Pro und Contra Mundart Sollten wir das Schwäbische retten?

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann will die schwäbischen Dialekte stärken, auch an Schulen. Im Jahr 2018. Muss das sein?

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Ein Pro und Contra von und


Immer weniger Kinder sprechen Mundart, die Ortsdialekte drohen auszusterben. So warnt die baden-württembergische Landesregierung - und will gegensteuern. Am Freitag hat sie deshalb eine Fachtagung im Neuen Schloss in Stuttgart veranstaltet.

Wissenschaftler, Künstler, Lehrer und Politiker haben sich dort darüber ausgetauscht, wie man das Image der schwäbischen, alemannischen und fränkischen Dialekte verbessern kann.

Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der selbst Schwäbisch spricht, ist das ein besonderes Anliegen. Er sagt: "Bodenhaftung ist wichtig." Dialekte förderten außerdem den Zusammenhalt. Sollten wir sie also stärken?

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Pro

Armin Himmelrath

Jessica Meyer

In Sachen Schulpolitik macht Winfried Kretschmann nicht immer die beste Figur. Aber seine Idee, der Mundart in der Schule und im Bildungssystem mehr Raum zu geben und damit zu ihrer Akzeptanz und Erhaltung beizutragen, ist richtig gut.

Denn Kretschmann hat recht: Der Dialekt ist identitätsstiftend und so etwas wie eine mobile Heimat, die sich mitnehmen lässt. Wer schon einmal auf einer langen, vielleicht sogar mehrmonatigen Reise war, kennt das Wohlgefühl, wenn er endlich wieder vertraute mundartliche Ausdrücke aufschnappt.

Dabei geht es im Kern aber nicht nur um persönliche Befindlichkeit, sondern um echtes Können. Wer Dialekt spricht, bedient sich keiner minderwertigen Schwundform des Hochdeutschen, sondern zeigt zusätzliche Sprachkompetenz. Und es geht auch nicht um ein Entweder-oder zwischen Hochsprache und Regionalsprache, sondern um ein Nebeneinander.

In anderen Fällen bejubeln wir das doch auch: Wenn Kinder neben dem Deutschen mit der Zweitsprache Englisch, Französisch oder vielleicht Hebräisch aufwachsen, dann feiern wir das als bildungsbürgerlichen Startvorteil. Sprechen sie in der Familie dagegen Schwäbisch oder Sächsisch (oder auch Arabisch oder Türkisch), wird das von vielen Bildungsbürgern und der Politik schnell als bildungsfern und primitiv abgetan. Was für eine scheinheilige Doppelmoral.

Hirnforscher attestieren Dialektsprechern ein höheres kognitives Potenzial, Lehrer berichten von größerem Ausdrucksreichtum und Vorteilen beim späteren Erlernen von Fremdsprachen. Ergebnisse von Schulleistungsstudien scheinen das zu bestätigen: Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg gelten in Deutschland als die besten Bildungsregionen.

Gegen die Verarmung der sprachlichen Landschaft

"Unsere Kinder san ja net so gscheit, weil bei uns die CSU regiert, sondern weil sie von Grund auf zwei Sprachen lernen, den Dialekt als Muttersprache und das Schriftdeutsche als Standardsprache", argumentiert der Münchner Dialektforscher Hans Triebel in der "Süddeutschen Zeitung". Schöner kann man es kaum ausdrücken. Und wenn es in Deutschland ohnehin schon Schulunterricht auf Dänisch und Sorbisch, Friesisch und Plattdeutsch gibt - warum sollte man dann Schwäbischsprecher diskriminieren?

Klar ist doch: Wer so spricht wie die Menschen in seiner Alltagsumgebung, gehört eher dazu als jemand, der sich sprachlich zwar in bestem Hochdeutsch, aber eben doch nur regional fremdelnd ausdrücken kann. Dialekte können also auch eine Form von Integrationshilfe sein - was sich nicht dadurch wegargumentieren lässt, dass man sie als unwichtige Sprachvarianz abtut.

