Gesundheit, Bildung, Lebenschancen Wie Armut unsere Kinder belastet

Fast jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Und das hat Folgen: Die Betroffenen essen ungesünder, machen weniger Sport und haben schlechtere Bildungschancen.

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Gesundheit, Bildung, Lebenschancen: Je ärmer das Elternhaus, desto größer ist das Risiko für Kinder und Jugendliche. Wer aus einem sozial schwächeren Umfeld stammt, hat schon als Minderjähriger ein deutlich erhöhtes Risiko etwa einer psychischen Erkrankung. Konkret von Armut bedroht ist fast jedes sechste Kind.

Auch auf den Bildungsweg wirkt sich die Herkunft aus: Über die Hälfte der Hauptschüler in Deutschland lebt bei Eltern, die selbst einen Hauptschulabschluss (42 Prozent) oder gar keinen allgemeinbildenden Abschluss (14 Prozent) haben. Bei den Gymnasiasten ist es genau andersherum: Im Jahr 2017 hatte mit 65 Prozent die überwiegende Mehrheit dieser Schüler Eltern mit Abitur oder Fachhochschulreife.

Die Zahlen stammen aus dem "Datenreport 2018", der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Die Studie untersucht die Lebenssituation insbesondere von Kindern in Deutschland aus zahlreichen Blickwinkeln: Die familiären Verhältnisse und die wirtschaftliche Situation wurden ebenso betrachtet wie das Freizeitverhalten, die eingeschlagenen Bildungswege und das gesellschaftliche Engagement von Kindern und Jugendlichen.

Details zum Datenreport
Welche Daten wurden ausgewertet?
Ergebnisse der amtlichen Statistik wurden für den Report mit empirischen Befunden der Sozialforschung kombiniert. Es handelt sich also um eine neue Auswertung bereits erhobener Daten. Genutzt werden beispielsweise Ergebnisse des sozio-oekonomischen Panels (SOEP).
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Ja, die genutzte Datenbasis lässt repräsentative Schlüsse für die untersuchten Bevölkerungsgruppen zu.
Wer gilt in der Studie als arm?
Nach einer EU-Definition gelten Personen als "verarmt", "wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Für die Studie gelten Familien dann als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland beträgt.
Wer war an der Studie beteiligt?
Der Datenreport ist eine gemeinsame Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts, der Bundeszentrale für politische Bildung, des Wissenschaftszentruma Berlin für Sozialforschung und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Die Zahl der Minderjährigen ist in den vergangenen zwanzig Jahren um 14 Prozent gesunken. 1997 lebten noch 15,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, 2017 waren es nur noch rund 13,4 Millionen.
  • Zwar hat sich die gesundheitliche Situation der Kinder insgesamt verbessert - sie hängt im Einzelfall aber stark von der wirtschaftlichen Situation der Eltern ab. "Das beginnt schon vor der Geburt", schreiben die Forscher: "Etwa 30 Prozent der Mütter mit niedrigem sozioökonomischem Status rauchen während der Schwangerschaft; bei Müttern mit hohem sozioökonomischem Status sind es nur 2 Prozent."
  • Die gesundheitlichen Ungleichheiten setzen sich dann im weiteren Leben fort. So haben Minderjährige aus ärmeren Elternhäusern öfter psychische Probleme oder sind verhaltensauffällig. Außerdem treiben sie seltener Sport, ernähren sich ungesünder und sind häufiger übergewichtig. "Eltern, die über ein hohes Einkommen verfügen, tun sich leichter, eine gesunde Lebensweise zu finanzieren", sagt Mareike Bünning vom Wissenschaftszentrum Berlin: "Außerdem besitzen sie in der Regel auch einen höheren Bildungsstand und damit ein größeres Wissen über gesundheitsförderliches Verhalten."
  • Wie stark sich Schüler belastet fühlen, hängt stark von der Schulform ab, die sie besuchen. Rund die Hälfte der Schüler fühlt sich nach dem Unterricht "meistens erschöpft". Insbesondere Hauptschüler empfinden die Schule als besonders belastend und haben hier am wenigsten Spaß.

