Kritik an verkürzter Gymnasialzeit Mehrheit will zurück zum G9-Abitur

In mehreren Bundesländern wird die Dauer der Gymnasialzeit derzeit heiß diskutiert, denn: G8 ist extrem unpopulär. Laut einer aktuellen Umfrage wollen drei von vier Deutschen zurück zum langsameren Lernen am Gymnasium.

Abiturprüfung in Hessen (Archivbild): Turbo-Abi unerwünscht
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Abiturprüfung in Hessen (Archivbild): Turbo-Abi unerwünscht


Hamburg - Sollen Gymnasiasten acht oder neun Jahre Zeit haben, um das Abi zu erreichen? Das Abitur nach der zwölften Klasse (G8) ist eine der umstrittensten Bildungsreformen der vergangenen Jahre. Während in vielen Bundesländern derzeit Politiker noch um eine Reform der Reform ringen, ist die Meinung der Bundesbürger zu dem Thema weiter eindeutig: Fast drei Viertel der Deutschen wünschen sich eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage für das Magazin "Stern".

72 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass möglichst alle Bundesländer wieder zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückkehren sollten. Lediglich 21 Prozent finden demnach, es solle bei acht Jahren am Gymnasium (G8) bleiben.

In den meisten westdeutschen Bundesländern war im vergangenen Jahrzehnt das sogenannte Turbo-Abi eingeführt worden. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg experimentierten in den Neunzigern für ein paar Jahre mit dem neunjährigen Gymnasium und kehrten um 2000 zum Gymnasial-Abitur nach acht Jahren zurück.

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: Juni 2016

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Die verkürzte Gymnasialzeit stieß von Anfang an auf Ablehnung: Die Kritik entzündete sich daran, dass Lehrpläne nicht ausreichend verschlankt worden seien, der Lernstoff balle sich in der Mittelstufe. Lehrer und Schülervertreter schimpften und eine Eltern-Umfrage zeigte unter anderem im Herbst 2012, wie unbeliebt das Turbo-Abi ist.

Damals wollten sogar acht von zehn Eltern ihr Kind für eine neunjährige Gymnasialzeit (G9) anmelden, hätten sie die Wahl. 79 Prozent der Eltern sprachen sich dafür aus, das Gymnasium solle generell neun Jahre dauern. Nur 17 Prozent setzten auf G8.

Wirkung zeigten die heftigen Proteste von Lehrern, Eltern und Schülern mittlerweile in mehreren Bundesländern: Der Trend geht zur längeren Gymnasialzeit, zuletzt leitete ein Land gar eine komplette Rolle rückwärts ein:

  • Niedersachsen kündigte unlängst als erstes Bundesland eine echte Rückkehr zu G9 an.
  • In Bayern wirbt ein Volksbegehren für Wahlfreiheit. Bisher gibt es dort das sogenannte Flexibilisierungsjahr - ein freiwilliges Wiederholungsjahr -, mit dem die Regierung des Freistaats das Turbo-Abi zumindest für schwache Schüler entschleunigen will. Die Forderungen des Volksentscheids gehen über diese bestehende Regelung noch hinaus.
  • In Hessen etwa können Gymnasien seit dem Schuljahr 2013/2014 zwischen G8 und G9 entscheiden. Immer mehr Schulen kehren nun zu G9 zurück.
  • Optionale G-9-Züge gibt es zudem in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.
  • In Hamburg brachte die Elternvereinigung G9 jetzt! eine sogenannte Volksinitiative für die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auf den Weg. Sie ist die erste Stufe eines Begehrens von Bürgern, an dessen Ende ein für den SPD-Senat der Hansestadt bindendes Votum stehen könnte.

lgr/AFP

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gog-magog 26.02.2014
1.
Zitat von sysopDPAIn mehreren Bundesländern wird die Dauer der Gymnasialzeit derzeit heiß diskutiert, denn: G8 ist extrem unpopulär. Laut einer aktuellen Umfrage wollen drei von vier Deutschen zurück zum langsameren Lernen am Gymnasium. http://www.spiegel.de/schulspiegel/stern-forsa-umfrage-zu-g8-turbo-abitur-bleibt-unbeliebt-a-955810.html
Es geht beim G9 nicht ums "langsamere" Lernen, sondern um das bessere Lernen. Das scheinen aber die wenigsten zu begreifen. Und bitte, liebe Ossis, laßt den alten Hut stecken, von wegen im Osten gings doch auch. Gar nichts ging im Osten und schon gar nicht besser.
u30 26.02.2014
2. Vereinheitlichen
Das muss dringend alles vereinheitlicht werden. Es kann nicht sein, dass ein Schüler nicht von Rheinland-Pfalz nach Hessen ziehen kann ohne gravierende Nachteile zu haben. In Hamburg sind haben selbst einzelne Schulen teilweise einen so gravierend anderen Lernstoff, dass der Schüler dann plötzlich 1 Jahr in einer Fremdsprache zurück hängt. Umzüge sind so schon schwer genug. Da muss das doch nicht sein.
bartstoppel 26.02.2014
3. Recht so
Da es in Hamburg nicht um das Kindeswohl sondern eindeutig nur ums Geld geht. Für die dilettantische eingerichtete Inklusion sind sonst nicht genügend Lehrerstunden, Klassenräume und Lehrmittel vorhanden. Seit Jahren ist hier ein unsägliches Experimentierfeld Schule entstanden, in dem laufend auf Schülers- und Elternrücken neue Methoden eingerichtet wurden. Und es reicht wirklich nicht, wenn der Hamburger Schulsenator gebetsmühlenartig immer wieder G8 mit fadenscheinigen Begründungen den Vorteil gibt, weil sonst die jetzt schon völlig überlasteten und mit der Inklusion überforderten Stadtteilschulen noch „unattraktiver“ wären.
annika.g.m 26.02.2014
4.
Wer sein Abi in in 12 Jahren nicht schafft, bei dem wird es bei einem zusätzlichem Jahr auch kein 1,X Abi geben, und bei einem schlechten Abitur sollte man sowieso eher eine Ausbildung in Erwägung ziehen.. wozu die ganzen echauffierten, überehrgeizigen Eltern, für deren Kinder ein Mittlerer Bildungsabschluss oder Fachabitur wesentlich angebrachter wäre? Es kann nunmal nicht jeder Abitur machen.
horst87 26.02.2014
5.
Im Osten gings aber auch, ich kenne jedenfalls niemanden, der an der ganzen Sache gescheitert ist, weil es nur 12 Jahre gedauert hat. Oder woher nehmen Sie ihre Erkenntnis? Aber das ist für mich eigentlich egal. Meinetwegen kann das Abi hier auch 13 Jahre dauern, solange es endlich mal bundesweit vereinheitlicht wird. Also das Bildungssystem an sich. Da wäre ein 13jähriges Abitur eine Kröte, die ich persönlich gern dafür schlucken würde.
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