Streitgespräch über Spickmich.de "Anonyme Lehrerbenotung ist feige"

Bei Spickmich.de bewerten Schüler ihre Lehrer - Meinungsfreiheit oder Mobbing? Zornige Pädagogen stritten mit den Gründern bisher nur vor Gericht, jetzt trafen sie sich erstmals: Peter Silbernagel vom Philologenverband, Manuel Weisbrod und Bernd Dicks von der Webseite.


Lehrerfunktionär Peter Silbernagel, Bernd Dicks und Manuel Weisbrod von Spickmich.de (von links, mit Journalistin Britta Mersch): Dürfen Schüler Pädagogen im Internet benoten?
Armin Himmelrath

Lehrerfunktionär Peter Silbernagel, Bernd Dicks und Manuel Weisbrod von Spickmich.de (von links, mit Journalistin Britta Mersch): Dürfen Schüler Pädagogen im Internet benoten?

SPIEGEL ONLINE: Herr Silbernagel, zeugt es nicht von Dünnhäutigkeit, wenn Sie in einem Atemzug mit kriminellem Online-Mobbing auch die eher harmlose Lehrer-Bewertungsseite Spickmich.de nennen?

Silbernagel: Lehrer sind nicht dünnhäutig, aber sie sollten eine gewisse Sensibilität besitzen. Wir wollten das Internet in den Mittelpunkt rücken - hier gibt es vieles, das die Grenzen alberner Schülerscherze übersteigt. Wie Kollegen verunglimpft und beschimpft werden, ist zum Teil ein Fall für den Staatsanwalt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weisbrod und Herr Dicks, können Sie bei Spickmich verhindern, dass Lehrer zum digitalen Freiwild werden?

Weisbrod: All das, worauf Herr Silbernagel hier anspielt - Porno-Montagen, Hinrichtungsvideos - finden wir schrecklich. Und wir tun alles, damit das bei uns nicht stattfindet.

Dicks: Wir haben auf jeder Seite einen Button mit der Aufschrift: "Hier stimmt was nicht - diesen User melden, diesen Beitrag melden." Es gibt technische Filter, und die Lehrerzitate werden von uns durchgeschaut und dann erst freigeschaltet. Deshalb war ich auch so entrüstet, als Sie unser Bewertungs-Portal in Zusammenhang mit Beleidigungen und Bedrohungen brachten. Das ist ein starkes Stück!

Silbernagel: Aber Sie können nicht ausschließen, dass gerade über ungeprüfte Lehrerzitate beleidigende Aussagen auf Ihre Seite kommen. Das kann schnell die Grenze des Zumutbaren überschreiten, wenn es nämlich sexistische oder rassistische Bemerkungen sind.

SPIEGEL ONLINE: Kann Spickmich bei 250.000 angemeldeten Nutzern und schon über 100.000 Lehrerbewertungen wirklich garantieren, dass alles in Ordnung ist?

Weisbrod: Wir geben nur Zitate frei, die auch etwa in einer Schüler- oder Abi-Zeitung stehen könnten. Wenn es trotzdem Probleme gibt und ein Lehrer uns eine Mail schreibt, dann ist sein Zitat innerhalb von 60 Minuten aus dem Netz - ohne jede Nachfrage. Wir haben kaum Beschwerden, alle zwei Wochen meldet sich mal jemand.

SPIEGEL ONLINE: Dramatisiert die Lehrerlobby Einzelfälle?

Silbernagel: Es mag ja sein, dass sich von Zehntausenden nur wenige melden. Das ändert nichts daran, dass das Anliegen insgesamt fragwürdig und höchst problematisch ist. Dieses Bewertungsschema ist weder seriös noch tragfähig. Stichworte wie "sexy" oder "leichte Prüfungen" regen nun wirklich keinen Austausch zwischen Lehrkraft und Schülerschaft an, auch wenn Sie diesen Eindruck gern erwecken.

Weisbrod: Darf ich fragen, ob Sie ein gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit haben?



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