Stipendium für Flüchtlinge "Die Kinder brauchen Vorbilder und große Kumpels"

Die Hertie-Stiftung will zukünftig mit ihrem Schülerstipendium ausschließlich Flüchtlinge fördern. Jugendliche in den Aufnahmelagern zu erreichen, ist schwierig - aber eine wichtige Chance.

Syrische Flüchtlingskinder: Eine große Aufgabe für die Bildungslandschaft
DPA

Syrische Flüchtlingskinder: Eine große Aufgabe für die Bildungslandschaft

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Hasse, sie leiten ein Stipendienprogramm für junge Migranten, das sie zum Abitur und ins Studium begleitet. Zukünftig sollen ausschließlich Flüchtlinge gefördert werden. Warum wollen Sie jetzt alles anders machen?

Robert Hasse: Wir machen nicht alles anders. Wir verfolgen unser Ziel nur konsequenter. Bislang haben wir allgemein "Migranten" als Zielgruppe definiert. Künftig wollen wir junge Menschen fördern, Flüchtlinge und Zuwanderer, die seit maximal fünf Jahren in Deutschland sind. Wir sehen, was in den Erstaufnahmelagern passiert: Das sind die Leute, um die wir uns kümmern müssen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die anderen Migranten keine Hilfe mehr verdient?

Hasse: Deutschland hat sich verändert in den vergangenen 15 Jahren. Migranten als generell benachteiligte Bevölkerungsgruppe gibt es meines Erachtens nicht mehr. Ein türkischstämmiger Deutscher aus der Mittelschicht ist genauso gut oder schlecht in der Schule wie einer, dessen Urgroßeltern in Nordrhein-Westfalen geboren sind. Worauf es ankommt, sind die Sprachkenntnisse, der Bildungsstand der Eltern und die finanzielle Situation der Familie. Viele der jungen Menschen, die wir heute als "Migranten" bezeichnen, wollen gar nicht mehr so genannt werden. Sie sehen ihren Migrationsstatus als abgeschlossen an.

SPIEGEL ONLINE: Die Risikofaktoren sind also Armut und mangelnde Bildung im Elternhaus?

Hasse: Genau. Und so, wie es uns 2002 darum ging, die jungen Migranten mit ihrem Potenzial überhaupt mal ins Bewusstsein der Gesellschaft zu holen, kommt es jetzt darauf an, deutlich zu machen: Die Jugendlichen, die gerade zu Hunderttausenden ins Land kommen, sind eine riesige Chance für uns und unser Bildungssystem.

Schüler-Stipendium "Start"
  • Andreas Reeg
    Seit 2002 werden jährlich etwa 200 Jugendliche mit dem "Start"-Stipendium gefördert. Die Schüler besuchen spezielle Seminare, erhalten Nachhilfe- und Sprachkurse, Laptops und Büchergeld. Vom kommenden Jahr an wird sich das Programm ausschließlich auf die Förderung von Flüchtlingen konzentrieren: Ehemalige Stipendiaten sollen das Angebot den schulpflichtigen Flüchtlingen vorstellen. Robert Hasse leitet das von der Hertie-Stiftung finanzierte Programm.
  • Homepage Start-Stiftung

SPIEGEL ONLINE: Viele der Flüchtlinge sind aber nicht seit maximal fünf Jahren hier, sondern seit maximal fünf Wochen.

Hasse: Und haben darum sicher andere Sorgen, als sich für ein Stipendienprogramm zu bewerben. Also muss man zu ihnen in die Erstaufnahmestellen gehen. Und wer wäre dafür besser geeignet als unsere aktuellen und ehemaligen Stipendiaten, die die Sprache der Flüchtlinge sprechen, die Rollenvorbilder für sie sein können, große Kumpels. In Absprache mit den jeweiligen Kommunen werden wir sie losschicken, damit sie mit den minderjährigen Flüchtlingen ins Gespräch kommen, ihnen beim Verstehen dieser neuen Welt um sie herum helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen die Kommunen das denn? Die sind doch jetzt schon mit der Verwaltung der Flüchtlingsströme völlig überlastet.

Hasse: Ich bin ganz sicher, dass die meisten Städte und Gemeinden das begrüßen werden. Wir werden sie fragen: Was genau braucht ihr? Was fehlt euch an Hilfestellungen? Und dann werden wir entsprechende Programme vor Ort für die Flüchtlinge organisieren. Und wenn die Jugendlichen sich dann besser orientieren können, sich eingelebt haben, vielleicht nach einem Jahr, können sie sich für das eigentliche Stipendienprogramm bewerben.

SPIEGEL ONLINE: Fast 99 Prozent Ihrer Stipendiaten haben das Abitur geschafft, 95 Prozent ein Studium angefangen. Solche Zahlen können Sie jetzt vergessen, oder?

Hasse: Was aber den Erfolg nicht schmälert. Ich war lange Leiter einer Hauptschule in Berlin-Kreuzberg mit Schülern, die fast ausschließlich aus bildungsfernen Migrantenfamilien stammten. Deren Horizont war sehr begrenzt - der nächste Stadtteil, der mögliche Ausbildungsplatz, all das lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Erfolg bedeutete dann, wenn die Schüler sich am Ende zurechtfinden in unserer Gesellschaft. Wenn wir ihnen Perspektiven aufzeigen und sie vielleicht eine Lehrstelle bekommen, dann ist das großartig.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich die konkrete Förderung im Programm ändern?

Hasse: Es wird weiter ein monatliches Bildungsgeld geben - wie hoch, das hängt von der Unterstützung des Programms durch weitere Sponsoren ab. Im Bildungsprogramm werden wir die Workshops an die neue Zielgruppe anpassen. Da werden Jugendliche sein, die kaum schreiben können, und andere, die aufs Abi zusteuern. Das läuft auf noch mehr Binnendifferenzierung hinaus als bislang. Aber wir haben unsere "START"-Alumni, und die werden wir Seite an Seite mit den Trainern einsetzen, als Sprachvermittler, vor allem aber als Rollenvorbilder.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte sagen: Start entwickelt sich von einem Streber- zu einem Außenseiterprogramm. Haben Sie nicht die Sorge, dass Ihnen da Sponsoren abspringen?

Hasse: Das wäre schade. Ich hoffe aber, dass der umgekehrte Fall eintritt und uns noch mehr Partner unterstützen werden.

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