Sportschütze Pierre, 15 Mit Dreadlocks in den Schützenverein

Waffennarren, potentielle Amokläufer - Schützen haben ein Imageproblem. Solche Vorurteile kann Pierre Duen nicht mehr hören. Der 15-jährige Hamburger zählt zu den besten deutschen Sportschützen. In die krachlederne Welt der Schützenvereine will er nicht recht passen.


Pierre Duen hat seine langen dunkelblonden Haare unter einem schwarzen Kopftuch zusammengebunden. Bald sollen die Haare so lang sein, dass sie sich zu Dreadlocks verfilzen. Sein graues Sweatshirt schlabbert über die Jeans.

Pierre ist 15 Jahre alt, lebt in Hamburg und steht im Vereinssaal der "Wandsbeker Schützengilde e.V. von 1637". Die Wände sind mit braunem Holz vertäfelt, Ehrenscheiben hängen da, mit gemalten Auerhähnen und Rehkitzen. Und ein Schild: "Am guten Alten in Treue halten. Am schönen Neuen sich stets erfreuen." Auf Regalbrettern stapeln sich Pokale aus Silber, der Geruch von fettigen Kartoffelpuffern steht in der Luft.

Jeden Mittwoch kommt Pierre hierher. Er ist einer von 320.000 Jugendlichen der Deutschen Schützenjugend, die in 15.000 Schützenvereinen mit Pistole und Gewehr trainieren. Seit anderthalb Jahren schießt er regelmäßig.

Pierre schlendert in den Umkleideraum. Aus dem Schießstand knallen die Schüsse, er zieht sich um: Schießmontur, Lederhandschuhe. Der Jugendwart - sein Bruder Frederic - reicht ihm eine Walther LG 300 aus dem Panzerschrank, die Waffenkammer ist alarmgesichert.

Laden, zielen - Treffer!

Im Schießstand lädt Pierre ein Bleiprojektil in sein Luftdruckgewehr. Er steht 30 Sekunden starr da, hat die schwarz-weiße Scheibe im Visier. Zehn Meter ist sie weg, fünf Zentimeter im Durchmesser, kleiner als eine Untertasse. Er drückt ab - Treffer. Hätte das Projektil einen Menschen getroffen, hätte der jetzt einen blauen Fleck. Oder mehr.

Pierre lädt nach, zielt, plopp! Lädt, zielt, plopp! Er ist ein guter Schütze, ruhig und präzise. Sportlich setzen die Wandsbeker Hoffnungen in ihn: Pierre war Hamburger Landesjugendkönig und auf Platz vier bei den Deutschen Meisterschaften. 40 Minuten schießt er, dann macht er eine Pause.

Ein Waffennarr ist Pierre keineswegs: "Sportschießen ist Konzentration pur", ein Sport für den Kopf und vergleichbar mit Schach. Disziplin lerne man dabei, und sich zu beherrschen, sagt sein Bruder. "Für schießwütige Rambos ist das nichts", sagt Pierre. Fragt man ihn nach der aktuellen Diskussion zur Waffengesetz-Änderung, reagiert er verschnupft: "Großkaliber wieder für 18-jährige? Habe ich keine Meinung zu."

Pierre denkt nach. Hat er natürlich doch: "Da behaupten Leute Sachen über Schützen, die überhaupt nicht stimmen - dass wir hier auf die Jagd gehen, uns paramilitärisch ausbilden lassen und so etwas. Für mich ist das reiner Sport. Wir haben strenge Regeln, und wenn die einer nicht beachtet, dann gibt es Ärger."

"Militär, das ist nichts für mich"

Seine Mitschüler am Gymnasium verstehen nicht, was er da macht, sie finden es komisch. "Die sehen das Schießen gar nicht als Sport an", sagt er und packt das Gewehr vorsichtig zurück in eine grüne Tasche. "Ich muss mich immer gegen diese Gleichsetzungen wehren - Schützen gleich Waffenverrückter oder gleich Amokläufer. Die stimmen nicht. Wir sind alle mit Vernunft begabt, wir wissen, was eine Waffe alles anrichten kann. Die durchgeknallten Schieß-Phantasten sind absolute Einzelfälle und Ausnahmen. Mit denen will ich nichts zu tun haben."

