Streit übers Abitur Unreife Prüfung

Sollen Deutschlands Abiturienten bundesweit dieselben Prüfungen schreiben? Zwar wollen alle Bundesländer mehr Vergleichbarkeit erreichen, doch einige Kultusminister preschen vor und verprellen damit ihre Kollegen. Es sieht nicht so aus, als ob das Chaos ums Abi bald ein Ende hat.

DPA

Das deutsche Schulsystem lässt Schüler und Eltern wieder und wieder verzweifeln, vor allem, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen. Es gibt Dutzende Schultypen, unterschiedliche Lehrpläne und Prüfungsanforderungen. Die Klischees vom laschen Abi in Bremen und Berlin und vom strengen in Bayern, sie sind schon fast sprichwörtlich.

Jetzt will die Politik zumindest bei der Vergleichbarkeit des Abiturs nachbessern, doch schon vor dem Ende der Woche geplanten Treffen der Kultusminister verheddern sich die Bildungspolitiker im Streit, der wiederum nicht streng entlang der Parteigrenzen verläuft. Da wird es auch wenig helfen, dass Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Länder noch einmal dazu aufgerufen hat, ihre Unstimmigkeiten auszuräumen.

Im Wesentlichen stehen sich zwei Positionen gegenüber:

  • Die Zentralprüfer wollen möglichst einen gemeinsamen Aufgabenpool, aus dem sich die Bundesländer bedienen. Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein bereiten das bereits vor, das war bekannt. Vor einigen Tagen dann preschte Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) vor und kündigte bereits Termine an: Musteraufgaben in Deutsch, Englisch und Mathematik soll es bereits im April geben, anderthalb Jahre später sollen Übungsklausuren folgen und 2014 dann das länderübergreifende Abitur.

  • Auf der anderen Seite stehen die Vergleicher, die identische Abituraufgaben und einen gemeinsamen Aufgabenpool verhindern wollen und stattdessen auf die "Gleichwertigkeit der Anforderungen" setzen, wie es die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann (Grüne), formulierte. Das Konzept sieht vor, sich an gemeinsamen Bildungsstandards zu orientieren, die die Kultusministerkonferenz (KMK) gerade erarbeitet.

Wenige Tage vor dem Treffen am Donnerstag und Freitag kochte der Streit hoch. Der derzeitige KMK-Präsident, Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD), der gerade in Hamburg ein Zentralabitur einführen will, zeigte sich zwar zunächst optimistisch, dass man sich irgendwie einigen werde. Vom Vorpreschen des niedersächsischen Kollegen Althusmann war er allerdings nicht begeistert: "Auch der angedachte Zeitpunkt für gemeinsame Abiturprüfungen schon 2014 scheint mir nicht realistisch", sagte Rabe am Wochenende.

Am Dienstag dann distanzierte er sich im "Deutschlandradio Kultur" allerdings stärker von der Idee: "Es wird immer viel von einem Zentralabitur geredet. Dabei wissen alle Beteiligten, dass es das in Deutschland kaum geben wird", sagte er. Eine zentrale Reifeprüfung scheitere schon an den Ferienregelungen der Länder. Dennoch könne versucht werden, die Arbeiten gleich schwer zu machen, sagte Rabe.

Besonders heftig schießt NRW-Ministerin Löhrmann gegen die Zentralisten: "So simpel der Vorschlag eines bundesweit einheitlichen Abiturs klingt, konsequent durchdacht hat er immense Folgen", warnte sie. "Die Aufgaben müssen in allen Bundesländern in allen Schulen und in jedem Fach am gleichen Tag gestellt werden." Sie halte dies für keineswegs erstrebenswert. "Das bedeutet auch eine Vereinheitlichung der Schulferien." Für alle Schülerinnen und Schüler müsste das Schuljahr zeitlich gleich strukturiert werden. "82 Millionen Deutsche würden dann also zeitgleich in die Sommerferien fahren."

Auch Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler bremst. Sie wolle zunächst die Bildungsstandards erarbeiten lassen, "bevor weitere Schritte in Richtung eines sogenannten Bundesabiturs gegangen werden".

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hingegen warb für eine Angleichung. "Wir laden alle Länder dazu ein, gemeinsam zwei Grundrechte in Einklang zu bringen, das Grundrecht auf Bildung und das auf Freizügigkeit und Mobilität", sagte er. Er wies Bedenken zurück, mit gemeinsame Aufgaben gebe es zu wenig Rücksicht auf regionale Besonderheiten. "Es ist das Ergebnis eines mehrjährigen Entwicklungsprozesses", sagte er. Entsprechende Bedenken seien berücksichtigt worden.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) sagte, sie rechne damit, dass beim KMK-Treffen ein wichtiger Zwischenschritt erreicht werde - und sprach sich für einen bundesweiten Aufgabenpool in den Kernfächern aus. Andererseits strebe ihr Bundesland aber kein einheitliches Zentralabitur in Deutschland an. Auch aus anderen Kreisen der Kultusminister wurde die Erwartung geäußert, dass es bei der Konferenz eine Verständigung in Richtung gemeinsamer Standards geben werde.