"Die Lebensverhältnisse der Kinder in Deutschland sind hochgradig unterschiedlich", sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung: Was Kinder im Leben erreichen könnten, hänge von zahlreichen Faktoren ab - von zentraler Bedeutung sei aber "nach wie vor der sozioökonomische Status der Eltern". Dass fast jeder sechste Minderjährige von Armut bedroht sei, sei "gerade für eine reiche Volkswirtschaft wie Deutschland ein mehr als beschämender Befund."

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Bei der Armutsbekämpfung seien in den vergangenen Jahren "kaum Fortschritte gemacht worden", kritisieren die Autoren der Studie - im Gegenteil: Im Vergleich zu 2008 stagniere der Anteil der von Armut bedrohten Kinder. Kinder und Jugendliche mit alleinerziehenden Eltern seien dabei am stärksten gefährdet. Ein weiterer Risikofaktor sei ein Migrationshintergrund der Familie.

"Steigende Kinderarmut erschwert kulturelle, soziale und politische Teilhabe", schreiben die Forscher und warnen: "Materieller Mangel kann zu sozialer Stigmatisierung führen." Dies habe dann wiederum Auswirkungen auf die weiteren Bildungschancen - ein Teufelskreis.

Video: Kinderarmut in Deutschland

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kayakclc 14.11.2018
1. Ursache und Wirkung
Solche Artikel suggerieren einen Kausalzusammenhang zwischen Armut und Bildungschance. Dabei handelt es sich um einen Sekundäreffekt. Mangelnde Bildung des Elternhaus und deren psychische Probleme bedingen oft die Problem deren Kinder. Die Armut ist oft eine Folge mangelnder Bildung und nicht deren Ursache. Daher ist die Annahme der vielen Bildungsangebote das A und O der Armutsprävention.
christoph_schlobies 14.11.2018
2.
Wie bringt man es nur fertig , zu erklären ,es ginge uns noch nie so gut.
misterknowitall2 14.11.2018
3. Ok.
Sind die Thesen der Überschrift wirklich der Armut geschuldet, oder kann es auch an einem "bildungsfernen" Elternhaus liegen? Gut, dass korreliert sehr oft, aber ich glaube, dabei geht es mehr um Vorbilder. Kinder machen nach, was ihre Eltern ihnen vorleben. Geht keiner der Eltern regelmäßig zum Sport ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs nicht Sport geht, relativ hoch, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Fehlt es an Bildung, wird natürlich auch wenig weitergegeben. Und Bildung ist Voraussetzung für eine gesunde Ernährung, womit sich der Kreis schließt.
harke 14.11.2018
4. Richtig, aber
Fast jedes 6.Kind bedeutet, dass 5 Kindern dazu aber vergleichsweise gut geht oder zumindest bessere Voraussetzungen haben. Das ist im Vergleich zu den meisten Ländern auf diesem Planeten ein guter Wert.
tacv2001 14.11.2018
5. Kein Wunder
Noch bis in die 1990-er konnte fast jeder Familienvater seine Familie allein von seinem Enkommen finanzieren. Das ist jetzt kaum noch möglich, selbst wenn beide arbeiten. Besonders schlimm ist es für Alleinerziehende. Die ganze Emanzipationssache, auffällig oft ausgedacht und vorangetrieben von Frauen, die selbst keine Kinder haben, ist von den Lobbyiste des Großkapitals ausgenutzt worden und damit voll nach hinten losgegangen. Wers nicht glaubt, sollte sich die Gewinne deutscher Großkonzerne ansehen. Der eiskalte Spätkapitalismus lässt grüßen. Statt mal massiv für eine generelle Lohnerhöhung zu kämpfen, wird geduldet, dass dort genommen wird, wo es gerade noch reicht. So werden zum Schluss alle imner ärmer. Und das nachweislich seit Jahren. Ein Trauerspiel!
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