Sprachen im Kindergarten Schon Knirpse sollen Englisch lernen

Im Kindergarten und ab der ersten Klasse eine Fremdsprache, in der fünften Klasse dann die zweite Sprache – kleine Kinder sollen ein intensives "Sprachbad" nehmen, weil sie besonders aufnahmefähig sind, empfehlen Lernexperten. Bei Eltern ist die Nachfrage groß. Die Plätze in zweisprachigen Kindergärten reichen nicht.


Absolut beginners: Spielerisches Lernen
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Strahlend zeigt die fünfjährige Zoé ihrer Englischlehrerin ein Blatt Papier, auf das sie einen gelben Schmetterling gemalt hat: "Look, a yellow butterfly." Seit einem Jahr lernt sie in einem Kindergarten in Hamburg ihre erste Fremdsprache. Englisch, Französisch oder Spanisch für die Kleinsten liegt im Trend. Denn Kinder lernen Fremdsprachen, die auch ein wichtiger Grundstock für die spätere berufliche Laufbahn sind, sehr schnell.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union beschlossen bei einem Treffen in Spanien, dass alle EU-Bürger vom frühesten Kindesalter an zwei Fremdsprachen erlernen sollen. "Die Welt wächst zusammen. Wir müssen uns stärker international öffnen", fordert Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). Bund und Länder verabredeten 2002 eine Bildungsreform, die auch vorsieht, dass Mädchen und Jungen schon in Kindergärten auf spielerische Weise Fremdsprachen lernen.

Skandinavien ist weit voraus

Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hinkt Deutschland im internationalen Vergleich allerdings hinterher. "Die skandinavischen Länder sind zum Beispiel deutlich besser als wir", sagt Marianne Demmer vom GEW-Vorstand in Frankfurt. Die GEW befürworte einen frühen Fremdsprachen-Einstieg - unter bestimmten Bedingungen: Auf die Kinder dürfe kein Leistungsdruck ausgeübt werden, und die Lehrer müssten eine gute Ausbildung erhalten. Außerdem sollte nicht nur Englisch unterrichtet werden. "Viele Sprachen sind es wert, gepflegt zu werden", betont Demmer.

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"Kinder sind sehr aufnahmefähig für Sprachen", sagt Anette Lommel, Vorsitzende des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) in Kiel. Die Kleinen werden dabei ihrer Ansicht nach nicht überfordert. Im Gegenteil: "Frühe Mehrsprachigkeit fördert die gesamte kognitive Entwicklung eines Kindes." Der Verein, in dem bundesweit unter anderem Eltern, Sprachforscher und Vertreter aus der Wirtschaft organisiert sind, fordert eine Lehrplananpassung und Sofortmaßnahmen, damit Mädchen und Jungen im Kindergarten und von der ersten Grundschulklasse an Englisch oder eine andere Sprache lernen. In der fünften Klasse sollte die zweite Fremdsprache hinzukommen.

Im Kindergarten sollen dem gemeinnützigen Verein zufolge die Kleinen am besten nach dem Prinzip "eine Person - eine Sprache" betreut werden: Eine Erziehungskraft spricht die Muttersprache der Kinder, die andere Kraft in der Gruppe ausschließlich die neue Sprache. Nach dieser Methode arbeitet seit 1996 auch eine Kindertagesstätte der Arbeiterwohlfahrt im schleswig-holsteinischen Altenholz. Ab drei Jahren lernt der Nachwuchs so, wie man auf Englisch grüßt, sich verabschiedet oder versteht in der neuen Sprache, wenn die Zähne geputzt werden sollen.

Riesiges Interesse der Eltern

"Die Nachfrage ist sehr groß. Wir haben zu wenige Plätze", berichtet Sabine Devich-Henningsen, die Leiterin der Einrichtung mit 103 Kindern. Auch Migrantenkinder "packen es total gut", neben ihrer Muttersprache und Deutsch noch eine dritte Sprache zu lernen. Überfordert seien manchmal Mädchen und Jungen aus besonders problembelasteten Familien.

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In einer angrenzenden Grundschule in Altenholz wird dann Englisch nach der so genannten Immersionsmethode weiter gefördert: Dabei wird bis auf das Fach Deutsch der Unterricht auf Englisch vermittelt. Forscher stellten bei den Erstklässlern, die zuvor den Kindergarten besucht hatten, eine "explosionsartige Entwicklung" und ein sehr hohes Sprachniveau fest.

Bislang wird der Fremdsprachenunterricht für die Jüngsten je nach Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Die meisten Grundschüler bekommen inzwischen zumindest stundenweise pro Woche die Gelegenheit, eine neue Sprache zu lernen. In mehreren Städten gibt es inzwischen sogar zweisprachige staatliche Grundschulen, die zum Beispiel auf Italienisch, Polnisch, Türkisch oder Spanisch unterrichten. Doch die große Nachfrage der Eltern übersteigt auch hier oft das Angebot.

"Geheimsprache" ohne stures Pauken

Unter den Kindergärten sind weniger als ein Prozent zweisprachig ausgerichtet. In diese Angebotslücke stoßen auch Spielsprachschulen, die ihre Dienste kostenpflichtig im privaten Kreis oder Kindergärten anbieten. Die Organisation "Abrakadabra - Sprachen für Kinder" etwa bietet bundesweit fast 200 solcher Schulen für Kinder zwischen vier und zehn Jahren an.

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Wie Zauberlehrlinge sollen die Jüngsten ihre "Geheimsprache" lernen. Zoé lernt mit Hilfe von "Abrakadabra" einmal pro Woche 60 Minuten lang Englisch im Kindergarten - ohne Vokabeln zu büffeln. Die Farben werden mit Hilfe eines Liedes über den Regenbogen geübt, die Wörter für Tierarten bei Basteleien. Das Zählen auf Englisch bis 50 ist kein Problem mehr. Und im Urlaub begrüßt Zoé Kinder aus anderen Ländern stolz mit "How are you?". Inzwischen betreibt "Abrakadabra" Schulen unter anderem in Spanien und Österreich.

Für Anette Lommel vom Verein FMKS ist dieser Ansatz zwar "besser als nichts", aber nicht optimal. "Denn beim Sprachenlernen kommt es auf die Intensität an." Eine Stunde pro Woche sei zu wenig, zudem sollte der Unterricht nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Auch ein bis zwei reguläre Schulstunden pro Woche ab Klasse 3 oder 4 führen ihrer Ansicht nach nicht zu so guten Ergebnissen wie das intensive "Sprachbad" in einer zweisprachigen Einrichtung.

Von Silvia Kusidlo, gms



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