Sprachunterricht English? No way

Wer schlecht Deutsch spricht, scheitert oft auch im Fach Englisch. Eine neue Sprachstudie zeigt eine enorme Leistungskluft. Und Schwächen des Unterrichts: Manchmal kommen Schüler schlicht nicht zu Wort - weil der Lehrer doppelt so viel spricht wie sie alle zusammen.


Im Fach Englisch gibt es an Gymnasien eine "sehr starke Leistungsspitze" mit 10 bis 15 Prozent der Schüler, die mühelos auf Englisch parlieren. Sie können weit mehr, als es die Lehrpläne verlangen. Dagegen erreicht nur jeder dritte Schüler an Hauptschulen und Integrierten Gesamtschulen das Lernziel. Das ist eines der Ergebnisse der Studie "Deutsch Englisch Schülerleistungen International" (Desi), wie die Zeitung "Die Welt" berichtet.

Dreisprachige Grundschule (in Magdeburg): Mutter- und Fremdsprache hängen eng zusammen
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Dreisprachige Grundschule (in Magdeburg): Mutter- und Fremdsprache hängen eng zusammen

Schüler, die schlecht im Fach Deutsch sind, kommen demnach auch in Englisch kaum auf einen grünen Zweig. Die Deutschkenntnisse entscheiden über den Erfolg im Englischunterricht: Wird im Elternhaus kein Deutsch gesprochen, liegen die Schulleistungen am weitesten zurück, während mehrsprachig aufgewachsene Jugendliche deutlich bessere Ergebnisse erzielten.

Erstmals konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Schüler, die bereits Deutsch als Fremdsprache gelernt haben, das Erlernen der zweiten Fremdsprache Englisch leichter fällt als ihren Mitschülern. Ihr Leistungsvorsprung mache "den Gewinn mindestens eines halben Schuljahres aus", so die Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in ihrer Untersuchung, die von der  Kultusministerkonferenz in Auftrag gegeben wurde. Dafür wurden 11.000 Schüler der neunten Klasse zu Beginn und am Ende des Schuljahres befragt und getestet.

Die Studie bestätigt Forschungsergebnisse der Universität Basel: Wer früh eine andere Sprache lernt, profitiert umgekehrt auch in seiner Muttersprache, hat der Linguist Georges Lüdi dort herausgefunden. Dann nämlich denken Kinder darüber nach, warum es im Deutschen so viele Artikel gibt und im Englischen nur einen - und lernen daraus.

In Baden-Württemberg werden deshalb die Lehrer seit 2003 sogar ab der ersten Klasse mit "Good morning" begrüßt, Pädagogen überschlagen sich seitdem mit Erfolgsmeldungen. Auch die ersten internationalen Kindergärten unterrichten Fremdsprachen; Hörspielkassetten wie "Englisch lernen mit Benjamin Blümchen" für Kinder von drei bis sechs Jahren unterstreichen den Trend.

Spricht der Kuchen, haben die Krümel Pause

Vielfach bleiben aber Schüler im Unterricht eher sprachlos: Im Englischunterricht rede nämlich vor allem der Lehrer. Er spreche laut Desi-Studie im Durchschnitt doppelt so viel wie alle Schüler zusammen, berichtet der "Tagesspiegel". Die Hälfte der Fragen, die ein Lehrer an seine Schüler stelle, beantworteten diese in nur drei Sekunden. Lehrer seien nur selten bereit, Schülern mehr Zeit für ihre Antwort zu gewähren. Die Desi-Studie aber belege, dass die Leistung steige, wenn Schüler im Unterricht viel sprechen und die Lehrer länger auf Antworten warten.

Mit dem Englischunterricht bereits in der Grundschule zu beginnen, lehnt Bildungsforscherin Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ab. "Unsere Schulen sind so große Baustellen, dass man sich eigentlich nicht den Luxus erlauben kann, ein neues Fach zu etablieren, ohne dass wir eine Didaktik dafür haben oder die Effekte des Unterrichts kennen", sagte die Wissenschaftlerin der Wochenzeitung "Die Zeit".

Sprachunterricht: Englisch ist Standard - aber ist der Standard gut?
IDW

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Stern rät den Grundschulen, ihre Kräfte und Kosten sinnvoller einzusetzen, denn eine sinnvolle Didaktik für das frühe Sprachenlernen fehle bislang. "Natürlich bekommen die Kinder ein paar fremde Worte mit. Doch was soll es darüber hinaus bringen, wenn eine Englischlehrerin ein-, zwei Mal die Woche im Kindergarten oder in der Schule ein paar Lieder singt und sagt: 'The weather is fine, now we go outside'?", so Stern.

Schon im Fach Deutsch zeigt etwa die Hälfte der Schüler von Hauptschulen und integrierten Gesamtschulen große Schwächen etwa beim Formulieren von Brieftexten und vermag einfach grammatische Fehler nicht sicher zu erkennen, zitiert die "Welt" die Desi-Studie.

Dagegen sei ein Drittel der Gymnasiasten am Ende der neunten Jahrgangsstufe in der Lage, grammatische Fachbegriffe reflektiert anzuwenden sowie stilsichere und nahezu fehlerfreie Texte zu schreiben. Im Verlauf des neunten Schuljahres seien die Leistungszuwächse beachtlich gewesen, betonen die Wissenschaftler. Zudem seien Mädchen der neunten Jahrgangsstufe den Jungen deutlich überlegen.

cpa/dpa/ddp

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