Wer das behauptet, der redet einfach nur Gwadsch (Sächsisch), Schmarr'n (Bairisch), Driss (Kölsch) oder Boggmischd (Schwäbisch). Sich im Bildungssystem allein aufs Hochdeutsche zu beschränken, trägt zur Verarmung der sprachlichen Landschaft bei.

Wer Regionalsprachen hingegen aktiv fördert, eröffnet den Menschen im Bildungssystem neue Chancen. Andere Bundesländer sollten sich deshalb an der Dialekt-Idee aus Baden-Württemberg ein Beispiel nehmen. Oder, wie es bei uns im Rheinland hieße: Mundart in d'r Schull? Na sischer dat - wat denn sons?

Contra

Heike Klovert

Christian O. Bruch/ laif

In dieser Woche hat ein Handwerker bei uns neue Fußleisten verlegt. Es hieß, er sei Rumäne. Ich wollte es erst gar nicht glauben, der Handwerker sprach Pfälzisch. Ich komme aus dieser Region, er sprach es astrein, nur selten wählte er den falschen Artikel.

Der Handwerker wohnt seit ein paar Jahren in der Pfalz und hätte Herrn Kretschmann sicher begeistert. Denn dessen Eltern flüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen ins Schwäbische Land und der Ministerpräsident erzählt gern, wie er sich als Kind über den Dialekt in seine Umgebung integrierte.

Der Dialekt half ihm, das Stigma des "Flüchtlings" loszuwerden. Wer Schwäbisch schwätzt, der kann nicht fremd sein. Deswegen macht sich der Ministerpräsident jetzt sehr dafür stark, dass die Dialekte in Baden-Württemberg nicht aussterben.

Nur: Der Gedankengang ist irreführend, mitunter gar verletzend. Denn Dialekt kann zwar den Zusammenhalt fördern, aber auch ausgrenzen, und noch dazu die Falschen. Wenn jemand schnell einen Dialekt lernt, heißt das nämlich nicht automatisch, dass er sich gut integriert. Es heißt vor allem, dass er ein Sprachtalent hat. Denn um eine Sprache - ebenso wie eine Mundart - akzentfrei zu beherrschen, erfordert es ein feines Gehör und gut entwickelte "feinmotorische Sprechbewegungsabläufe".

Beides kann man trainieren, zu einem gewissen Grad. Doch es gibt sehr viele Menschen, die niemals tadelloses British English oder Pfälzisch oder Schwäbisch oder auch Deutsch sprechen werden, egal wie sehr sie sich anstrengen. Manche Zuwanderer leben seit Jahren hier und klingen trotzdem noch wie Rumänen oder Afghanen, wenn sie Deutsch sprechen. Wir neigen dazu, ihnen zu unterstellen, sie seien "integrationsunwillig". Vielleicht sind sie auch einfach nur unbegabt.

Viele dringendere Aufgaben

Kretschmann traf unlängst Jürgen Klinsmann in Kalifornien, wie er der "Stuttgarter Zeitung" erzählte. Die beiden schwäbelten, es fühlte sich wohl vertraut und geborgen an. "Dialekt ist eine mobile Heimat", sagte Kretschmann danach.

Es ist schön, dass der Ministerpräsident dieses Heimatgefühl so leicht abrufen kann. Es ist ein kostbares Gefühl, gerade in diesen Zeiten, in denen die Globalisierung Menschen durch die Welt wirbelt, bis sie nicht mehr wissen, wo sie hingehören.

Doch Identität ist eine sehr komplexe und höchst individuelle Sache. Auch ein gebrochenes Deutsch mit eingestreutem Türkisch schafft Identität, so wie jede andere Sprache und jeder andere Dialekt. Wichtig ist doch nur, was die Gruppe spricht, zu der man gehören will.

Deswegen: Verherrlichen wir nicht das Schwäbische. Es gibt viele Aufgaben, die dringender sind als die Imagepflege einer speziellen Mundart, zum Beispiel Deutschförderung schon in der Kita.

