Sorgerechtsstreit Gericht stoppt Solo-Seglerin Laura

Der Gegenwind für Laura Dekker, 13, ist zu stark. Die Holländerin darf vorerst nicht zum Rekordversuch als jüngste Weltumseglerin starten. Für zwei Monate kommt sie in staatliche Obhut, entschieden Richter. Auch Neuseeland und Großbritannien wollen das Mädchen nicht vor den Küsten sehen.

dpa

Die 13-jährige Holländerin Laura Dekker darf vorerst nicht allein zu einer Weltumseglung aufbrechen. Ein Familiengericht im holländischen Utrecht setzte am Freitag das Sorgerecht der Eltern für Laura zunächst für zwei Monate aus. Die Eltern unterstützen die Schülerin bei ihrem Vorhaben, einen Weltrekord als jüngste Weltumseglerin aufzustellen.

Das Mädchen darf zwar weiter bei ihrem Vater wohnen, allerdings geht das Sorgerecht auf die Behörden über. Während der Zweimonatsfrist solle ein Kinderpsychologe klären, ob Laura in der Lage ist, alleine eine Weltumseglung zu überstehen, sagte die Vorsitzende Richterin des Familiengerichts am Freitag. Sie ergänzte, dass Laura bei ihrem eindeutig riskanten Unterfangen "schwierige Situationen und körperliche und psychische Strapazen" aushalten müsse.

Bei der Entscheidung am Freitag war Hollands "Meernixe" nicht im Saal, sondern mit ihrer Yacht "Guppy" auf dem Wasser unterwegs. Ihr Vater Dick Dekker, der als einziges Familienmitglied vor Gericht anwesend war, äußerte sich nicht zum Urteil. Mit sichtlichem Unmut hatte das Mädchen allerdings in den letzten Tagen den Sorgerechtsprozess gegen ihre Eltern kommentiert: "13 Jahre lang haben sie gut für mich gesorgt, und nun sollen sie nicht mehr in der Lage sein, mich zu erziehen", schimpfte sie vor Reportern. Laura ist sicher: "Ich weiß, was ich tue."

Genau das aber ist umstritten. Die Pläne der Dekkers schlagen hohe Wellen, nicht nur in der alten, stolzen Seefahrernation Niederlande, auch in den Medien weltweit. Dabei mischen sich ganz verschiedene Aspekte: Umstritten ist vor allem, wer letztlich die Entscheidung treffen darf - ein Mädchen, die Eltern, der Staat? Haben Behörden möglicherweise das Recht oder gar die Pflicht, ein Kind vor allzu verwegenen Plänen zu schützen? Welche Rolle spielt Rekord-Ehrgeiz bei der Weltumseglung? Ist es sinnvoll, wenn eine 13-Jährige zwei Jahre lang mit der Schule aussetzt? Ist sie in der Lage, sowohl die körperlichen Strapazen als auch den psychischen Druck über einen langen Zeitraum unbeschadet auszuhalten? Und nicht zuletzt: Kann eine 13-Jährige alle Risiken wirklich überblicken?

"Die See ist größer als ein Teenager"

Darüber diskutieren auch SPIEGEL-ONLINE-Leser intensiv im Forum. Einer, der selbst viele Seemeilen auf der Uhr hat, formulierte es bündig so: "Die See ist größer als ein Teenager."

Für die niederländische Behörde für Kinder- und Jugendschutz ging es vor allem um ein Problem: Sie wollte den Eltern das Sorgerecht nehmen, weil sie wegen des auf zwei Jahre angelegten Törns das Recht auf normale Entwicklung des Mädchens gefährdet sehen. Das Bildungsministerium in Den Haag hatte sich zudem geweigert, Laura vom Schulunterricht freizustellen.

Zunächst bis zum 30. Oktober steht Laura nun unter der Aufsicht des Jugendamtes sowie einer Amsterdamer Kinderpsychologin. Die Richterin wies einen Antrag der Behörde für Kinder- und Jugendschutz zurück, den Eltern die Vormundschaft über Laura generell zu entziehen. Auch die beantragte Einweisung der passionierten Seglerin in ein Kinderheim lehnte sie ab.

