Streit um Mittlere Reife Richter lehnt Schüler-Klage gegen Turbo-Abi ab

Das Verwaltungsgericht Frankfurt hat die Klage eines 14-Jährigen abgewiesen, die sich gegen eine Folge des Turbo-Abiturs nach Klasse 12 richtet: Der Junge will erreichen, schon nach der 9. Klasse die Mittlere Reife zu erhalten, statt wie bisher nach Klasse 10. Seine Anwältin will in Berufung gehen.

Voller Stundenplan: Richter halten an Mittlerer Reife nach Klasse 10 fest
dpa

Voller Stundenplan: Richter halten an Mittlerer Reife nach Klasse 10 fest


Der 14-jährige Gymnasiast meint, dass Schüler auf dem Weg zum Abitur nach Klasse 12 schon nach neun Schuljahren einen Realschul- und nicht nur einen Hauptschulabschluss haben sollten. Dies sollte auch auf dem Zeugnis bescheinigt werden. Bisher bekommen auch die Schüler, die das Turbo-Abitur anstreben, erst nach Klasse 10 ein Zeugnis, das der Mittleren Reife gleichgestellt ist.

Nach Ansicht des Verwaltungsgerichts Frankfurt hat der Kläger aber nach Klasse 9 keinen Anspruch auf die Mittlere Reife. Der Realschulabschluss werde "seit jeher" erst nach zehn Jahren Schule erteilt, auch wenn im G8-Bildungsgang die Oberstufe bereits nach der 9. Klasse beginnt.

Das Urteil war bereits vergangene Woche in einem schriftlichen Verfahren ergangen, wie das Verwaltungsgericht am Montag mitteilte (Aktenzeichen: 5 K 2040/10.F). Die Anwältin des Klägers will beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel Berufung einlegen.

Die Rechtslage in Hessen verstößt nach Ansicht des Richters nicht gegen höherrangiges Recht, insbesondere nicht gegen den Gleichheitsgrundsatz. In allen Bundesländern erwürben Schüler erst nach der 10. Klasse den mittleren Abschluss, das entspreche der ständigen Beschlusslage der Kultusministerkonferenz (KMK).

"Die G8- Reform hat die Sachlage verändert"

In Hessen laufen das acht- und das neunjährige Gymnasium derzeit noch parallel. Im Jahr 2013 werden die letzten Schüler nach Klasse 13 das Abitur ablegen.

Sibylle Schwarz, Anwältin des Schülers aus dem Main-Taunus-Kreis, kritisierte das Urteil. Die vom Richter verwendete Formulierung "seit jeher" sei nicht angebracht. "Die G8- Reform hat die Sachlage verändert." Ihrer Meinung nach ist es egal ob jemand in G8 oder G9 die Mittelschule erfolgreich abgeschlossen hat. Entscheidend sei, dass er damit die Oberstufe besuchen darf. Weil folglich der Leistungsstand derselbe sei, müssten beide Schülergruppen auch den gleichen Nachweis erhalten.

"Uns schreiben Familien aus ganz Deutschland, die das gleiche Problem haben. Warum das Gericht den Familien nicht hilft, ist nicht nachvollziehbar." Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) hatte bereits in der KMK auf eine Änderung gedrängt, allerdings ohne Erfolg. Schon ihre Amtsvorgängerin Karin Wolff (CDU) hatte 2004 einen entsprechenden Antrag gestellt. Der wurde aber mit einer deutlichen Mehrheit abgelehnt: Zehn Länder stimmten dagegen, vier dafür, zwei enthielten sich.

Das hessische Kultusministerium hatte die Klage des Schülers begrüßt. "Er kämpft in der gleichen Sache wie wir", sagte eine Sprecherin im August.

