Lieder seien zu lieb und zu harmlos", sagte Dickopf.

Über ihren Nimbus als Chorknaben verfasste der Sänger sogar ein eigenes Lied. Darin heißt es: "Wir haben leider nix von Rambo, Rammstein oder Ballermann / Sind noch nicht mal böse Onkels, nur die Jungs von nebenan (...) Wir brauchen 'nen Skandal, brutal, 'ne Schlagzeile in 'Bild' wär' optimal." Immerhin, das mit der Schlagzeile hat mit einiger Verspätung nun endlich geklappt.

jon/dpa

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insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Peter_Lublewski 19.11.2012
1. Puritaner
""Du bist netter als mein Nachbar. Und ich nehme an, im Bett wär mit dir relativ viel machbar." Das war offenbar schon zu viel für die Ohren der Schüler. Einige seien so perplex gewesen, dass sie unter Tränen die Prüfung verlassen mussten." Etwas zu heftige puritanische Erziehung?
mikohl 19.11.2012
2. Interkulturelle Schwierigkeiten?
Nun liegt ja Neuseeland gleich neben Australien. Und mit dem Songtext der australischen Capelle AC/DC "Big Balls" habe ich auch so meine Verständnisprobleme, was möglicherweise an der Verwendung von Wortspielen liegen könnte. Ich bin mir da aber nicht so sicher. Und liebe Kiwis: Laßt die Schafe in Ruhe... ...grasen!
braamsery 19.11.2012
3. Wie geil ist das denn :D
Ich hab vieles gehört, aber das noch nicht. Wobei man den Lehrern schon einen Vorwurf machen muss. Für Menschen die deutsch nur nebenbei lernen und nicht mit vielen deutschen geredet haben, ist es schwer zu erkennen wie wir das Wort relativ gebrauchen. Z.B. benutzen Amerikaner meiner Erfahrung nach nicht so wie wir in absolut jedem Zusammenhang. Und wenn man den Text selber nicht relativ betrachtet oder als Spaß-Text was nunmal das Auftreten der Wise Guys ist, kann man das Missverstehen. Dabei gäbe es andere Texte die einfacher gewesen wären, aber nicht uninteressanter sind.
barlog 19.11.2012
4.
Witzig ! Es gehört wirklich viel Vorstellungskraft dazu, sich auszumalen, daß man in Neuseeland über so ein paar verschwurbelte Zeilen eher in Tränen ausbricht als über dumpf Gegrunztes von Rammstein. PS.: Ich nehme übrigens an, daß die "unter Tränen die Prüfung verlassenden Schüler" die übliche journalistische Übertreibung einer, wahrscheinlich einzelnen, an diesem Tag aus irgendwelchen anderen Gründen verstörten, Schülerin waren.
noxpert 19.11.2012
5. Mir kamen auch fast die Tränen bei dem Song...
...nur aus anderen Gründen. :-) Allerdings finde ich wegen des speziell deutschen Humors es auch nicht glücklich gewählt. Denn: "reden heisst nicht sagen und hören nicht verstehen" Das wussten schon die Rodgaus.
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