Besser in Mathe Bloß nicht die Finger weglassen

Wenn Schüler mit den Fingern rechnen, unterstellen Lehrer oft mangelnde mathematische Begabung. Aber das ist falsch, sagen Forscher aus den USA.

"Finger haben eine Schlüsselfunktion, wenn es darum geht, Mathe zu verstehen."
Corbis

"Finger haben eine Schlüsselfunktion, wenn es darum geht, Mathe zu verstehen."


"Eine Mutter rief mich vor einigen Wochen an und erzählte, dass ihre fünfjährige Tochter weinend nach Hause kam, weil sie in der Schule nicht mit den Fingern rechnen durfte", so beginnt ein neuer Forschungsbericht von Jo Boaler, Professorin für Mathedidaktik an der amerikanischen Universität Stanford .

Der Vorfall steht für sie stellvertretend für einen verbreiteten Irrglauben unter Lehrern: dass nur kleine Kinder oder Mathemuffel mit den Fingern rechnen. "Dieser Mythos hat bereits viel Schaden angerichtet, deshalb wollen wir ihn beseitigen", schreibt Boaler in dem Bericht, für den sie und ihr Team mehrere neurowissenschaftliche Studien ausgewertet und mit mathedidaktischen Erkenntnissen verknüpft haben.

Die Wissenschaftler sind überzeugt: Visuelle Hilfen wie die eigenen Finger haben eine Schlüsselfunktion, wenn es darum geht, Mathematik zu verstehen und zu unterrichten. "Wir 'sehen' in unserem Gehirn ein Abbild unserer Finger, selbst wenn wir die Hände gar nicht zum Rechnen benutzen. Das gilt auch, wenn wir längst aus dem Alter heraus sind, dass wir Dinge mit unseren Fingern abzählen."

Der Bericht verweist unter anderem auf eine Studie mit Schülern im Alter von 8 bis 13 Jahren, die komplexe Minusaufgaben lösen sollten. Dabei zeigte sich, dass der Bereich des Gehirns zur Wahrnehmung der Finger aktiviert wurde - obwohl die Schüler ihre Hände gar nicht einsetzten.

"Unsere Finger sind entscheidend, um Mathe zu verstehen"

"Unsere Finger sind wahrscheinlich unsere beste visuelle Hilfe und entscheidend, um Mathematik zu verstehen und unser Gehirn weiter zu entwickeln, und zwar bis ins Erwachsenenalter", sagt Boaler. Das Verstehen mit Hilfe der Finger hält sie für so entscheidend, dass sie darin sogar den Grund für ein oft höheres mathematisches Verständnis bei Klavierspielern und anderen Musikern vermutet, als bei Menschen, die kein Instrument lernen.

Boaler gibt zwar zu, dass die Zahl der Testpersonen in den Studien recht klein war. Trotzdem liefern die Ergebnisse für sie eine eindeutige Botschaft an Lehrer: "Wenn sie ihre Schüler davon abhalten, mit den Fingern zu rechnen, behindern sie ihre mathematische Entwicklung", sagt die Professorin.

Viele Kinder trauten sich nicht, mit ihren Fingern zu rechnen und würden dies heimlich unter dem Tisch tun. Schüler, die sich schlecht Zahlen merken können, würden in den USA oft in Förderklassen geschickt, als hätten sie eine Schwäche, kritisiert Boaler. Mathematik werde noch zu oft als reines Feld abstrakter Zahlen und Symbole vermittelt.

Stattdessen sollten Lehrer viel öfter Möglichkeiten schaffen, mathematische Zusammenhänge zu visualisieren: "Wenn Schüler durch bildliche Darstellungen lernen, ändert sich für sie die ganze Mathematik und sie gewinnen ein neues, tieferes Verständnis."

Obwohl Boaler unter einigen Neurowissenschaftlern umstritten ist, steht sie mit ihrer Forderung nach Visualisierung im Matheunterricht keineswegs alleine da. Forscher fanden unter anderem bereits heraus, dass Menschen über mentale Bilder für logarithmische Zusammenhänge verfügen - und einen Zahlenstrahl im Kopf haben.

Mehrere Mathedidaktiker in Deutschland berücksichtigen solche Erkenntnisse bereits. Sie lassen ihre Schüler zum Beispiel das Einmaleins mit den Händen lernen und zeigen ihnen, wie ihre Finger zum Taschenrechner bei der Neunerreihe werden - so wie es der Weltmeister im Kopfrechnen, Gert Mittring, macht.

fok



insgesamt 17 Beiträge
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eigene_meinung 26.04.2016
1. suum cuique
Fakt ist, dass jeder seine eigenen Lernmethoden hat, abhängig von Genen, Erfahrung, Vorlieben. Lehrer oder "Wissenschaftler", die einem eine funktionerende Methode ausreden und eine andere Methode einreden wollen, richten massiven Schaden an! Sie zerstören die Freude am Lernen und machen Erfolge zunichte.
postit2012 26.04.2016
2. Richtig, suum cuique,
jeder Dogmatismus ist da fehl am Platz. Rechnen hab ich mir als Vorschulkind selber beigebracht, weil mir mehrere "Nähzentimeter" meiner Mutter in die Hände gefallen waren und ich damit auf einmal "Zahlenstrahlen" besaß. Das war viel wirkungsvoller als jeder spätere Rechenunterricht und auf einmal galt ich als Wunderkind :-D
dr.w 26.04.2016
3. stimmt...
alles was über zehn Finger hinausgeht ist ohnehin höhere Mathematik :) Ich habe immer meine Finger zu Hilfe genommen und tue es heute noch.
joerge11 26.04.2016
4. Besser in Mathe
Leider habe ich die Fingermethode nicht gelernt. Es wäre interessant, einmal die verschiedenen Fingermethoden zu analysieren. Ich weiß nur, dass die Inder traditionsgemäß alle Fingerglieder zum Rechnen benutzen. Im übrigen ist das Thema: Finger und Erinnerungsvermögen gänzlich unerforscht. Warum haben in alle Völkern die Mütter ein System, Sprachverse in ihrer Sprache mit Berührung der einzelnen Finger ihrer Babys zu sprechen oder zu singen ? Ich war einmal zu einer Vorstellung eingeladen. Der zuständige Direktor war 30 Minuten spät und ich durfte im Zimmer seiner Sekretärin auf einem Stuhl warten. Ich plauderte ein wenig mit ihr und meinte, ich müßte Namen immer aufschreiben, weil sie immer vergäße, nicht dagegen Nummern. Sie antwortete, dass es ein 100 % sicheres System gebe, sich Namen für immer zu merken, in dem man einen Zahnstocher nehme und ihn an eine Stelle der offenen Hand drücke, dabei laut den Namen nenne. Wenn man den später vergessenen Namen wieder finden will, genüge ein Druck auf die Hand, wo man den Piek des Zahnstochers empfunden hatte. Und wie ein Wunder kommt der verlorene Name zurück. Das ist eine neue Idee für eine wissenschaftliche Forschung. (Bitte zur Kenntnis zu nehmen: Ich bin kein Vertreter der Zahnstocherproduzenten oder - händler)
ichbinsdiesusi 26.04.2016
5. zentrales Prinzip
Nachdem Visualisierung als zentrales Prinzip der Fachdidaktik in nahezu allen Fächern gilt, wüsste ich nicht, was am Rechnen mit den Fingern problematisch sein sollte. Es ist ja auch nichts anderes als Visualisierung!
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