Die Richterin schränkte aber das Sorgerecht der Eltern so ein, dass sie Laura bis zu einem anderslautenden Gerichtsbeschluss auf keinen Fall gestatten dürfen, zur Weltumseglung aufzubrechen. Der Start war für den 1. September geplant. Sollten sie dies dennoch tun, so machte die Richterin klar, würden sie die Aberkennung ihrer elterlichen Rechte riskieren. Dies gelte auch, wenn sie nicht bei der psychologischen Untersuchung und Begutachtung Lauras kooperieren.

Auch Briten und Neuseeländer würden den Rekordversuch stoppen

Mehrfach verwies die Richterin indes darauf, dass Lauras geschiedenen Eltern kein Vorwurf gemacht wird, "nur weil sie den innigen Wunsch ihrer Tochter unterstützen". Sie seien keine verantwortungslosen Leute, die ihr Kind vernachlässigen. Allerdings muss Lauras Vater Dick Dekker - er selbst war schon als Zwölfjähriger in einem selbstgebauten Boot allein auf holländischen Gewässern unterwegs - dem Gericht noch genau erklären, welche Sicherheitsvorkehrungen es für Lauras große Seereise geben würde.

Den vorläufigen Stopp begründete das Gericht in Utrecht damit, dass ein zweijähriger Solo-Törn "Lauras seelischen und geistigen Belange sowie ihre Gesundheit ernsthaft bedrohen würde". Jeder Mensch werde auf so einer Reise mit Gefahren konfrontiert, darunter schwere Stürme und langanhaltende Flauten, bedrückende Einsamkeit und das Fehlen von Schlaf. Beim gegenwärtigen Stand könne Lauras Entwicklung während einer so langen Alleinfahrt durchaus gefährdet sein.

Die dafür vom Gericht bestellte Kinderpsychologin soll bis Mitte Oktober einen umfassenden Bericht über "Lauras Persönlichkeit, ihre psychischen Kapazitäten und ihre Entwicklung" vorlegen. Davon wird wesentlich abhängen, ob das Gericht am 26. Oktober eventuell doch noch grünes Licht für Lauras abenteuerliche Weltumseglung gibt.

Zum nächstmöglichen Starttermin wäre das Mädchen 14 Jahre alt. Sie könnte ihre auf zwei Jahre angelegte Weltumrundung als 16-Jährige abschließen - und damit immer noch ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. Von einer Auswanderung nach Neuseeland, wo Laura während einer Weltreise ihrer Eltern auf einem Segelboot zur Welt kam, ist keine Rede mehr.

Bereits kurz vor der Entscheidung des Gerichts hatten Behörden in Neuseeland dem Mädchen ebenfalls eine Absage für seine Weltrekord-Pläne erteilt. Auch dort könne die junge Seglerin nicht einfach allein in See stechen, berichtete die Zeitung "de Volkskrant" am Freitag. "Laura muss hier mit derselben Behandlung durch die Kinderschutzbehörde rechnen wie in den Niederlanden", teilte eine zuständige neuseeländische Behörde mit.

Schon vorher von Polizei angehalten

Laura Dekker wurde während einer Weltreise ihrer Eltern in Neuseeland auf einem Segelboot geboren. Sie soll daher auch einen neuseeländischen Pass besitzen. Lauras Vater Dick Dekker hatte im Vorfeld der Gerichtsentscheidung erklärt, er werde mit seiner Tochter nach Neuseeland auswandern, falls sie in den Niederlanden keine Erlaubnis bekäme, als jüngster Mensch allein die Welt zu umsegeln. Zumindest dieser Umweg scheint nun versperrt.

Auch die deutsche Staatsbürgerschaft, die Laura ihrer deutschen Mutter verdankt, würde ihr kaum helfen: Wie in den Niederlanden gilt auch in Deutschland bei 13-Jährigen die Schulpflicht. Laura selbst sieht in Deutschland offenbar keine Chance, zum Rekordversuch starten zu dürfen. Während der Vater voll hinter der Weltumseglung steht, unterstützt die Mutter ihn nach holländischen Medienberichten nur verhalten und vor allem deshalb, weil sie fürchtet, sonst den Kontakt zu ihrer Tochter zu verlieren. Die Eltern sind geschieden.

