Studenten treffen Einwandererkinder Blick in andere Welten

Migrantenkinder haben es in Deutschland schwer. In Freiburg arbeiten Studenten für eine bessere Integration: Sie fördern Grundschüler - nicht als Nachhilfelehrer, sondern als Mentoren im Alltag. Kinder, Lehrer und Studenten sind begeistert, Freiburgs Oberbürgermeister auch.

Von Fabian Vögtle und Stefanie Stahlhofen


Benjamin stürmt davon, "warte doch mal!" ruft Anna Gaß und rennt hinterher. Benjamin ist nicht ihr Sohn, aber in gewisser Weise ihr Kind: Anna Gaß, Studentin der Pädagogischen Hochschule, ist Benjamins Mentorin. Jede Woche treffen sich die beiden und unternehmen etwas. Heute steht ein Ausflug auf den Schlossberg in Freiburg auf dem Programm.

Gaß nimmt am Nightingale-Projekt teil. Vor zwölf Jahren betreuten in Malmö erstmals Studenten der Erziehungswissenschaften Grundschüler aus Einwandererfamilien, um die Kinder besser in die Gesellschaft zu integrieren und ihre Bildung zu fördern. Der Gedanke dahinter: Wer sich akzeptiert und wohl fühlt, kommt in der Schule besser zurecht.

Das spiegelt auch der Titel des Projekts wider: "Nightingale". Die Nachtigall ist ein kleiner Vogel, der sehr schön singt - wenn er sich sicher fühlt. Außerdem ist sie das Symbol der Stadt Malmö.

Das Förderprogramm ist erfolgreich, längst über die Grenzen Schwedens hinaus bekannt und ein anerkanntes EU-Projekt. Die Nachtigallen sollen - mit einer Anschubfinanzierung der EU - in sieben weiteren Ländern singen, auch in Deutschland.

Der Lohn ist Erfahrung

Der Bedarf in Deutschland ist groß. Kürzlich zeigte der Integrationsbericht der Bundesregierung: Am größten ist das Integrationsdefizit von Zuwanderern bei der Bildung. Zwischen 2005 und 2007 verließen 16 Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien die Schule ohne einen Abschluss, bei den deutschen Jugendlichen waren es nur 6,5 Prozent. Schon die internationale Untersuchung der Lesekompetenz an Grundschulen (Iglu) hatte ein deutliches Bild ergeben: An Deutschlands Schulen haben es Einwanderer schwer.

Steffen Graf mit Baki: Gelebte Integration
Steffen Harr

Steffen Graf mit Baki: Gelebte Integration

Seit 2007 gibt es "Nightingale" in Berlin und Freiburg, speziell für acht- bis zwölfjährige Kinder "mit Migrationshintergrund", wie es stets politisch korrekt heißt. In Freiburg sind das vor allem Kinder aus Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan, Irak und dem Libanon.

Lehrer und Dozenten koordinieren das Projekt. Die Studenten müssen sich schriftlich bewerben, Referenzen vorweisen und ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Sie können wählen, ob sie für ihr Engagement einen Schein bekommen oder ein bisschen Geld. Manche verzichten auf beides, ihr Lohn ist Erfahrung im Umgang mit Migrantenkindern - und besondere Momente mit ihnen.

Zu wenig Aufmerksamkeit

Klassenleiter, Schulkoordinator und Rektor wählen die Schüler aus. Stimmen auch die Eltern zu, können die Treffen beginnen. Von Oktober bis Juni betreut je ein Student einen Schüler. Einmal die Woche verbringen sie zwei bis drei Stunden miteinander, gehen zusammen spazieren, ins Museum oder kochen in der WG ihrer Mentoren.

"Der Mentor ist kein Lehrer und auch kein Sozialpädagoge, sondern ein Erwachsener als wichtige Bezugsperson, durchaus vergleichbar der Mutter", betont Hochschulkoordinator Guido Schmitt. Eine feste und verläßliche Bezugsperson sei elementar für die Entwicklung der Kinder.

