Spaniens verschärfte Religionslehre "Der Mensch kann ohne Gott nicht glücklich werden"

In Spaniens neuem Lehrplan für katholische Religionslehre werden Abtreibung und Sterbehilfe ausgeklammert, andere Weltreligionen sind kein Thema mehr. Kritiker werfen dem Staat vor, sich der Kirche zu unterwerfen.

Klasse in Burgos (Archiv): Umstrittener Unterricht unterm christlichen Kreuz
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Klasse in Burgos (Archiv): Umstrittener Unterricht unterm christlichen Kreuz


"Der Kosmos hat einen göttlichen Ursprung", heißt es im neuen spanischen Lehrplan für den Religionsunterricht, oder "Der Mensch ist auf sich allein gestellt und kann ohne Gott nicht glücklich werden". Die Zeitung "El País" berichtet, andere Religionen als das Christentum würden zudem nicht mehr behandelt, Themen wie Abtreibung und Euthanasie seien auch nicht mehr vorgesehen.

Die Verordnung der konservativen Regierung zum Fach Religion, die das Amtsblatt "Boletín Oficial del Estado" Ende Februar veröffentlicht hatte, hat in Spanien zu Protesten geführt.

"Der Staat unterwirft sich der katholischen Kirche", heißt es von den Sozialisten, die in der konservativen Regierung von Mariano Rajoy die Opposition bilden. Der Theologe und Kirchenkritiker Juan José Tamayo sagte: "Die Inhalte des Religionsunterrichts weisen einen Trend zum Fundamentalismus auf." Die Zeitung "El Periódico" bezeichnete das Konzept als "völlig veraltet". Und sogar die Gewerkschaft der Religionslehrer kritisierte, die Kinder würden in unzulässiger Weise indoktriniert.

Das Fach Religion wurde aufgewertet

Bildungsminister José Ignacio Wert wies jede Verantwortung von sich. Er habe die Verordnung lediglich ins Amtsblatt gestellt. Die katholische Kirche bestimmt, was im Fach Religion an den spanischen Schulen unterrichtet wird. So sieht es das Konkordat zwischen Spanien und dem Vatikan aus dem Jahr 1979 vor. Allerdings hatte die Regierung das Fach vor mehr als einem Jahr in einer Bildungsreform stark aufgewertet: Religion ist seitdem ein Hauptfach und die Noten zählen so viel wie die für Mathematik, Spanisch oder Englisch.

Die Regierung will durch die Aufwertung des Unterrichts mehr Schüler dazu bewegen, Religion zu belegen. In den vergangenen Jahren hatten immer weniger Schüler das Fach gewählt. Nach einem Bericht des Radiosenders Cadena Ser sank der Anteil der Grundschüler, die sich für das Fach Religion entschieden, von 79 auf 65 Prozent. An weiterführenden Schulen ging der Anteil von 56 Prozent auf 38 Prozent zurück.

Experten meinten allerdings, dass damit auch das Gegenteil bewirkt werden könnte. Nach Umfragen sei die große Mehrheit der jungen Leute in Spanien der Meinung, dass die Religion in den Bereich der Privatsphäre gehöre, sagte der Soziologe Juan González-Anleo. Einige Familien und Schüler könnten die Reform als eine Bevorzugung der Kirche sehen und in einer Gegenreaktion das Fach Religion abwählen.

Die Regierung schaffte das Fach Staatsbürgerkunde ersatzlos ab

Schulen müssen Religionsunterricht anbieten, es ist aber kein Pflichtfach für Schüler. Als Alternative können sie das Fach "soziale und bürgerliche Werte" wählen. Die von den Sozialisten eingeführte Staatsbürgerkunde, die etwa das Thema gleichgeschlechtliche Ehen behandelte, schaffte die Regierung ersatzlos ab.

In der Region Katalonien empfahl der Elternverband Fapac, aus Protest gegen die von der Bischofskonferenz erstellten Lehrpläne den Religionsunterricht zu boykottieren und das Alternativfach "soziale und bürgerliche Werte" zu wählen.