Wegen ihrer wagemutigen Segeltörns hatte Laura Dekker schon früher Schwierigkeiten mit den Behörden. In England war sie im Frühjahr von der Polizei im Hafen von Lowestoft gestellt und in ein Kinderheim gebracht worden. Der Aufforderung, seine Tochter abzuholen, kam Vater Dick Dekker nicht nach und ließ Laura allein von England zurück nach Holland segeln.

Britische Behörden ließen wissen, sie würden das Mädchen nicht weiterfahren lassen, sollte sie auf ihrem Weg um die Welt einen britischen Hafen anlaufen. Großbritannien liegt allerdings nicht auf ihrem geplanten Kurs. Auch in ihrer holländischen Heimat wurde Laura bereits mehrmals von der Polizei beim Solo-Segeln gestoppt, durfte aber stets weitersegeln, schrieb "de Volkskrant". Dekkers Rechtsanwalt Peter de Lange bestätigte das - "daraus entstanden aber keine weiteren Probleme, denn sie hat ja nichts getan, was illegal wäre".

Ein Rekord, viele Jäger

Der Rekord, den Laura unbedingt brechen will, hatte erst gestern der Brite Mike Perham unterboten - der 17-Jährige schaffte eine Weltumseglung und ist wenige Monate jünger als der bisherige Rekordhalter Zac Sunderland. Nach einer Reihe von Problemen und Pannen, darunter Ausfälle des Autopiloten und Reparaturen, für die er in Portugal, Gran Canaria und Kapstadt pausieren musste, erreichte Mike nach nur 286 Tagen heimische Gewässer. Am Ärmelkanal empfing ihn das Kriegsschiff "HMS Mersey". "Ich habe es geschafft, ich habe meinen Traum erfüllt, das ist großartig", sagte er.

Der bisherige Rekordhalter Zac Sunderland aus Kalifornien hatte bei seiner Rekordjagd die Welt in 400 Tagen umrundet. Die Konkurrenz schläft nie. So droht auch dem frischgebackenen Rekordhalter Konkurrenz just aus der Familie des Rivalen Sunderland, den er mit seiner Rekordfahrt vom Thron stieß, denn: Zacs Schwester Abby Sunderland plant ebenfalls eine Weltumsegelung. Sie ist erst 15 und wird Mitte Oktober 16. Wenn alles klappt wie geplant, will Abby vom Hafen Marina del Rey nahe Los Angeles aus im November starten. Ihr Ziel: Sie will die Reise um die Welt nonstop und ohne Hilfe schaffen.

Auch Jessica Watson, geboren im Mai 1993, will im September die Segel setzen, sofern es ihrer Familie gelingt, genug Geld für die Ausstattung ihrer zehn Meter langen Yacht aufzutreiben. Für die rund 22.000 Seemeilen plant die 16-jährige australische Schülerin nur sieben bis acht Monate ein. Ihre Route soll ausschließlich über die Südhalbkugel führen, vorbei an Kap Hoorn an der Spitze Feuerlands und am Kap der guten Hoffnung im Süden Afrikas. Auch in Australien gab es Ärger um den Plan: Ein Verband zur Wahrung der Familienwerte warf den Eltern vor, die Tochter bei ihren gefährlichen Ambitionen auch noch zu unterstützen.

