Studie Eltern bewerten Bildungschancen überraschend positiv

Überfüllte Klassen, überforderte Lehrer, schlechte Schüler: Die Vorurteile gegenüber Schulen sind gewaltig. Doch stimmen sie auch? Eltern zeigen sich in einer Umfrage optimistisch. Bildungsforscher sind überrascht.

Siebtklässler in Friedrichshafen (Baden-Württemberg)
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Siebtklässler in Friedrichshafen (Baden-Württemberg)


Eltern bewerten die Bildungschancen in Deutschland positiver als noch vor sieben Jahren, wie aus einer aktuellen Studie im Auftrag des Kindermode- und Spielzeugunternehmens Jako-o hervorgeht. Bei der repräsentativen Studie wurden im Januar und Februar 2017 bundesweit 2000 Eltern mit schulpflichtigen Kindern bis zu 16 Jahren befragt.

Bei einer vergleichbaren Studie 2010 schätzten nur 50 Prozent der Befragten die Bildungschancen als gerecht ein. 2017 sind es 65 Prozent - ein deutlicher Zuwachs.

Forscher reagieren verwundert

"Überraschend ist, dass die Meinungen der Eltern in vielen Bereichen deutlich positiver ausfallen, als man das angesichts häufig vorgetragener Klagen hätte erwarten können", sagt Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld.

Doch nicht alle sind zufrieden. "Diese positive Einschätzung beobachten wir regional sehr deutlich, aber leider auch sehr unterschiedlich", sagt Martina Richter, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrates. Am gerechtesten geht es demnach in Bayern zu. Dort halten 72 Prozent der befragten Eltern das Bildungssystem für gerecht. In Berlin sind davon nur 52 Prozent der Eltern überzeugt, der niedrigste Wert bundesweit. Auch Alleinerziehende nehmen das Schulsystem als deutlich weniger gerecht wahr, hier liegt die Quote bei 52 Prozent.

Bildungsforscher sehen das ähnlich. "Angesichts des weiterhin engen Zusammenhangs zwischen Herkunft und Schulerfolg ist das deutsche Schulsystem noch weit davon entfernt, gerecht zu sein", so Tillmann. Ein wichtiger Punkt sei deshalb der Ausbau von Ganztagsschulen, die für vergleichbare Lernchancen für alle Schüler sorgten.

Ganztagsschulen: Bedarf größer als Angebot

Fast drei Viertel der Eltern wünschen sich laut der Befragung eine Ganztagsschule für ihr Kind, doch nur jeder zweite Schüler geht tatsächlich auf eine Ganztagsschule.

"Hier zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Elternwunsch und Realität", sagt Tillmann. "Gleichzeitig sehen die Eltern bei den gegenwärtigen Ganztagsschulen teilweise erhebliche Qualitätsdefizite." Ein Drittel der Eltern fordern eine bessere individuelle Förderung. Jeder Vierte ist unzufrieden mit der Hausaufgabenbetreuung, den Gesprächen zwischen Eltern und Pädagogen oder der Verknüpfung von Unterricht und Freizeitangeboten.

Allerdings haben sich die Bewertungen von Ganztagsschulen seit der vorigen Befragung 2014 leicht verbessert. Dennoch zeige die Umfrage, dass es nicht nur Ganztagsschulen bräuchte, sondern auch bessere Angebote, so Tillmann.

Inklusion: Ja, aber …

In der Studie wurden die Eltern auch zum Thema Inklusion befragt. Die meisten Eltern befürworten gemeinsames Lernen zwischen Kindern mit und ohne Behinderung. Das hängt allerdings stark von der Art der Behinderung ab. Neun von zehn Eltern sind für gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne körperliche Behinderung. Bei Kindern mit Lernschwierigkeiten sind es dagegen nur 71 Prozent. Die Inklusion geistig behinderter Kinder wird dagegen nur von 41 Prozent der Eltern gefordert. 2012 hatten sich noch 46 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen.

Die Eltern, deren Kind eine Inklusionsklasse besucht, machen dagegen überwiegend positive Erfahrungen. 64 Prozent sagten, in den Klassen gebe es zusätzliches Personal und der gemeinsame Unterricht werde allen Kindern gerecht.

Bildungsforscherin Dagmar Killus von der Uni Hamburg fordert deshalb: "Schulbehörden und Schulen sind aufgefordert, im Dialog mit den Eltern Widerstände und Ängste zu thematisieren und weitere Überzeugungsarbeit zu leisten."