Zehn weitere Jugendschützen gibt es bei der Wandsbeker Schützengilde. "Wir sprechen in der Pause am Schießstand über alles Mögliche - aber fast nie über Waffen", so Pierre. "Auch wenn das Gewehr eine Waffe ist uns bleibt, für mich ist sie ein Sportgerät. Den Wehrdienst werde ich vermutlich verweigern – Militär, das ist nichts für mich."

Nach dem Training gehen Pierre und die anderen manchmal zusammen ins Kino oder Eisessen - raus aus dem Schützenhaus mit seinem Mief. "Meine Freundin habe ich auch mal mitgebracht, war aber nicht so ihr Ding", sagt er. Manchmal schießen die Nachwuchsschützen auch zu Technomusik. Aber bitte hinter verschlossenen Türen. "Wenn wir auf dem Parkplatz vor dem Gildehaus nur ein wenig bolzen wollen, kommt sofort einer vom Verein und meckert", sagt Pierre.

Zwischen den jungen und den älteren Schützen verläuft ein Graben: "Wir sind ein geteilter Verein", sagt auch Olaf Moßler, Vorsitzender der Schützengilde. "Wir waren früher anders. Wir sind nur zum Schießen und zu den Umzügen gekommen. Damit kriegen wir die Jugend heute nicht mehr." Die ersten Schützenvereine stellen darum auf trendige Schiess-Varianten um - Sommer-Biathlon oder Lichtschiessen mit Infrarot.

Im Schützenrock wird Pierre zum Kobold

Für seine sportlichen Erfolge nimmt Pierre auch die kleinen Zeitreisen in die krachlederne Welt der Schützen in Kauf und muss zum Beispiel beim Umzug oder zum Gildeball einen Schützenrock tragen, grün wie Gras. "Das sieht zum Schreien aus", sagt er und lacht über sich selbst, "da spiele ich dann den grünen Kobold."

Samstagmittag, Schützenumzug durch die Hamburger Innenstadt, am Bierstand auf dem Rathausmarkt werden die ersten Humpen zusammengestoßen. "Gut Schuss! Gut Schuss! Gut Schuss!" - eine Handvoll Schützen in grüner und grauer Tracht steht auf der Straße rund um einen Bollerwagen und leert Kümmerlinge.

Pierre gibt gerade oben auf der Festbühne die Kette des Jugendschützenkönigs weiter. Dann reden 30 lange Minuten lang Präsidenten, feuern die Schützen Böllerschüsse ab, musizieren die Spielmannszüge. Pierre starrt in den Himmel, dann auf die Füße. Und wieder in den Himmel.

Vor der Bühne stehen die alten Schützen mit ihren Orden und Bändern, daneben ein paar japanische Touristen. Der Umzug beginnt, quer über die Hamburger Kirmes "Dom", mitten in St. Pauli. Mit steinerner Miene marschiert Pierre mit. Der Schützenkönig lässt eine Runde Korn springen: "Küstennebel für alle!"

Am Festzelt angekommen tauscht Pierre sofort den Schützenrock, die weiße Fliege und die Lederschuhe gegen seinen grauen Pullover und die Turnschuhe: "Ich habe keinen Bock mehr. Ich geh' jetzt." Er läuft zur S-Bahn, ab nach Hause, raus aus dem ewigen Gestern, zurück in die Zukunft.

In seinem Zimmer hängt ein Poster der Punkband Green Day. Er setzt sich aufs Bett und klampft auf seiner E-Gitarre. Am liebsten würde er in einer Band rocken, Lieder von Nirvana und Jimi Hendrix spielen. Er weiß auch schon, wo: "Als ich den Schützensaal im Verein zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Hier will ich auftreten."

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