Uni-Prekariat Weniger Zeitverträge für Doktoranden

Bessere Arbeitsbedingungen für Nachwuchsforscher sind endlich in Sicht: Befristete Verträge sollen sich künftig an der Dauer der Promotion orientieren.

Befristet spritzen: Union und SPD wollen die Hire-and-fire-Politik an den Hochschulen beenden
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Befristet spritzen: Union und SPD wollen die Hire-and-fire-Politik an den Hochschulen beenden

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Wissenschaft ist ein Knochenjob, gerade für den Nachwuchs: Doktoranden in Deutschland hangeln sich nicht selten von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Grund dafür ist ein spezielles Gesetz, das Hochschulen weitaus großzügigere Befristungsregeln einräumt als etwa Arbeitgebern in der Wirtschaft: das Wissenschaftszeitvertragsgesetz.

Die Idee dahinter: Ein Doktorand braucht für eine vielleicht dreijährige Promotion nicht unbedingt eine unbefristete Festanstellung, also muss es für ihn auch ein anderes Arbeitsrecht geben. Doch seit das Gesetz vor sieben Jahren eingeführt wurde, hat sich an manchen Hochschulen eine regelrechte Hire-and-fire-Politik etabliert. Mehr als die Hälfte der Doktoranden hat einen Vertrag mit einer Laufzeit unter einem Jahr, wie eine Evaluation des Gesetzes 2011 festhielt.

Nun sollen die Wildwest-Zustände auf dem Uni-Arbeitsmarkt zumindest ein wenig eingehegt werden: Die Große Koalition in Berlin hat sich nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen auf Eckpunkte für eine Reform geeinigt. Sie sollen in der kommenden Woche von den Fraktionen beschlossen werden. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) soll mit diesem Beschluss für den Herbst einen Gesetzesentwurf ausarbeiten.

Auf folgende Punkte verständigte sich die Berliner Regierungskoalition:

  • Die Verträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern sollen sich künftig an dem "für die Qualifizierung vorliegenden Zeitbedarf" orientieren. Das heißt: Wenn für eine Promotion drei Jahre angesetzt sind, sollte ein Doktorand keinen Vertrag mit einer kürzeren Laufzeit erhalten. Bei sogenannten Drittmittelstellen soll sich die Vertragsdauer an der Laufzeit des Forschungsprojektes orientieren, für das die Hochschule Gelder eingeworben hat.
  • Ultra-Kurzzeit-Verträge darf es weiterhin geben - allerdings soll es dafür "gute Gründe" geben, wie das Eckpunktepapier festhält. Ist ein Doktorand etwa nach seinem Drei-Jahres-Vertrag noch nicht ganz fertig mit seiner Dissertation, kann er einen Kurzvertrag bekommen, um sie zu Ende zu schreiben.
  • Der Vertrag verlängert sich entsprechend, wenn ein Wissenschaftler beispielsweise während der Promotion in Elternzeit geht oder Angehörige pflegen muss.
  • Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter soll nur dann befristet angestellt werden dürfen, wenn "die Qualifizierung ausdrücklich als Teil des Arbeitsverhältnisses vereinbart ist", heißt es in den Eckpunkten. Das heißt: Ein Nachwuchsforscher soll auch während seiner Arbeitszeit an der Universität an seiner Dissertation arbeiten dürfen.
  • Die vergleichsweise lockeren Befristungsregeln gelten künftig allein für das wissenschaftliche Personal einer Hochschule oder Forschungseinrichtungen. Für nichtwissenschaftliche Mitarbeiter sollen Befristungsregeln wie für Beschäftigte in anderen Betrieben gelten.

Gerade gegen die letzten beiden Punkte gab es ungewohnt heftigen Widerstand aus der Wissenschaft. In einem Brief an Bildungsministerin Wanka hatte Anfang Juni die Allianz der Wissenschaftsorganisationen protestiert - ein loser Zusammenschluss, dem die Hochschulrektorenkonferenz und verschiedene Forschungsorganisationen angehören. Auch nichtwissenschaftliches Personal wie etwa Laborkräfte sollte nach Willen der Lobby weiterhin großzügig befristet werden dürfen - nur so können man Spitzenforscher für eine Professur anlocken.

Auch wegen dieser Intervention zogen sich die Verhandlungen in der Berliner Koalition hin. Erfolgreich war der Druck der Wissenschaftslobby aber offenbar nicht. SPD-Vizefraktionschef Hubertus Heil verbucht das als Sieg für seine Partei. "Dieser Schritt war überfällig", sagt er. "Wichtig ist, dass wir jetzt zügig zum Gesetzentwurf kommen."

Allerdings verlangt die Union von der SPD im Gegenzug, einem Programm für Nachwuchsprofessoren zuzustimmen. Mit einer Milliarde Euro sollen sogenannte Tenure-Track-Stellen an den Universitäten finanziert werden. Das sind Stellen, auf denen Nachwuchswissenschaftler selbstständig lehren und forschen und nach einer Evaluation eine dauerhafte Professur bekommen können.

Die SPD hatte im April ein ähnliches Programm vorgeschlagen, großen Dissens scheint es nicht mehr zu geben. SPD-Bildungspolitikerin Simone Raatz sagte, dass nun "über die Sommerpause aus den Ideen von Union und SPD" ein gemeinsames Konzept entwickelt werden soll.



