Streit über schwules Märchen Darf der Prinz einen Prinzen heiraten?

Die Fabel "King & King" spaltet Großbritannien: Thronfolger Bertie verliebt sich in einen Kerl. Der Text steht in einigen Grundschulen auf dem Lehrplan - shocking, finden Kirchenvertreter und manche Eltern.


Märchen können so grausam sein. Bei "Hänsel und Gretel" setzt eine Holzfäller-Familie die Kinder im Wald aus, die Hexe will die Kinder im Ofen braten. In einem anderen Klassiker verschlingt der Wolf die Geisslein gleich im Sixpack, und Schneewittchen wird hinterrücks von der Stiefmutter vergiftet - der reinste Horror.

Schwule Königskinder: Kein Prinzesschen für Prinz Böörti

Schwule Königskinder: Kein Prinzesschen für Prinz Böörti

Märchen können auch ganz zart klingen. Zum Beispiel die Geschichte von Prinz Bertie in "King & King". Der Thronfolger möchte sich verlieben, findet aber einfach keine Frau. Egal wie viele Bräute ihm die Königin auch vorstellt, keine kann sein Herz erobern. Bis er eines Tages den Prinzen Lee sieht. Der Junge läßt das Herz des Prinzen höher schlagen. Am Ende sind beide glücklich. Sie heiraten und dürfen sich auf der letzten Seite sogar küssen - allerdings sind ihre Lippen hinter einem roten Herz versteckt.

Die Liebesgeschichte um Bertie und Lee sorgt in Großbritannien gerade für Furore. Das Buch steht neuerdings auf dem Lehrplan mehrerer britischer Grundschulen. Im Rahmen des Pilotprojektes "The Outsiders", das von einer staatlich finanzierten Organisation getragen wird, sollen Kinder schon im Alter zwischen vier und elf Jahren lernen, dass nicht nur Mama und Papa miteinander glücklich sein können, sondern auch Mama und Mama oder Papa und Papa - und dass daran nichts schlimm ist.

Klingt vernünftig. Doch Kirchen und Elternverbände schlagen Alarm. "Ich habe kein Problem damit, was Erwachsene im gegenseitigen Einverständnis miteinander machen", poltert etwa Andy Hibbert vom Elternverband Parent Organisation, "ich glaube aber nicht, dass das Kindern aufgezwungen werden muss." Andere Eltern meinen, dass kleine Kinder mit vier oder fünf Jahren schlicht zu jung seien, um über gleichgeschlechtliche Liebe nachzudenken. Und Kirchenverbände unterstellen den Organisatoren, gezielt Homosexualität fördern zu wollen.

"Abscheulich und anrüchig"

Im "No Outsider"-Projekt sieht man das ganz anders. "Mit diesen Büchern lernen Kinder, über die Realität nachzudenken", sagt die Leiterin Elisabeth Atkinsen, "wenn wir Bilder von gleichgeschlechtlichen Paaren bewusst aus den Büchern verbannen, tragen wir dazu bei, dass homosexuelle Schüler auf dem Pausenhof schikaniert werden."

Die Aufregung über homosexuelle Geschichten im Unterricht ist in Großbritannien nicht neu. Vor gut 20 Jahren gab es schon mal ein ähnliches Vorhaben - bis die konservativ-gusseiserne Premierministerin Margaret Thatcher es stoppte. Der Umgang mit Sexualität hat sich inzwischen zwar gelockert, seit 2005 sind in Großbritannien gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt. Prominentes Beispiel: Popstar Elton John und sein Partner David Furnish. Ein homosexuelles Schulbuch jedoch geht manchen Eltern zu weit.

Noch heikler ist die Situation in den USA, wo in vielen Bundesstaaten die Ehe unter gleichgeschlechtlichen Paaren weiter verboten ist. Vor einem Jahr hatte das gleiche schwule Märchen einen kleinen Kulturkampf um sexuelle Werte und Bürgerrechte von Homosexuellen befeuert. Ein Lehrer einer Grundschule in Lexington nahe Boston hatte "King & King" seinen siebenjährigen Schülern vorgelesen - ohne vorher die Eltern um Erlaubnis zu fragen.

Einige Eltern protestierten heftig. Das Märchen sei "abscheulich und anrüchig", sagte etwa Brian Camenker von der Parents Right Coalition, einer konservativen Elterngruppe in Massachusetts. Zwei Elternpaare reichten gar Klage gegen die Schule ein. Sie sahen ihre religiösen Rechte verletzt. Per Gesetz müssten Lehrer die Eltern informieren, wenn sie mit ihren Schülern im Unterricht über Sexualkunde sprechen.

Die Schulleitung und die Schulbehörden widersprachen. Im Märchen um Prinz Bertie gehe es gar nicht um Sexualität, sondern um verschiedene Vorstellungen von Familie. Und daher gebe es auch keine Verpflichtung der Schule, Eltern der Schüler über die Lektüre des Buches zu informieren: "Wir wollen unseren Schülern lediglich die Welt erklären, in der sie leben", verteidigte Paul Ash von der Schulaufsicht in Lexington das Buch.

Das Bundesgericht in Boston hat der Schule kürzlich Recht gegeben. Es gebe nun mal verschiedene Orientierungen in der Gesellschaft - und dazu gehöre auch die sexuelle. Andere Ideen kennenzulernen, verletze nicht den religiösen Glauben der Familie.

Polen will "homosexuelle Propaganda" stoppen

In Großbritannien wird die Geschichte um Prinz Bertie zunächst an 14 Schulen gelehrt. Ist das Projekt erfolgreich, könnten Kinder in ganz Großbritannien in der Schule bald Märchen von lesbischen Müttern und schwulen Königen lesen. Die Kinder sollen auch Geschichten mit anderen gleichgeschlechtlichen Paaren hören. So schicken bei den "Spacegirl Pukes" zwei Mütter ihre Kinder auf eine Raumfahrt. Und in "And Tango makes three" verlieben sich zwei männliche Zoo-Pinguine ineinander und ziehen den Baby-Pinguin Tango groß.

Das Kinderbuch beruht auf einer wahren Begebenheit im New Yorker Zoo, ist auch in den USA beliebt und sorgte für Schlagzeilen: Im letzten Herbst forderten empörte Eltern in St. Louis, das Buch müsse aus dem Bücherregal der Schule ihrer Kinder verschwinden. Das allerdings lehnte der Schulrat ab.

Heftigen Krach gibt es unterdessen auch in Polen: Dort will der stark umstrittene Erziehungsminister Roman Giertych "homosexuelle Propaganda" an Schulen unter Strafe stellen und kündigte einen Gesetzesentwurf für die nächsten Wochen an. Giertych steht im Ruf einer Homophobie im Endstadium und hatte erst kürzlich beim Treffen der EU-Bildungsminister in Heidelberg Aufsehen mit heftigen Angriffen gegen Schwule erregt.

An mehreren Schulen seien Flugblätter mit küssenden Männern aufgetaucht, sagte sein Stellvertreter Miroslaw Orzechowski: "Wir müssen Einfluss ausüben, wenn wir noch können, nicht erst, wenn es zu spät ist." Kinder und Jugendliche seien leicht zu beeinflussen. Orzechowski bezog sich auf ein Anti-Aids-Projekt der Stadt Krakau, bei dem eine schwul-lesbische Gruppe Broschüren über sicheren Sex verteilte. Darin befand sich auch ein Bild küssender Männer - für Orzechowski ein Beispiel für "homosexuelle Propaganda": "Solche Bilder sprechen für sich."

mer/jol/dpa



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