cht/jol; dpa/AP

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Seite 1
Hador, 28.08.2009
1.
Zitat von sysopDer Gegenwind für Laura Dekker, 13, ist zu stark. Die Holländerin darf vorerst nicht zum Rekordversuch als jüngste Weltumseglerin starten. Für zwei Monate kommt sie in staatliche Obhut, entschieden Richter. Auch Neuseeland und Großbritannien wollen das Mädchen nicht vor den Küsten sehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,645563,00.html
Also zuallerest mal: Das Mädchen kommt NICHT in staatliche Obhut und die Eltern haben auch NICHT das Sorgerecht verloren. Richtig ist, zumindest laut ausführlichem Radiobericht im WDR vorher, dass die Eltern sich jetzt das Sorgerecht für mindestens 2 Monate mit einem staatlich bestimmten Vormund teilen müssen. Das heisst lediglich, dass die Eltern BESTIMMTE Entscheidungen erst nach Rücksprache mit dem Vormund treffen können. Ein kompletter Sorgerechsentzug oder eine Unterbringung in staatlicher Obhut ist etwas komplett anderes.
TheNameless 28.08.2009
2. lächerlich
Also das wird doch mittlerweile echt lächerlich. Ist irgendjemand von Ihnen schonmal alleine über den Englischen Kanal gesegelt? Nein? Dann ziehen lassen und Schnauze halten. Ständig diese besserwisserische Meinung über alles und jeden. Ich glaub das Mädel wird auf 2 Jahren Weltumsegelung mehr lernen als irgend ein anderer Schüler in den Niederlanden. Und tun wir nicht so als ob sie die Schule nicht nachholen könnte... gibt doch genügend Haupt- und Realschüler hier in Deutschland. Abendschulen gibt's übrigens auch in den Niederlanden. Daran dürfte es sicher nicht liegen. Bei der Diskussion geht es doch mittlerweile einfach nur darum Recht zu behalten. Da frag ich mich echt was das irgendjemanden auch nur im Entferntesten angeht? Wir tun ja grade so als ob das Mädel 20000 Menschen umbringen würde. Also wirklich. Vollkommen übertrieben diese Debate. Lasst sie ihre Fehler selber machen - ständig nur alles verbieten wollen geht nicht.
Bhur Yham, 28.08.2009
3. In staatliche Obhut...
Zitat von sysopDer Gegenwind für Laura Dekker, 13, ist zu stark. Die Holländerin darf vorerst nicht zum Rekordversuch als jüngste Weltumseglerin starten. Für zwei Monate kommt sie in staatliche Obhut, entschieden Richter. Auch Neuseeland und Großbritannien wollen das Mädchen nicht vor den Küsten sehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,645563,00.html
klingt gut. Vielleicht sollte sie sich in staatlicher Obhut ein Kind machen lassen, das ist wenigstens nicht verboten und dürfte auch einen Verband zur Wahrung der Familienwerte milde stimmen. Irgendwie Mittelalter.
Easyrider1958, 28.08.2009
4. Weise und richtige Entscheidung des Gerichts...
Zitat von sysopDer Gegenwind für Laura Dekker, 13, ist zu stark. Die Holländerin darf vorerst nicht zum Rekordversuch als jüngste Weltumseglerin starten. Für zwei Monate kommt sie in staatliche Obhut, entschieden Richter. Auch Neuseeland und Großbritannien wollen das Mädchen nicht vor den Küsten sehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,645563,00.html
ständig und überall wird zurecht auf den besonderen Schutz hingewiesen, den Kinder und Jugendliche für Ihre Entwicklung benötigen, und dann will eine 13 Jährige die Welt umsegeln? Bei aller Liebe, aber das würde alle Bemühungen konterkarieren, wenn Sie dieses erwachsene Abenteuer gestattet hätten, wo ist dann ein Kind mit 13 noch Kind? Gruß Randolf Treutler
medienquadrat, 28.08.2009
5. ...
als ich 13 war, habe ich eine scharfe Handgranate aus dem 2. Weltkrieg gefunden. Hätten mir meine Eltern erlaubt, die zu behalten, mich womöglich noch darin bestärkt, dass ich damit experimentiere, wäre ich wohl nicht mehr da. Aber meine Eltern waren verantwortungsbewusst, haben mir das Ding weggenommen und die örtlichen Feuerwehr angerufen. Es gibt also noch Eltern, die ihre Kinder daran hindern, Selbstmord zu begehen. Alle anderen Eltern könnte man vielleicht in ein kleines Boot setzen und sie zwingen, die Erde zu umrunden.
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