Zumal der Mundart auch Klischees anhaften. Dialekt vermittele Bodenhaftung, sagte Kretschmann der "Stuttgarter Zeitung". Er selbst könne mit ein paar schwäbischen Sätzen viel besser Vertrautheit erzeugen als jemand, der Hochdeutsch spreche, zum Beispiel in angespannten Koalitionsverhandlungen.

Diese Vertrautheit könnten sich, schlimmstenfalls, auch Verbrecher zunutze machen, die Senioren um ihr Bargeld erleichtern oder Kinder aus ihrem Viertel weglocken wollen. Deswegen ist es Zeit, dass wir hinter die Fassade schauen, die Sprache aufbaut - und die Menschen sehen.



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Seite 1
grisubilly 08.12.2018
1.
Die Contra-Argumentation überzeugt mich nicht, auch wenn der eine oder andere Punkt durchaus richtig ist. Dialekte sind Teil unserer regionalen Kultur und dürfen gerne erhalten bleiben. Sollte jemand deshalb ausgegrenzt werden, weil er den Dialekt (oder auch das umgangssprachliche Hochdeutsch) nicht zu 100% einwandfrei spricht, dann ist das doch nur vorgeschoben...
wo_st 08.12.2018
2. Entweder Oder
Natürlich gibt es nicht nur ein Nebeneinander von Dialekt und Hochsprache, den das bedeutet vermengen. Ein Entweder Oder im Dialekt und der Hochsprache fördert die Hirnleistung mehr, denn wir sprechen ja auch kein English mit schwäbischem Worten unser Satzstellung. Isch does so reacht?
Ruegen#1 08.12.2018
3. Auch Sprache ist Heimat
Als Schwarzwälderin seit 4 Jahren im hohen Nordosten ansässig, habe ich meinen Dialekt wieder schätzen gelernt und trage ihn stolz! Jeder darf hören, wo ich herkomme, auch wenn man wohl als Exot betrachtet, aber durchaus wohlwollend und freundlich angenommen wurde. Hat auch Vorteile: ich gehe immer noch als Tourist durch!
max.fi 08.12.2018
4. Es mag ja durchaus
Dialekte geben die dem Ohr schmeicheln, das Schwäbische gehört aber ganz bestimmt nicht dazu.
Nania 08.12.2018
5.
Dialekte sind eine feine Sache, aber brauchen wir sie? Spätestens, wenn das Kind dann wegzieht, von München nach Hamburg, von Hamburg nach Leipzig. von Leipzig nach Köln, dann ist es wohl relevanter, ob jemand gut Hochdeutsch spricht, Englisch und noch eine weitere Fremdsprache. Ja, der Dialekt vermittelt Heimatgefühl. Aber das heißt lange nicht, dass er auch etwas in der Schule verloren hat. Da wären andere Fächer sehr viel wichtiger und vor allem: nachhaltiger. Denn was hilft mir der Dialekt, wenn Mutter (aus Essen) und Vater (aus Koblenz) den sowieso nicht beherrschen? Außerdem sind Dialekte auch immer schwer für Leute, die neu aus einer anderen Stadt, aus einem anderen Dialektgebiet, ziehen. Die verstehen dann nämlich die eigenen Nachbarn nicht mehr. Als ich ausgezogen und circa 90 Kilometer von meinen Eltern weg meinen Wohnsitz genommen habe, konnte ich mit dem hießigen Dialekt nichts anfangen. In Gesprächen merkte man sofort, dass ich nicht aus der Gegend kam. Das machte die Arbeit mit Menschen, die hier aufgewachsen sind, extrem schwer. Dazu kommt noch ein Aspekt, der bei den "Pro-Argumenten" zu unbedacht bleibt: Dialekte können sich schon innerhalb einiger weniger Kilometer ziemlich unterscheiden. Da spricht der eine Neuhausener Platt, der nächste Althausener Platt und beide verstehen sich kaum noch. Separation statt Zusammenhalt - das kann doch auch nicht das Ziel sein, oder?
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