Die Umfrage zeigte auch, dass Inklusion nicht an allen Schulen in gleichem Ausmaß gelebt wird. Während an 58 Prozent der Gesamtschulen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden, trifft das nur auf 35 Prozent der Gymnasien und nur auf 29 Prozent der Realschulen zu.

Integration: Flüchtlingskinder sollten möglichst schnell Schule besuchen

Überwiegend positiv wird auch die Integration von Flüchtlingskindern bewertet. 95 Prozent der Eltern finden es gut, wenn Kinder aus Flüchtlingsfamilien schnellstmöglich zur Schule gehen. Fast drei Viertel der Eltern fordern jedoch, dass Flüchtlingskinder zunächst in eigenen Klassen unterrichtet werden sollten, um Deutsch zu lernen.

Für die meisten Schüler gehört Integration zum Schulalltag. Etwa zwei von drei Kindern gehen auf eine Schule, an der auch Flüchtlingskinder unterrichtet werden. Grundschulen weisen mit 70 Prozent den höchsten Wert auf, Gymnasien mit 51 % den niedrigsten. Von Einschränkungen des Schulbetriebs durch Flüchtlinge - etwa durch Belegung der Sporthallen - berichteten lediglich 14 Prozent der Eltern. Die große Mehrheit (83 Prozent) hat keinerlei Einschränkungen wahrgenommen. "Die Ergebnisse zeigen eine hohe Solidarität der Eltern gegenüber den in unser Land geflüchteten Kinder", sagte Richter vom Bundeselternrat.

Weitere Ergebnisse der Studie:

  • 54 Prozent der Eltern sprachen sich für längeres gemeinsames Lernen der Schulkinder aus. Die Schüler sollten demnach erst nach der 6. Klasse auf die verschiedenen Schulformen aufgeteilt werden. Der Anteil ist jedoch leicht rückläufig. 2012 forderten noch 60 Prozent der Eltern eine Trennung ab Klasse 6.
  • Viele Eltern bemängelten, dass einige Themen im Schulalltag zu kurz kämen. So wünschen sich 59 Prozent, dass ihr Kind mehr über wirtschaftliches Denken und Handeln lernt. Weitere Themen auf der Wunschliste: Ernährung, Computerkenntnisse, literarische Bildung, Berufsorientierung und Kunst.
  • Überraschend zufrieden zeigten sich die Eltern mit den Lehrern. 84 Prozent der Befragten gaben an, die Lehrkräfte leisteten hervorragende Arbeit. Zudem lobten mehr als 80 Prozent die gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schülern. Ein Manko ist offenbar noch immer der mangelnde Einsatz neuer Unterrichtsmethoden. Nur 56 Prozent der Eltern gaben an, die Lehrer ihrer Kinder würden moderne Unterrichtsformen nutzen.
  • Leichte Unterschiede lassen sich zwischen G8- und G9-Schülern feststellen: Während 13 Prozent der Eltern von G9 Schülern angaben, ihr Kind sei in der Schule unterfordert, waren es bei den G8-Schülern nur etwa acht Prozent. Im Gegenzug fühlen sich offenbar mehr G8-Schüler überfordert (elf Prozent). Bei den G9-Schülern sind es nur acht Prozent. Zeitgleich bekommt im Schnitt jeder zehnte G8-Schüler hin und wieder Nachhilfe, bei den G9-Schülern ist es nur etwa jeder 16. Schüler.
  • 87 Prozent der Eltern fühlen sich verpflichtet, sich intensiv um die schulischen Leistungen der Kinder zu kümmern. 2010 waren es allerdings noch 94 Prozent. Die Kritik, die Schulen würden ihre Aufgaben nicht ausreichend erfüllen, hat dagegen abgenommen. Während 2010 noch zwei von drei Eltern sagten, sie müssten vieles leisten, was eigentlich Aufgabe der Schule sei, sagte das bei der aktuellen Umfrage nur noch etwa jeder Zweite.

Zusammengefasst: Eltern haben in einer repräsentativen Umfrage die Situation der Schulen in Deutschland positiv bewertet. Bildungsforscher sind von dem positiven Ergebnis überrascht. Was gut läuft: Das Bildungssystem wird zunehmend als gerecht empfunden. Zudem sind die Eltern überwiegend zufrieden mit den Lehrern. Wo nachgebessert werden muss: Nur etwa jeder Zweite hält es für richtig, wenn Kinder mit geistiger Behinderung gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung unterrichtet werden. Bildungsforscher fordern deshalb von Schulen und Behörden, gezielt Vorbehalte anzusprechen und abzubauen.

koe

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