bim/dpa

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insgesamt 14 Beiträge
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Hardliner 1, 24.01.2011
1. Geschenk
Zitat von sysopDas Verwaltungsgericht Frankfurt hat die Klage eines 14-Jährigen abgewiesen, die sich gegen eine Folge des Turbo-Abiturs nach Klasse 12 richtet:*Er*will erreichen, schon nach der neunten Klasse die Mittlere Reife zu erhalten, statt wie bisher nach Klasse zehn. Seine Anwältin will in Berufung gehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,741360,00.html
Hauptschulabschluss nach zehn Jahren, Mittlere Reife bereits nach neun Jahren - das passt nicht zusammen. Es besteht zudem die Gefahr, dass chancenlose Gymnasiasten die Mittlere Reife am Gymnasium Geschenk bekommen - quasi als Dank dafür, dass sie das Gymnasium verlassen. Im übrigen habe ich in über 30 Jahren Tätigkeit mit Schulabsolventen den Eindruck gewonnen, dass viele Mittlere-Reife-Abschlüsse das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen.
Mathe-Freak 24.01.2011
2. .....
Zitat von Hardliner 1Hauptschulabschluss nach zehn Jahren, Mittlere Reife bereits nach neun Jahren - das passt nicht zusammen. Es besteht zudem die Gefahr, dass chancenlose Gymnasiasten die Mittlere Reife am Gymnasium Geschenk bekommen - quasi als Dank dafür, dass sie das Gymnasium verlassen. Im übrigen habe ich in über 30 Jahren Tätigkeit mit Schulabsolventen den Eindruck gewonnen, dass viele Mittlere-Reife-Abschlüsse das Papier nicht wert sind auf dem sie stehen.
Jop den Hauptschuldabschluss kann man schon nach der 5 Klasse geschenkt bekommen. Besonders viel lernt man in der Hauptschule eh nicht mehr dazu. Bei der Realschule sieht es auch nicht soooo viel besser aus. Da muss man halt kein Dreieck mehr berechnen sondern ein Trapez wuhuuu (mit Tafelwerk). So sind halt meine Eindrücke aus Sachsen, den PISA Sieger... Schwer vorstellbar das es woanders noch schlechter geht (okay auch schon gesehen, Dreieck wird nicht mehr per Hand berechnet, die richtige Lösung wird von drei Vorgaben angekreuzt).
cedebe 24.01.2011
3. Danke, Nein.
Wozu will der Schüler im Turbo-Abitur-Jahrgang unbedingt seine mittlere Reife auf dem Zeugnis der 9. stehen haben? Ich denke, er hat sich für das Turbo-Abitur entschieden. Was nicht mal turbo ist, wenn man es mit den Ländern vergleicht, die für alle Gymnasiasten mit 12 Jahren rechnen... Und mit so einem Müll werden die Gerichte belastet. Als wären die nicht eh langsam genug. Zum Glück unterstützt das Kultusminesterium, die hätten ja sonst offenbar auch nichts zu tun. Und ein Artikel konnten wir auch noch schreiben. Wieder viele Arbeitsplätze gesichert. Danke Kläger.
wetko 25.01.2011
4. nötiger wandel
der schüler strebt mit seiner Klage ein wichtiges Ziel an, denn aus der Praxis zeigt sich, dass es erste schwierige Fälle gibt... Die Notenkonferenzen liegen hinter uns und aufgrund der seltsamen Sachlage gibt es nun Schülerinnen und Schüler in Hessen, die den Zugang zur Oberstufe im G8 Bereich ordnungsgemäß erworben haben. Nun haben sie das Problem, dass sie die Einführungsphase (ehemals Klasse 11) nicht erfolgreich absolvieren werden und damit schon jetzt absehbar keine Versetzung in die Qualifikationsphase (ehemals Klasse 12) erreichen werden. Damit absolvieren sie ihr 10. Schuljahr NICHT erfolgreich und stehen dann plötzlich (wenn sie nicht den Weg der Klage wählen) trotz erfolgreicher Versetzung in die Oberstufe nach 10 Schuljahren mit dem Hauptschulabschluss dar. In einem konkreten Fall, den ich kenne hat sich eine Schülerin nun dazu entschieden freiwillig in das 9. Schuljahr an eine Realschule zu wechseln, wo sie dann im nächsten Schuljahr (Sommer 2012 - also nach insgesamt 11 Schuljahren) den Realschulabschluss erwirbt, den sie ja eigentlich der Qualifikation nach schon hat.... Und ein Wechsel in die laufende Klasse 10 der Realschule ist nicht mehr möglich, da bereits die Präsentationsprüfungen der Realschulen gelaufen sind! Herzlichen Glückwunsch! In diesem Sinne unterstütze ich die Klage voll und ganz und hoffe darauf, dass sie erfolgreich ist und junge Menschen, die dazu gedrängt werden, schneller die Schule zu absolvieren am Ende nicht dafür bestraft werden, indem sie ein Schuljahr wiederholen müssen nur um am Ende die gleiche Qualifikation zu erreichen, die sie eigentlich schon mit Abschluss der Klasse 9 hatten...
lebue 25.01.2011
5. Wer im Glashaus sitzt, ...
Zitat von Mathe-FreakJop den Hauptschuldabschluss kann man schon nach der 5 Klasse geschenkt bekommen. Besonders viel lernt man in der Hauptschule eh nicht mehr dazu. Bei der Realschule sieht es auch nicht soooo viel besser aus. Da muss man halt kein Dreieck mehr berechnen sondern ein Trapez wuhuuu (mit Tafelwerk). So sind halt meine Eindrücke aus Sachsen, den PISA Sieger... Schwer vorstellbar das es woanders noch schlechter geht (okay auch schon gesehen, Dreieck wird nicht mehr per Hand berechnet, die richtige Lösung wird von drei Vorgaben angekreuzt).
Wenn man sich kritisch zum Thema Bildung äußert, wäre eine korrekte Rechtschreibung durchaus angebracht.
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