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Newspeak 26.06.2015
1. ...
Die Zeitverträge der Doktoranden sind doch gar nicht das Problem. Natürlich mag es für einen Doktoranden unbequem sein, wenn er sich von Vertrag zu Vertrag hangeln muß (ich hatte, glaube ich, acht solche Verträge bis zum Ende der Doktorarbeit), aber das Geld dafür ist üblicherweise für 3 Jahre gesichert da, wenn das Projekt genehmigt wurde, evtl. auch noch für Übergangs-Zeiten danach, auf Antrag des Professors. Das ist alles vergleichsweise einfach. Probleme bekommt man als Postdoc. Da soll man nämlich gleichzeitig forschen, sich einen Namen machen, internationale Erfahrung sammeln, alles mögliche Organisatorische auf die Reihe kriegen UND darf sich unter Umständen eben auch um die Finanzierung seiner eigenen Stelle kümmern. DAS ist abartig. Nicht, weil es nicht eine Qualifikation wäre, einen eigenen Antrag zu schreiben, das soll man ruhig verlangen. Aber wie wahrscheinlich ist es, daß jemand, der täglich Existenzsorgen hat, den Kopf freibekommt, um bedeutende wissenschaftliche Entdeckungen zu machen? Während Professoren etabliert sind, auf ihren Stellen hocken, sicher auch arbeitsmäßig ausgelastet sind, sich aber kreativ und innovativ auch gerne mal eine jahrelange Auszeit nehmen, wofür hat man seine Mitarbeiter, und das nicht einmal rechtfertigen müssen. In einem vernünftigen System würde man dafür sorgen, daß wenigstens die existentiellen Belange abgedeckt wären, wenigstens für den Nachwuchswissenschaftler selbst, damit dieser sich wirklich auf das fokussieren kann, wofür er ausgebildet wurde und wofür er arbeiten soll. Deutschland ist in dieser Beziehung mehr als armselig. Das reichste Land Europas und Bedingungen wie in der Steinzeit für die Leute, die kreativ-innovative Eliten darstellen könnten.
Monoton&Minimal 26.06.2015
2. Das war bei mir sowieso schon so!
Ich hatte für meine Promotion einen Vertrag, der über vier Jahre lief - an einer Universität. Alle Doktoranden haben genau diese vier Jahre bei uns bekommen, und dieser wurde auch nicht verlängert wenn die Promotion noch nicht abgeschlossen war. Viel kritischer habe ich meine Zeit als Post-Doc erlebt, da hatte ich in Verträge von 2 Monate bis zu maximal zwei Jahren. In der Zeit hätte ich mir damals ein wenig mehr Sicherheit gewünscht.
Profdoc1 26.06.2015
3. Bedauerlich
Ich kann meinen beiden Foristen #1 und #2 nur zustimmen. Für Deutschland ist das alles sehr armselig. Wer das heutige Antragswesen und Drittmittelbeschaffung kennt, weiß, wie schwierig die Planung zur Finanzierung einer Arbeitsgruppe ist, da Antragsfristen und Genehmigungen immer unberechenbarer werden. Wir forschen doch kaum noch, sondern schreiben Anträge, Anträge, Anträge, .....Für mitarbeitende sind Kettenverträge natürlich blöd, aber es muss auch Steuerungsmöglichkeiten geben. Wenn nur noch Langzeitverträge möglich sind, muss die Zwischenfinanzierung auch realisiert werden können. Dann muss die Politik auch sagen, wie wir flexibel Mitarbeitende bezahlt werden können? Es wird keine Antwort geben! Aber die Sozis werden sagen" Seht her, wir setzen die Regel guter Arbeit durch".
awoth 26.06.2015
4. Das ist jetzt mal wieder
eine typisch deutsche Regelung zum Sparen und Abschaffen der Forschung! Zeitverträge darf es nur geben, wenn sich weiter qualifiziert wird. Alle anderen (z B der gute und bewährte *post doc*, der *nur* forscht) muss eine Dauerstelle bekommen. Diese gibt es schon lange nicht mehr, also aus ist's mit postdoc, aus mit Forschung, aus mit Wissenschaftsstandort Deutschland. Viel gespart und die Öffentlichkeit gegen die Forschung aufgebracht! Übrigens: Ohne postdoc Zeit braucht sich in D niemand auf eine Professur zu bewerben! Ausländer kommen eh keine mehr bei den Gehältern hier...Doppelt gespart! Weiter so, Deutschland!
hador2 26.06.2015
5. Thema verfehlt...
Ich kann den Vorrednern nur zustimmen: Die zeitliche Befristung von Arbeitsverträgen während der Doktorarbeit ist doch gar nicht das Problem. Hiermit kommen die meisten Doktoranden klar. Das Problem ist, dass es NACH der Doktorarbeit praktisch keine Chancen auf eine Festanstellung gibt weil der akademische Mittelbau seit Jahren totgespart wird. Wer keine Professur ergattern kann muss sich jahrelang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und steht am Schluss oft doch auf der Strasse. Mit dem neuen Gesetz wird also: 1. Ein Problem gelöst, das nie eines war. 2. Keine neuen festen Anstellungen geschaffen. 3. Der Post-Doc wie es ihn heute gibt de facto gekillt, denn wenn ich den Passus über Qualifizierung richtig verstehe wären heutige Post-Doc Stellen gar nicht mehr möglich...ausser sie wären unbefristet und das wird auch weiterhin nicht der Fall sein. Wenn Punkt 3 so richtig ist, dann würde dieses Gesetz die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses sogar MASSIV VERSCHLECHTERN!
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