otr/dpa/dapd

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
a-synchron 06.03.2012
1.
Zitat von sysopDPASollen Deutschlands Abiturienten bundesweit dieselben Prüfungen schreiben? Zwar wollen alle Bundesländer mehr Vergleichbarkeit erreichen, doch einige Kultusminister preschen vor und verprellen damit ihre Kollegen. Es sieht nicht so aus, als ob das Chaos ums Abi bald ein Ende hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,819425,00.html
Man stelle sich vor, wenn die ersten Prüfungsfragen über Facebook und Co gepostet werden. Oder werden die Prüfungen dann auch alle an einem Prüfungstermin geschrieben??? Mir ist schon klar, dass es einen Fragenpool geben soll. Jedoch wäre dann schonmal vorab die grobe Richtung klar ;-)
leser_81 06.03.2012
2. Klar
Zitat von sysopDPASollen Deutschlands Abiturienten bundesweit dieselben Prüfungen schreiben? Zwar wollen alle Bundesländer mehr Vergleichbarkeit erreichen, doch einige Kultusminister preschen vor und verprellen damit ihre Kollegen. Es sieht nicht so aus, als ob das Chaos ums Abi bald ein Ende hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,819425,00.html
Klar macht ein zentrales Abi Sinn ! Ich habe bis heute noch nicht verstanden warum Bildung Ländersache ist. Es würde sich ein riesen Verwaltungsapparat und somit jede Menge Geld einsparen lassen. Es kann doch nicht sein, dass ein Schüler hier in Bremen (ich komme aus Bremen) Abi macht und dieses Abi in Bayern an einer Hochschule eher als besserer Realschulabschluss gilt.
nervmann 06.03.2012
3. Es nervt
Zitat von sysopDPASollen Deutschlands Abiturienten bundesweit dieselben Prüfungen schreiben? Zwar wollen alle Bundesländer mehr Vergleichbarkeit erreichen, doch einige Kultusminister preschen vor und verprellen damit ihre Kollegen. Es sieht nicht so aus, als ob das Chaos ums Abi bald ein Ende hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,819425,00.html
Neulich stand in SPON zu lesen, Studenten können im Studium nicht die Uni wechseln, weil gleichlautende Studiemngänge zu unterschiedlich seien. Das trotz harmonisierter Studienabschlüsse. Jetzt der gleiche Klamauk bei den Abis. Womit letztendlich nicht nur die Schüler sondern auch die Qualität der Schulen und Lehrer, wenn nicht sogar der Schulpolitik "geprüft" wird. Überhaupt Prüfung. Da wird in der Oberstufe vielen Mäßigen vorgegaukelt, sie bekämen das Abi und die werden dann mit strengen Prüfungen abgeschossen. Was für eine Ressourcenverschwendung. Ich bleibe dabei: Abi bestanden, wer in der Oberstufe in fast allen Fächern mindestens ausreichend war. Aber der Deutsche siebt halt gern aus. Obwohl es, Erfahrung nach 40 Berufsjahren, unnötig ist wie ein Kropf. Wer Spaß an seiner Ausbildung hat, wird auch mal ordentlich in seinem Beruf sein.
gruenewiese 06.03.2012
4. Scheinargument
Es ist völliger Quatsch zu behaupten, es würden dann 82 Millionen Deutsche am selben Tag in den Urlaub fahren. Der länderübergreifende Ferienanfang beträfe nur Schüler und Familien von Schülern, die am selben Tag Abitur geschrieben haben. Alle anderen, sprich Renter, Familien mit Kleinkindern, Singles, usw, sprich die Mehrheit der Deutschen, hätte an anderen Tagen Ferienbeginn. Vermutlich würde ein Zentralabitur sogar zu einer Entspannung auf deutschen Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen führen, denn das würde bedeuten, dass es innerhalb der Bundesländer jeweils 2 Ferienanfänge gäbe: einen für die Abiturienten und einen für alle anderen Schüler. Das ist also ein Scheinargument.
Fin_ 06.03.2012
5. Der arme Tourismus - oder auch nicht?
Zitat von gruenewieseEs ist völliger Quatsch zu behaupten, es würden dann 82 Millionen Deutsche am selben Tag in den Urlaub fahren. Der länderübergreifende Ferienanfang beträfe nur Schüler und Familien von Schülern, die am selben Tag Abitur geschrieben haben. Alle anderen, sprich Renter, Familien mit Kleinkindern, Singles, usw, sprich die Mehrheit der Deutschen, hätte an anderen Tagen Ferienbeginn. Vermutlich würde ein Zentralabitur sogar zu einer Entspannung auf deutschen Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen führen, denn das würde bedeuten, dass es innerhalb der Bundesländer jeweils 2 Ferienanfänge gäbe: einen für die Abiturienten und einen für alle anderen Schüler. Das ist also ein Scheinargument.
Genau das habe ich mir auch gerade gedacht. Es betrifft eben genau die Sommerferien für Abiturienten, sprich alle anderen Ferien und alle anderen Klassenstufen sind davon in keinster Weise betroffen. Desweiteren ist die Abizeit ohnehin über eine so lange Zeit gestreckt, dass die "Sommerferien" richtig lange dauern. Ich hatte zwischen meinem letzten Schultag im April 2008 und Beginn meines Zivildienstes im September mit Unterbrechungen für 4 Prüfungen, Bekanntgabe der Ergebnisse, Zeugnisvergabe und Abiball (also gesamt 7 Tage) 5 Monate am Stück frei. Vielleicht haben da bestimmte Leute Angst um ihre regionalen Kultusministerien...
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