"Die Schüler blühen auf, sind viel lockerer und selbstbewusster, teilweise auch besser im Unterricht", berichtet Heike Albrecht-Brügel, Freiburger Sonderschullehrerin und Schulkoordinatorin des Projekts. Oft sei es für die Eltern anfangs schwierig, die Verantwortung für ihre Kinder an fremde Erwachsene abzugeben. Doch Albrecht-Brügel hält es für wichtig, dass die Kinder außerhalb der Schule noch andere Dinge sehen. Die Eltern hätten oft nur wenig Zeit, weil sie viel arbeiteten oder weil viele Kinder in den Familien seien - und dann fehle es an Aufmerksamkeit.

"Da kommt ein gewisser Zauber rüber"

Elternarbeit sehen die Statuten aus Malmö zwar nicht vor, doch die Koordinatoren halten sie für unumgänglich. Während die Eltern zumindest anfangs etwas skeptisch seien, werde das Projekt von den Kindern "hoch geschätzt", erzählt Albrecht-Brügel stolz.

Wenn ihr Lehrer von freudestrahlenden und motivierteren Schülern erzählen, sieht sie ein Ziel erreicht: "Da kommt ein gewisser Zauber rüber." Bisher können allerdings nicht alle Kinder, die teilnehmen möchten, aufgenommen werden. Das Budget von derzeit 5000 Euro pro Durchgang ist zu klein, es reicht für 22 Plätze.

Das wird sich bald ändern: Schmitts Arbeitsstelle an der PH wird voraussichtlich im Zuge seiner Pensionierung geschlossen. Die Stadt Freiburg wird ab Herbst neuer Träger. Der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon und Bürgermeisterin Gerda Stuchlik hatten sich das Projekt an einer Grundschule angesehen und waren begeistert. "Wir haben spontan entschieden, das noch in den Haushalt aufzunehmen", so Schulamts-Leiter Rudolf Burgert.

Die Stadt will das Projekt vergrößern

10.000 Euro stehen dann pro Durchgang zur Verfügung, doppelt so viel wie bisher. Weitere Grundschulen sollen mitmachen und neben PH-Studenten auch Mentoren der Katholischen wie der Evangelische Fachhochschule hinzukommen. Langfristig will die Stadt 100 Nightingale-Paare pro Durchlauf bilden.

Der elfjährige Baki ist schon zum zweiten Mal dabei. Immer montags trifft er sich mit Steffen Graf, 25. Der Pädagogikstudent ist überzeugt, dass man nicht jedes Mal etwas Spektakuläres machen muss. Einmal haben Baki und er sich lange über Freundschaft unterhalten, ein anderes Mal in Steffens WG gemeinsam Weihnachtsgeschenke gebastelt. Das war auch für Steffen spektakulär: "Da habe ich das erste Mal in meinem Leben etwas gebastelt, das hat großen Spaß gemacht!" Mit seiner Begeisterung ist Steffen nicht allein - Baki hat die verbleibenden Montage gezählt und meint: "Wir sehen uns nur noch 20 Mal, das ist ja voll scheiße."

Doch Nightingale ist kein reines Spaßprogramm. Es heißt auch erleben, was "Migrationshintergrund" tatsächlich bedeuten kann: Die Studenten treffen Kinder, die Mutter oder Vater im Krieg verloren haben; in winzigen Zimmern schlafen schon mal ganze Familien. Harmlos ist dagegen, wenn die Mentoren helfen, Formulare für das Sozialamt auszufüllen, die sie selbst als Akademiker und Muttersprachler kaum verstehen.

Wissenschaftliche Theorien, messbare Erfolge - für Steffen Graf ist das nebensächlich. "Es freut mich einfach, wenn ich sehe, dass sich Baki freut. Schon allein deshalb ist das eine gute Sache."

Mitarbeit: Diane Tchomin

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