Die katholische Kirche wies die Kritik gegen die Lehrpläne zurück. "Die Angriffe sind ein Versuch, die Kirche im öffentlichen Leben an den Rand zu drängen", sagte José Miguel García, Direktor des Sekretariats der Bischofskonferenz, der Zeitung "ABC".

Hubert Kahl/dpa/kha



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insgesamt 94 Beiträge
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Eduschu 17.03.2015
1. Religion
Wo ist das Problem? Führt Ethik ein, da könnt ihr lehren was ihr wollt. In einem konfessionellen Unterricht soll ausschließlich über die Konfession gesprochen werden? Überraschung.
keksguru 17.03.2015
2. kulturelle Identität...
kaum ein Land ist so katholisch wie Spanien oder Italien. Das mußte ja so kommen :-)
Lexington67 17.03.2015
3.
"Die katholische Kirche wies die Kritik gegen die Lehrpläne zurück. "Die Angriffe sind ein Versuch, die Kirche im öffentlichen Leben an den Rand zu drängen", sagte José Miguel García, Direktor des Sekretariats der Bischofskonferenz, der Zeitung "ABC". " Das ist auch richtig so, denn da gehört sie hin. Man schaue sich nur die Reaktionen auf den Vorstoss der AsF Schleswig Holstein (SPD) an, Kirche und Staat wirksam voneinander zu trennen. Am Ende ist es die Angst die ungerechtfertigten Privilegien zu verlieren.
h-i-2224 17.03.2015
4. Die Rechristianisierung Europas ist Programm der KK
spätestens seit dem Papstbesuch des Alten in London 2010, zu dem der deutsche Papst die Atheisten für die menschlichen Verwerfungen und Gräuel des letzten Jahrhunderts verantwortlich gemacht hatte, wurde zur Rechristianisierung Europas aufgerufen. Aber das der Papst ausgerechnet die Atheisten, welche zuallererst im 3.Reich neben Gewerkschaftern, Kommunisten, Sozialisten, Freidenkern etc. von den christlich-katholischen Faschisten in die KZ gesteckt wurden, für die Gräuel der Christen vor allem im 2.WK verantwortlich gemacht hat, ist mehr als nur eine Lüge. Es ist ein eiskaltes Denken und Handeln der Macht der Christen willen, gegenüber allen Andersdenkenden. Das Vergeben im christlichen Gebrauch sofort mit Vergessen einhergeht, kann man auch daran erkennen, dass der Papst wohl "vergessen" hat, dass es die Katholische Kirche gewesen ist, welche Hitler den Weg zur Macht geebnet hatte und auch nach dem 2.WK den NS-Verbrechern bei der Flucht hilfreich zur Seite gestanden hatte.
großwolke 17.03.2015
5.
Der Artikeltext relativiert die Überschrift doch sehr stark. In irgendeinem Interview mit einem hochrangigen katholischen Geistlichen, ich glaube zum Thema Piusbruderschaft, äußerte dieser den Standpunkt, dass ihm eine kleine, aber dafür strenggläubige Kirche lieber wäre als eine, in der keiner mehr zu wissen scheint, was das Wort "Dogma" bedeutet. Diese bildungspolitische Maßnahme scheint mir in genau diese Richtung zu gehen. Es muss keiner mitmachen, aber wenn man mitmacht, dann gibt es nur das volle Programm. Trotzdem verstärkt das Thema meine Grundangst gegenüber Religion im Allgemeinen. Wohin man schaut, die Religiösen werden ernster, weniger kompromissbereit. Egal ob das jetzt Christen oder Muslime sind, oder, wenn man nach Israel schaut, die Juden. Ich hoffe wirklich, dass ich nicht noch zu meinen Lebzeiten erleben muss, wie ich für meine vollkommene Gottlosigkeit (nichts anderes ist ja Atheismus) von irgendeiner Seite angefeindet werde.
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